. .
News am 14.02.2012
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
19. Februar 2009, 10:09 Uhr

Kinderwunsch und Kinderwahn

Frauen über 60 werden Mutter. Eltern wählen ein Kind, das dem kranken Bruder Gewebe spenden kann. Und eine alleinstehende 33-Jährige bringt Achtlinge zur Welt. So manches Elternglück, das nur die moderne Medizin ermöglicht, entfacht heftige Diskussionen - in Deutschland geht's dabei auch ums Geld. Von Nina Bublitz

Künstliche Befruchtung, IVF, Nadya Suleman, Mehrlingsschwangerschaft, Schwangerschaft, kinderlos, Embryo

Nariyah ist eins von acht Kindern, die Nadya Suleman am 26. Januar zur Welt brachte© NBC News/AP

Sechs Embryonen pflanzte der Arzt in ihren Bauch. Weil sich zwei teilten, gebar sie schließlich Achtlinge: Der Fall von Nadya Suleman und ihren Babys wirft die Frage auf, wie weit die moderne Medizin gehen darf, die heute schon Designer-Babys ermöglicht und 70-Jährige zur Mutter macht. Hierzulande schiebt der Gesetzgeber solchen extremen Formen der Medizin allerdings den Riegel vor. Moral kommt vor Machbarkeit; die Regelungen zur künstlichen Befruchtung ("In-vitro-Fertilisation", kurz IVF) sind bei uns härter als in vielen anderen Ländern.

Ein Arzt, der in Rostock oder München einer Frau sechs Embryonen einpflanzt - wie es bei Nadya Suleman geschah -, landet vor Gericht. Maximal drei Embryonen dürfen es in Deutschland pro Behandlungszyklus sein, im Schnitt verpflanzen die Ärzte sogar nur zwei. Und eine alleinstehende Frau kommt als Kandidatin für eine künstliche Befruchtung sowieso nicht in Frage. Da muss schon ein Paar beim Arzt sitzen. Es sind viele, die in die Fruchtbarkeitskliniken kommen: Mehr als 42.000 Paare versuchten im Jahr 2007 in Deutschland per künstlicher Befruchtung ihren Kinderwunsch zu erfüllen.

Wann muss ein Kind im Bauch getötet werden?

Aus medizinischer Sicht ist es absolut sinnvoll, einer Frau möglichst wenige Embryonen einzusetzen. Eine Schwangerschaft mit Zwillingen oder Drillingen, von Achtlingen gar nicht zu reden, ist deutlich riskanter. Die Babys kommen oft zu früh zur Welt, sind körperlich oder geistig behindert. Das Risiko einer Fehlgeburt oder von schweren Komplikationen für die Mutter steigt ebenso. "Die Ärzte müssen über die möglichen Risiken aufklären", sagt Dr. Najib Nassar, Reproduktionsmediziner aus Saarbrücken. "Man schlägt auch einen Fetozid vor, also das selektive Abtöten eines Embryos im Mutterleib. Für die Eltern gibt es an dieser Stelle keine richtige, keine gute Entscheidung - jede Wahl ist für das Paar belastend."

Die Skandinavier stehen deutlich seltener vor dieser schweren Entscheidung: Dort setzen Ärzte bei einer künstlichen Befruchtung für gewöhnlich nur einen Embryo ein. Allerdings erzeugen sie zuvor im Labor mehrere Embryonen, um dann den auszuwählen, der die besten Entwicklungschancen hat. "Wir würden diese Möglichkeit auch gern anbieten", sagt Nassar.

Doch in Deutschland ist so eine Auswahl durch das Embryonenschutzgesetz verboten. Haben es deutsche Paare, die ohne medizinische Hilfe kein Kind bekommen können, also unnötig schwer? Auch für das Verbot gibt es schlüssige Gründe. Wohin mit den überschüssigen Embryonen, ist etwa eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Einfrieren, falls das Paar später noch eine weitere Befruchtung wünscht? Zur Adoption freigeben? Und wenn keiner die tiefgekühlten Zellen will - bleiben sie dann in alle Ewigkeit auf Eis? Oder darf man sie nach ein paar Jahren still entsorgen? In den USA lagern mehrere hunderttausend Embryonen in flüssigem Stickstoff.

Welchen Embryo wählt man?

Eine weitere Frage: Nach welchen Kriterien dürfen Ärzte und Eltern über das Einpflanzen oder Entsorgen von Embryonen entscheiden, wenn diese per Präimplantationsdiagnostik genetisch abgeklopft werden? Die Schwedin Helena Richardson etwa will mit ihrer Tochter, die noch nicht auf der Welt ist, ihren fünfjährigen Sohn retten: Der Embryo des Mädchens wurde ausgewählt, weil ihr Erbgut dem ihres Bruders so sehr ähnelt, dass sie ihm Nabelschnurblut und Knochenmark spenden kann. Auch auf schwere Erbkrankheiten dürfen Embryonen in Schweden untersucht werden, in Deutschland aber nicht.

