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10. Juli 2006, 16:00 Uhr

Ein ganz normaler Hürdenlauf

Mit dem Rauchen aufzuhören, ist am Anfang extrem schwierig, wird dann aber immer leichter. Dachte ich zumindest. Leider kann es auch etwas anders laufen, wie ich in der letzten Woche erfahren musste. Von Björn Erichsen

Hürdenläufer in Aktion: "Das Nichtmehrrauchen gleicht einem Hürdenlauf, bei dem die Hürden immer niedriger werden"© Robert Michael/DDP

Es ist vorbei. Die größte Fußballparty, die Deutschland je gesehen hat, ist zu Ende. Die Flaggen werden eingerollt, das allabendliche Autokorso heißt nun wieder Verkehrsstau. Dass wir nicht Weltmeister geworden sind, finde ich sehr schade. Einzig positiv ist, dass ich mir zumindest keine Gedanken über eine, selbstverständlich nur gepaffte, Siegeszigarre machen musste, wie sie mir stern.de-User "Exrocker" empfohlen hat.

Vom Rauchen geträumt

Das ist auch gut so. Der heftige Flirt mit der potenziellen Siegeszigarette nach dem Argentinienspiel, von dem ich beim letzten Mal erzählte habe, hat Spuren hinterlassen. Die Sucht verfolgt mich wieder in den Alltag. Für mich enttäuschend, ich dachte, das hätte ich bereits überwunden. In der abgelaufenen Woche war der Gedanke an Zigaretten präsent wie lange nicht mehr: Nach dem Mittagessen, beim Käffchen mit einer Freundin, einmal auf dem Weg nach Hause, ganz besonders beim Feiern. Ich habe aufgehört zu zählen. Vorgestern Nacht habe ich sogar vom Rauchen geträumt.

Das Verlangen ist nicht so stark, dass es mich direkt aus der Bahn werfen würde, aber eben doch merklich vorhanden. Ich muss in diesen Momenten Kraft aufbringen, um den Gedanken aus meinem Kopf zu bekommen. Warum der Schmachter nach zehn Wochen ohne Zigaretten wieder häufiger kommt, vermag ich nicht zu sagen. Fühlte ich mich zu sicher, oder liegt es allein am Stress? Nach über einem Monat WM-Berichterstattung fühle ich mich einigermaßen ausgezehrt, bin dadurch scheinbar ein leichteres Opfer für die Sucht.

Rückfällig nach zwei Monaten - das passiert vielen

Vielleicht ist der Zeitpunkt generell gefährlich. Ich habe mich ein wenig umgehört, auffällig viele Leute haben nach etwa zwei Monaten wieder angefangen. So wie eine Freundin von mir. Sie ist vor kurzem nach etwa zwei rauchfreien Monaten wieder rückfällig geworden. Recht unvermittelt, und doch fast klassisch: Sie hatte Stress im Job, dazu kam privater Ärger, dann die erste Zigarette auf einer Party. Zwei Wochen später war sie wieder bei einer Schachtel angekommen.

In einem Thread des stern.de-Nichtraucherforums steht ein schöner Satz von Ulrich Mitschele vom Freiburger Rauch-Entwöhnungs-Projekt, der mir schon sehr geholfen hat: "Das Nichtmehrrauchen gleicht einem Hürdenlauf, bei dem die Hürden immer weiter auseinander liegen und niedriger werden; die Attacken werden leichter, kürzer und seltener." Das konnte ich so bisher unterschreiben, nur eben in der letzten Woche nicht. Da sind die Hürden wieder ein wenig höher geworden, auch zahlreicher.

Noch nach sieben Jahren nicht "geheilt"

Von der Vorstellung, jemals vollständig von den Entzugserscheinungen "geheilt" zu sein, hatte ich mich schon vor einiger Zeit verabschiedet. Ich hatte mich da mit einem Bekannten unterhalten, der sich vor sieben Jahren das Rauchen abgewöhnt hat. Er ist glücklich mit dieser Entscheidung. Doch selbst er hat noch gelegentliche Schmachtattacken, ausgelöst durch Schlüsselreize, etwa wenn er eine schöne dampfende Tasse Kaffee sieht. Nicht dass er dem nachgeben würde, aber den Gedanken an Zigaretten ist er auch nach Jahren nicht ganz losgeworden.

Ich werde es nach der WM erstmal ein wenig ruhiger angehen lassen, etwas entspannen. Ich sehne mich gerade nach Normalität, auch nach einer Nichtraucher-Normalität, die wieder weniger Versuchungen mit sich bringt und mich die positiven Aspekte des Nichtrauchens wieder stärker sehen lässt. Noch aber bin ich über jede Hürde gekommen und bin entschlossen weiter zu laufen. Rauchfrei seit zehn Wochen.

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Schmachtattacken noch nach zehn rauchfreien Wochen - ist man denn niemals wirklich "geheilt" von der Sucht?

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Rauchfreie Zone

Rauchfreie Zone Björn Erichsen, Jahrgang 74, lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Schwerpunkte sind Politik, Kultur, Medien und Sport. Seit Mai treibt ihn die Frage um, ob man sich nach 120.000 Zigaretten noch einmal Nichtraucher nennen darf.

Von Björn Erichsen
 
 
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