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26. September 2006, 06:00 Uhr

Die schleichende Militanz

Nur wenige Dinge nerven einen Raucher mehr als militante Nichtraucher. Doch nach mehreren Monaten der Abstinenz ist so manch verhasste Nichtraucher-Attitüde unausweichlich. Ein Übel, mit dem ich leben kann. Von Björn Erichsen

Nichtraucher werden ist schon schwer - dabei aber nicht militant sein, eine echte Herausforderung© Thomas Holbach/DPA

Mit Philipp habe ich während meines Studiums für einige Zeit zusammen gearbeitet. Ein netter Kollege, nur leider etwas anstrengend. Irgendwann hatte er sich das Rauchen abgewöhnt und beschlossen, möglichst viele Menschen von ihrer Sucht zu befreien. Gern informierte er die im Pausenraum rauchende Belegschaft über Schadstoffe, Potenzrisiken und Krebstote. Spätestens als er an derselben Stelle ein Poster von einem rauchenden Schimpansen aufhängte, steckte ich mir meist noch eine zweite Zigarette an, wenn er in der Nähe war. Kleine Nichtraucher-Spießigkeiten schleichen sich ein Bloß kein "militanter Nichtraucher" werden, das hat sich stern.de-Leser sibiua vorgenommen. Erst vor wenigen Tagen hat er die Zigarette weggelegt. Lieber würde er wieder rauchen, als zu so einem "ätzenden Wesen zu mutieren". Guter Vorsatz, habe ich hier auch mal so geschrieben. Und mich lange dran gehalten. Bloß nicht unter Militanzverdacht geraten. Doch der gute Vorsatz schmilzt allmählich, ganz unvermittelt träufeln kleine Nichtraucher-Spießigkeiten hinein in meinen Alltag.

Es fing damit an, dass ich mein Auto zum Unverständnis meiner Mitfahrer zur rauchfreien Zone erklärt hatte. Kurzzeitig wollte ich auch nach mehreren Besuchen rege rauchender Bekannten in der letzten Woche das Rauchverbot auf meine Wohnung ausdehnen. Aber das habe ich das schnell wieder verworfen, ich brauchte mich nur kurz an so manch kalten Ausflug auf die Balkone anderer Leute erinnern. Mutiere ich nun zum Militanten? Inzwischen beschränke ich mein Mitteilungsbedürfnis zum Thema Rauchen nicht mehr auf die Momente, in denen ich danach gefragt werde. Ein guter Freund "profitiert" besonders von meinem Eifer. Wir hatten im Mai zeitgleich aufgehört, er nach zwei Monaten aber wieder angefangen. Das wurmt ihn mächtig. Natürlich stehe ich ihm mit Rat und Tat zur Seite. Einem Augenrollen konnte ich allerdings kürzlich entnehmen, dass ich das gut gefüllte Schatzkästchen mit Ratschlägen einmal zu oft geöffnet habe.

Die Liste der Nicklichkeiten ließe sich noch fortführen: etwa durch betont genervtes Handwedeln in stickigen Cafés oder durch Kampflinie in der Diskussion um öffentliches Rauchen. Alles nur Kleinigkeiten, doch bekanntlich macht die Masse das Gift. Mutiere ich nun zum Militanten, zu einem zweiten Philipp? Sollte ich gar wieder mit dem Rauchen anfangen, wie User sibuia vorschlägt? Das ist natürlich Quatsch. Klar, dass ich mich mit dem Rauchen beschäftige, gerade nachdem ich zuletzt viele wackelige Momente hatte. Wahrscheinlich bin ich unterbewusst nur die Flucht nach vorn angetreten. Außerdem komme ich mit ein wenig Nichtraucher-Attitüde ganz gut klar. Nur um nicht der Militanz verdächtig zu sein, werde ich nicht jeden blauen Dunst ertragen. Und solange ich keine Bilder von rauchenden Primaten aufhänge, ist meine Welt noch in Ordnung.

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Rauchfreie Zone

Rauchfreie Zone Björn Erichsen, Jahrgang 74, lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Schwerpunkte sind Politik, Kultur, Medien und Sport. Seit Mai treibt ihn die Frage um, ob man sich nach 120.000 Zigaretten noch einmal Nichtraucher nennen darf.

Von Björn Erichsen
 
 
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