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24. Juli 2006, 06:00 Uhr

Bilanz eines rauchfreien Quartals

Auch in schnelllebigen Zeiten lohnt manchmal der Blick zurück. Seit meinem Rauchstopp sind inzwischen 12 Wochen vergangen. Eine wechselhafte Zeit, aber es hat sich gelohnt. Zeit, einmal Bilanz zu ziehen. Von Björn Erichsen

12 Wochen rauchfrei - das waren Höhen und Tiefen. So langsam strebt das System aber wieder stabilere Zustände an© Björn Erichsen

Unter dem ersten Text dieses Tagebuchs, kurz nach meiner Stunde Null am 1. Mai, steht sicher einer der, na sagen wir, buntesten Kommentare. stern.de-User "Iaah" lässt mich darin wissen, dass Versuche zur Rauchentwöhnung reine Energieverschwendung seien, ja sogar eine Gefahr für die Allgemeinheit: "Neben Fernsehen und Alkohol ist Nikotin der Kitt, der Gesellschaften vor anarchistischer Gewaltentladung schützt", so seine These. Spätestens als er einen "unlöschbaren Weltenbrand" durch übellaunige Nichtraucher prophezeit, klappt man gedanklich weg.

Viele kleine Facetten machen in der Summe eine neue Lebensqualität

Durch den Denknebel hindurch fand ich allerdings bemerkenswert, wie er abstinente Raucher charakterisiert: Entweder als aggressive Gemütsanarchisten oder Militant-Nichtraucher mit Mission, dazwischen sieht er nur wenig. So ganz Unrecht hat er nicht, diese "Typen" gibt es ja wirklich, sogar in Reinform. Und wenn ich mir meine inzwischen zwölf Wochen ohne Zigaretten anschaue, kann ich auch beide Tendenzen entdecken: Gelegentliches Missionieren war dabei, fluchen und leiden sowieso.

Aber das ist sicher nicht alles. Ich habe mein kleines Jubiläum zum Anlass genommen, über die letzten Monate ohne Zigaretten nachzudenken. Soviel vorweg: Die Quartalsbilanz fällt ziemlich positiv aus. Erst als ich mich aktiv damit befasst habe, ist mir aufgefallen, in wie vielen Bereichen sich Dinge verändert haben. Oft sind es nur Facetten, aber deren Summe macht eine neue Lebensqualität aus:

Gesundheit: Ich will es mal so sagen: Mir war nicht mehr bekannt, dass es möglich ist, sich so gesund zu fühlen. Mein über Jahre mit Kaffee und Zigaretten kultivierter Reizmagen hat Ruhe gegeben, das ewige Kratzen im Hals hat sich verabschiedet. Vorbei die Zeit, dass ich nach ein paar Bahnen Brustschwimmen keuchend am Beckenrand zusammensackte.

Sport: Sport war am Anfang das Ventil für aufgestaute Energie. Inzwischen ist er selbstverständlicher Teil meines Alltags. Probleme damit mich aufzuraffen, wie früher so oft, habe ich nicht mehr, meine Fitness-Club-Mitgliedskarte dient nicht mehr allein der Gewissensberuhigung.

Gewicht: Gegen die Gewichtszunahme komme ich (noch) nicht an. Die Fressorgien in den ersten Wochen waren unheimlich, 5-6 Mahlzeiten täglich gehen sicher nicht als gesunder Hunger durch. Der Preis dafür: acht Kilo mehr auf den Hüften, Lebenshöchstgewicht! Das ist gerade in einem heißen Sommer sehr lästig. Ich kann verstehen, dass viele bemühte Nichtraucher an diesem Punkt scheitern.

Geld: Geld hingegen ist wohl das stärkste Argument, sich das Rauchen abzugewöhnen. In den ersten Wochen ging noch viel Geld für Nikotinpflaster und Essen drauf. Inzwischen spare ich aber rund 100 Euro monatlich. Die kommen eher gefühltem Reichtum gleich: Fast immer Münzgeld in der Tasche, seltener zum Geldautomaten.

Zwang: Die ersten Wochen waren heftig, ein heftiger Gefühlsmix aus Wut, Aggression und Verbissenheit. Aber auch Euphorie, über wiederkehrenden Geschmackssinn oder rauchfreie Stunden. Die Schmachtattacken kommen nur noch selten, die meiste Zeit bin ich sehr entspannt. Jedoch ist die Sucht nicht tot, dass habe ich an stressigen Tagen erleben müssen, auf einer WM-Party hätte es mich fast erwischt.

Die Zeiten, wo ich mir täglich 25 Zigaretten reinzog, wirken wie ein böser Traum

Es gibt noch viele weitere Facetten, die inzwischen meine "neue Normalität" ausmachen. Eine Wohnung ohne Mief gehört dazu, genauso das schöne Gefühl bei der aktuellen Rauchdebatte auf der richtigen Seite zu stehen. Stolz macht mich das Bewusstsein, der Sucht, die mich so lange im Griff hatte, kräftig in den Hintern getreten zu haben.

Nach zwölf Wochen sind für mich die Zeiten, in denen ich mir 25 Zigaretten und mehr reingezogen habe, weit weg, wirken nur noch wie ein böser Traum. Ich kann sagen, dass es sich gelohnt hat. Ich führe vielleicht kein neues Leben, aber ein anderes, sicher besseres. User "iaah" kann ich damit auch eine große Sorge nehmen: Es werden sicher nicht die Nichtraucher sein, an denen die Welt zugrunde geht.

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Rauchfreie Zone

Rauchfreie Zone Björn Erichsen, Jahrgang 74, lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Schwerpunkte sind Politik, Kultur, Medien und Sport. Seit Mai treibt ihn die Frage um, ob man sich nach 120.000 Zigaretten noch einmal Nichtraucher nennen darf.

Von Björn Erichsen
 
 
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