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11. September 2006, 16:05 Uhr

Doppelkopf mit Kippe

Meine letzte Zigarette liegt schon mehr als vier Monate zurück. Und doch bin ich weit davon entfernt, mich einen Nichtraucher zu nennen. Mindestens eine Hirnhälfte scheint etwas dagegen zu haben. Von Björn Erichsen

Der Januskopf ist ein Symbol für Zwiespältigkeit - und versinnbildlicht perfekt Björns Gemütszustand© Erich Lessing/AKG/Picture-Alliance

Janus war so etwas wie der Türsteher der Antike. Im alten Rom galt er als Schutzgott von Ein- und Ausgängen, von Türen und Toren. Praktisch für dieses Berufsfeld: Er hatte zwei Köpfe, konnte gleichzeitig nach hinten und nach vorne schauen. Ein Symbol für Anfang und Ende, im heutigen Sprachgebrauch vor allem für Zwiespältigkeit.

Nährboden für den Januskopf mit der Kippe im Mund

Letzteres beschreibt meine derzeitige Befindlichkeit recht gut. Die letzte Zigarette liegt nun rund viereinhalb Monate zurück, ewig lang kommt mir das manchmal vor. Und doch würde ich mich momentan kaum einen Nichtraucher nennen, bemühter Ex-Raucher träfe es wohl besser. Die letzten zwei Wochen hatten es in sich und haben mir gezeigt, dass mein kleines rauchfreies Glück auf ziemlich wackeligen Beinchen steht. Mehr als 130 Tage ohne und geschätzte 2600 nicht gerauchte Zigaretten haben mein Suchtgedächtnis nicht mal angekratzt.

Das Muster der Suchtattacken kenne ich inzwischen nur zu gut, die Mixtur ist immer gleich: erhöhter Stress im Job, dazu ein paar persönliche Dinge, die gewaltig nerven. Auf diesem Nährboden wächst er heran, der Januskopf mit der Kippe im Mund. Meist abends, wenn ich am Schreibtisch sitze und beim Schreiben nicht so recht vorankomme. Dann souffliert er zuckersüß, dass eine Zigarette doch bekanntermaßen ein Allheilmittel gegen Schreibblockade sei.

Kinderkrankheiten der Nichtraucherei, noch einmal intensiv

Ein gelegentlicher Schmachter ist auch nach den Monaten ohne Zigarette völlig normal. Er kommt als kurzer flüchtiger Gedanke daher, der schnell wieder vergeht. Ein Irrlicht, das sich ohne Mühe ausblasen lässt. Doch wehe man gewährt ihm auch nur den kleinsten Raum, zieht auch nur die Möglichkeit einer Zigarette in Erwägung, dann frisst er sich unaufhaltsam durch alle Hirnregionen wie ein Schwarm hungriger Heuschrecken.

Ich bin in diesen Situationen nach draußen geflohen, bin spazieren gegangen, um in der Abendluft den Kopf frei zu bekommen. Meistens ging dann noch zur Tanke um die Ecke. Dort habe ich in Schokolade investiert, soviel als gelte es zwei nervöse Münder Mäuler damit zu stopfen. Das Bemühen um Fitness und endlich wieder eine schlanke Linie ist derzeit auf Eis gelegt, was auch nicht grade zur Auflösung des großen Zwiespalts beiträgt.

Suchtattacken, Entspannungsspaziergänge und Fressorgien, das alles kommt mir gerade vor wie ein böser Blick zurück in die dunkle Anfangszeit der Rauchentwöhnung. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Kinderkrankheiten der Nichtraucherei noch einmal derart intensiv erleben würde. Aber bisher habe ich nicht geraucht und das ist für mich die Hauptsache. Nun stehen erstmal ein paar ruhigere Tage an und bin allerbester Hoffnung, dass Freund Janus nun bald auch mal wieder in die andere Richtung schaut.

Rauchfreie Zone

Rauchfreie Zone Björn Erichsen, Jahrgang 74, lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Schwerpunkte sind Politik, Kultur, Medien und Sport. Seit Mai treibt ihn die Frage um, ob man sich nach 120.000 Zigaretten noch einmal Nichtraucher nennen darf.

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Von Björn Erichsen
 
 
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