In den USA gelten einige lockerere Auswahlkriterien: Hat ein Paar schon zwei Mädchen, so können sie gezielt einen Jungen wählen - oder anders herum: Willkommen beim "Family Balancing". Bereits im Jahr 2002 wählten zwei gehörlose lesbische Amerikanerinnen einen ebenfalls tauben Samenspender, damit ihr Kind ohne Gehör auf die Welt kommt. Und in Großbritannien kämpft ein Paar dafür, einen Embryo auswählen zu dürfen, der wie sie gehörlos ist.

Wer zahlt?

Die Diskussion in Deutschland scheint da vergleichsweise einfach: Momentan geht es um die Frage, wer die künstliche Befruchtung zahlt. Bis 2004 übernahmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten, seit dem Eintreten des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes müssen die Paare einen Teil des Geldes beisteuern. Jeder Behandlungszyklus kostet Kassenpatienten seitdem etwa 1500 Euro. Wenden Ärzte zusätzlich die ISCI-Methode an, bei der ein Spermium direkt in die Eizelle gespritzt wird, erhöhen sich die Kosten um rund 1600 Euro. Das finanzielle Risiko hat die Einstellung der Paare verändert. "Meist wird verlangt, dass die Ärzte drei Embryonen übertragen, weil die Paare sich dadurch bessere Chancen ausrechnen", sagt Mediziner Nassar. Viele brechen zudem die Behandlung nach dem dritten Zyklus ab, weil die Kosten des vierten gar nicht mehr von den Kassen bezuschusst werden. Dabei sei die Chance, im vierten Zyklus schwanger zu werden, auch nicht wesentlich geringer als im dritten, so Nassar. Und viele Paare versuchen es erst gar nicht mit der IVF. Seit 2004 wurden etwa 13.000 bis 15.000 Kinder weniger in Deutschland geboren, erklärt Reproduktionsmediziner Klaus Bühler im stern.

Sachsen preschte jetzt vor: Das Bundesland will künstliche Befruchtungen bezuschussen. Verheiratete Paare bekommen ab März für den zweiten und dritten Behandlungszyklus bis zu 900 Euro, den vierten bis zu 1800. Nun denkt auch Familienministerin von der Leyen über höhere Zuschüsse für ungewollt kinderlose Paare nach. Das würde sich aus familienpolitischer Sicht wahrscheinlich lohnen.

Diskutieren Sie mit! Wo sind die Grenzen der künstlichen Befruchtung? Dürfen Eltern Wunschkinder in Auftrag geben? Sollen Samenspende, Eizellenspende, Leihmutterschaft unbegrenzt erlaubt sein?

Senden Sie Ihre Mail an kinderwunsch@stern.de

Eine Auswahl der Beiträge wird am 23. Februar auf stern.de und im stern Nr. 10 veröffentlicht.

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema ... lesen Sie im stern Nr. 9. Die Geschichte der Nadya Suleman. Künstliche Befruchtung: Wo sind die Grenzen?

Von Nina Bublitz
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Ungewollt kinderlos Wenn der Traum vom leiblichen Kind platzt

Für viele Paare ist die künstliche Befruchtung die letzte Hoffnung auf ein leibliches Kind. Doch nicht für alle erfüllt sich der Wunsch. Im stern.de-Interview spricht der Heidelberger Psychologe Dr. Tewes Wischmann über die Erfolgschance und die Trauerarbeit, die nötig ist, wenn der Traum platzt. mehr...

Kalifornien Mutter der Achtlinge bittet um Spenden

Riesen-Wirbel um Nadya Suleman, die Mutter der in Kalifornien geborenen Achtlinge: Dass sie ihre insgesamt 14 Kinder nur mit Hilfe staatlicher Unterstützung aufziehen kann, hat für heftige Empörung gesorgt. In Leserbriefen und Blogs machen die Kalifornier ihrem Ärger Luft, schimpfen Suleman eine Idiotin. Die ficht das nicht an. Sie bittet im Internet um Spenden - und will ab Herbst wieder studieren. mehr...

Künstliche Befruchtung Geschwister als Ersatzteil-Lieferanten

Eltern mit einem schwerkranken Kind können per künstlicher Befruchtung ein Geschwisterkind zeugen und auswählen, das sich als Zell- und Organspender eignet. Dafür stimmten die britischen Abgeordneten nach einer hitzigen Debatte im Parlament. Glück für die Kranken - oder eine Horrorvision? mehr...