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4. Juli 2006, 08:03 Uhr

Die Zigarette danach

Im Leben eines Mannes gibt es einige ganz besondere Momente. Kann es falsch sein, in diesen eine Zigarette zu rauchen? Die Chronik eines Sieges. Von Björn Erichsen

Zoom

Fans auf der Reeperbahn: Eine riesige Party, und mittendrin Björn - und das Verlangen nach der Siegeszigarette© Ulrich Perrey/DPA

Halbfinale, Habfinale, wir ziehen wieder ein in das Halbfinale." Lauthals schmetterte ich meine Freude über den Sieg unserer Mannschaft gegen Argentinien heraus. Manchmal klingt es tatsächlich ein bisschen wie Michael Holms "Mendocino". Es war ein unglaubliches Spiel und ein historischer Sieg. Reine Nervensache. Erst totale Anspannung, dann blitzartige Entladung. Grenzenloser Jubel, die Party geht weiter.

Und wie. Ich hatte mir das Spiel in der Redaktion angeschaut, von da aus bin ich mit ein paar Kollegen weiter mitten durch die feiernde Stadt. Kaum zu beschreiben, was sich auf der Reeperbahn abspielte. Menschenmassen lagen sich in den Armen, tanzten und sangen. Pure Euphorie, absoluter Ausnahmezustand, alle feierten ein spontanes Volksfest. Es war ein perfekter Abend. Herrliches Wetter, Alles-ist- möglich-Stimmung wehte durch die Straßen.

Nur eine Ausnahme, an einem Abend, an dem Regeln nichts gelten

Dem bemühten Nichtraucher eröffnet sich da ein gewisser Spielraum. Als ich vor dem qualmenden Barbecue-Grill Australiens auf eine süß-saure Frikadelle (köstlich!) wartete, beschäftigte mich bereits intensiv mit der Frage, ob zur Feier des Tages nicht eine Zigarette angemessen sei. Der Sieg war glorreich gewesen, die Zigarette danach würde es nicht weniger sein. Meine ganz persönliche Trophäe. Nur eine Ausnahme, an einem Abend, an dem Regeln nichts gelten.

Die nächsten 30 Minuten verbrachte ich wie im Film. Einen derartigen Jieper auf Zigaretten hatte ich schon lange nicht mehr. In meinem Kopf pochte es, ich starrte dumpf auf die Großbildleinwand. Den Sieg der Italiener bekam ich nur am Rande mit. Ich muss es ausgestrahlt haben, aufgeschreckt wurde ich jedenfalls durch einen Kollegen, der mir allen Ernstes eine Zigarette anbat. Ich reagierte mit einer Art Fluchtreflex, lehnte scharf ab. Dabei war ich überhaupt nicht souverän, fühlte mich ertappt, pure Notwehr. Bald darauf bin ich nach Hause, wollte nur noch schlafen.

Die Sucht hat scheinbar viel Geduld

Am nächsten Morgen musste ich früh hoch, war einigermaßen fertig. Das Letzte, was ich da im Sinn hatte, war eine Zigarette zu rauchen. Von der spontanen Gier war nur noch ein dunkler Schatten geblieben. Die Intensität der Suchtattacke hat mich aber überrascht. Ich hatte mich in den letzten Wochen sehr sicher gefühlt und tue das auch jetzt wieder. Aber die Sucht hat scheinbar viel Geduld, für ihr Muskelspiel hat sie seelenruhig auf einen "besonderen Moment" gewartet. Davon gibt es derzeit einige. Mal abwarten, wie es am Sonntag läuft, wenn wir den Pokal bekommen.

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Rauchfreie Zone

Rauchfreie Zone Björn Erichsen, Jahrgang 74, lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Schwerpunkte sind Politik, Kultur, Medien und Sport. Seit neuestem treibt ihn die Frage um, ob man sich nach 120.000 Zigaretten noch einmal Nichtraucher nennen darf.

Von Björn Erichsen
KOMMENTARE (4 von 4)
 
gsc777 (06.07.2006, 09:23 Uhr)
Es lohnt sich!
Ich habe über 40 Jahre geraucht. Roth Händle. Das sagt vieles. Nach 12 Versuchen habe ich es vor einigen Jahren geschafft. Darauf bin ich heute noch stolz. Für mich war es fast wie die WM.
Einige Monate Qual. Danach Stolz ohne Ende. Achtung! Intoleranz droht gewaltig. Beispiel: Nie würde ich eine Raucherin küssen. (Wie Aschenbecher auslecken)
bernhard
Miamai2006 (05.07.2006, 18:31 Uhr)
Das war dann wohl die letzte Hürde der WM
Was für ein "Glück" dass wir gestern verloren haben. Ich würde und werde mir auch weiterhin keine Ausnahmezigarette gönnen. Erstmal bin ich einfach glücklich in Woche 10 immer noch clean zu sein und weiß, dass ich mir nicht einen Zug gönnen darft, dafür war die Sucht zu groß (und ich habe das auch schon probiert und nicht im Griff gehabt)
Deswegen habe ich mir diesmal auch vorgenommen, dass wenn ich einmal zeihe, ich mir umgehend ein Schachtel kaufen und das Ding als gescheitert betrachte.Alles anderer wäre Selbstbeschiss. Vielleicht macht es mir das "entweder oder" auch leichter.
Keksi (03.07.2006, 14:06 Uhr)
Nur nicht nachgeben!!!
Es ist noch viel zu früh um eine Siegeszigarette zu rauchen... einmal süchtig, bleibt man es ein Leben lang. Trockene Alkis dürfen ja auch keine "Siegesglas Alkohol trinken". Davon mal abgesehen würde ich den evtl. Sieg Deutschlands gleich als persönlichen Sieg feiern, dass du immer noch durchgehalten hast.. vielleicht mit einem leckeren Schokoriegel oder so... ich würde es lassen...
Weiterhin alles alles Gute
Keksi
Exrocker (03.07.2006, 13:56 Uhr)
Siegerzigarette
Hallo ..
Ersteinmal auch von mir einen Glückwunsch zum bisher erreichten. Mal ein kleiner Tipp zur WM Fluppe ..
Man kann Pfeifen und Zigarren PAFFEN !!! also nicht auf Lunge .. Das mache ich recht regelmäßig und ich rauche seit dem 6.3.97 nicht mehr :-)
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