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23. Oktober 2006, 10:25 Uhr

Familienbande

In unseren Eltern spiegelt sich unsere eigene Zukunft wider. Das ist mir bei einem Heimatbesuch in der vergangenen Woche sehr bewusst geworden. Aber was bedeutet das, wenn man wie ich aus einer Raucherfamilie kommt? Von Björn Erichsen

Zoom

Nachts im Auto: Die 160 Kilometer bin ich schon oft gefahren, jedes Mal waren es drei Zigaretten, immer an denselben Wegmarken© Benno Grieshaber/DDP

Die Strecke von Kappeln an der Schlei, ganz im Norden Schleswig-Holsteins, bis nach Hamburg dauerte bei mir traditionell drei Zigaretten lang. Das fiel mir auf, als ich in der letzten Woche spät abends auf dem Rückweg von einem Besuch in meiner alten Heimat war. Die 160 Kilometer bin ich schon oft gefahren, jedes Mal waren es drei Zigaretten, immer an denselben Wegmarken. Eine kurz hinter Eckernförde, die nächste in Höhe der Autobahnausfahrt Kiel/Bordesholm, und schließlich die letzte, wenn ich den Rastplatz Holmoor passierte. Wieder so ein Raucherritual, das man erst enttarnt, wenn man abstinent ist.

Mein Vater musste auf seinen Lieblingswitz verzichten

Die vier Tage an der Ostseeküste bei meinen Eltern waren wie immer sehr entspannend. Das Landleben zeichnet sich nicht nur durch gute Luft aus, sondern auch durch Beständigkeit. Mal wieder gänzlich Kind sein, sich ordentlich betüddeln lassen, schickes Essen genießen. Die Klamotten riechen einfach besser, wenn Muttern sie wäscht. Wie sie das hinbekommt, weiß ich nicht. Dazu Strandspaziergänge und Mittagsschläfchen, alles wie immer.

Etwas war dieses Mal aber anders: Mein Vater musste auf seinen Lieblingswitz verzichten. Normalerweise fordert er mich mit betont ernster Mine auf, ihm umgehend meinen Führerschein auszuhändigen. Eine alte Geschichte: Wir hatten einmal die Abmachung getroffen, dass mir die Fahrschule bezahlt wird, sollte ich bis zu meinem 18. Geburtstag nicht rauche. Da ich erst ein Jahr später, den "Lappen" sicher in der Tasche, angefangen hatte, sah ich meinen Teil der Übereinkunft voll erfüllt. Von seiner Hartnäckigkeit, die private Verkehrskontrolle zu zelebrieren, ahnte ich da noch nichts. Aber nach mehr als fünf Monaten ohne Zigaretten scheine ich mir den Führerschein so langsam verdient zu haben.

Wir sind eine Raucherfamilie

Es gibt die These, dass Eltern ihre Sucht an die Kinder weitergeben, die Frage der Suchtanfälligkeit also in den Genen liege. Sollte das stimmen, hätten sich meine Eltern die Versuche, mich durch Anreize vom Rauchen abzuhalten, schenken können. Wir sind eine Raucherfamilie. Vor vier Jahren hat meine Mutter den Absprung geschafft, mein Vater raucht seit Mitte der 50er Jahre, seit er seine ersten Zigaretten als Lohn für das Ernten eines Zuckerrübenfeldes bekommen hatte. Auch diese Geschichte erzählt er heute noch ganz gern.

Rauchen war damals chic, einen Grund, auf diesen Luxus zu verzichten, sah er bisher nicht. Das macht ihm heute, kurz nach seinem 62. Geburtstag, sehr zu schaffen. Er nennt es "Zipperlein", aber das ist eine böse Untertreibung. Er muss sehr mit seinen Kräften haushalten, kann sich kaum noch belasten, in punkto Herzinfarkt ist er ein Risikopatient. Daran sind sicher nicht allein die Zigaretten schuld, aber 50 Jahre Rauchen hinterlassen nun mal ihre Spuren.

Spontane Freude über drei nicht gerauchte Zigaretten

So mischt sich in die Freude, meine Eltern wieder zu sehen, seit einiger Zeit ein Wermutstropfen. Es tut weh, meinen Vater, der für uns immer alles geregelt hat, derart eingeschränkt zu sehen. Beim Abschied gibt es immer den Gedanken, dass es der letzte gewesen sein könnte. Ein Hauch Melancholie ist auf der Rückreise immer im Gepäck.

Auf der Fahrt nach Hamburg habe ich viel nachgedacht, denn in den Eltern spiegelt sich immer auch ein Teil der eigenen Zukunft wider. Ich mag aber nicht glauben, dass ich der Sucht, die noch immer in mir schlummert, per Gencode ausgeliefert bin. Als ich am Rastplatz Holmoor vorbeifahre, empfinde ich ein spontanes Glücksgefühl. Darüber, dass ich die drei Zigaretten nicht rauchen musste, dass ich nach so vielen Ausreden in der Vergangenheit das leidige Laster endlich angegangen bin. Auch wenn es manchmal noch schwer fällt. In der Ferne sehe ich die Lichter von Hamburg - bald habe ich es geschafft.

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Wie der Vater, so der Sohn - sind wir beim Rauchen unserem Gencode ausgeliefert? Diskutieren Sie mit!

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Rauchfreie Zone

Rauchfreie Zone Björn Erichsen, Jahrgang 74, lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Schwerpunkte sind Politik, Kultur, Medien und Sport. Seit Mai treibt ihn die Frage um, ob man sich nach 120.000 Zigaretten noch einmal Nichtraucher nennen darf.

Von Björn Erichsen
KOMMENTARE (5 von 5)
 
SySch (10.10.2006, 15:55 Uhr)
Suchtgen-Ausrede?
Hallo Björn,
ja, es ist eine (Ansichts?)sache, als Kind/JUgendliche von den Eltern und ihren Verhaltensweisen geprägt zu werden. Aber sie leben dir doch ihre Sucht "hautnah" vor!
Ich bin Zeit meines Lebens überzeugte Nichtraucherin, gerade weil meine Mutter "rauchte wie ein Schlot". Dieser rasselnde Atem, ständig dieser "volle" Husten, vom Gestank ganz zu schweigen, ja, es ekelte mich. Durch die Jahre wurden die Symptome stärker, ebenso wie meine Distanz.
Gerade weil ich diese Negativwerbung tagtäglich vorgelebt bekam, blieb ich so überzeugt Nichtraucherin. Jetzt frage ich ernsthaft: kriegen andere Kinder diese Begleitumstände nicht mit oder waren sie bei meiner Mutter besonders ausgeprägt? Keinesfalls hätte mich das Anbieten einer Zigarette - durch wen auch immer - all das vergessen machen.
Gut, es war nicht der einzige Charaktermangel, der mir eine Bindung zu ihr erschwerte, aber kann man so 'blind' sein, all diese Begleitumstände so völlig zu ignorieren?
Es soll wirklich kein Angriff sein oder die Nöte von Menschen negieren, die -zu Recht! - stolz sind, endlich das Nichtrauchen nach womöglich langen Raucherjahren geschafft zu haben. Doch war ich wirklich ein Exot, als Kind etwas wahrzunehmen, was andere Kinder nicht auch bemerken?
Mag es Menschen mit einem Suchtgen geben, man muß sich diesem nicht kampflos ergeben, auch aus negativem Fehlverhalten kann Positives erwachsen.
nobbsche (09.10.2006, 16:47 Uhr)
wie der Herr so´ s Gescherr
..muß aber nicht sein. Mein Vater war starker Raucher in meiner Kindheit. Hat es sich später dann abgewöhnt.Von den drei Kindern raucht keins, jedoch haben zwei meiner Söhne in der Schule angefangen, früh, so mit 14,15 und beide dann mit 20 den Absprung geschafft. Durch Sport. Mittlerweile ekeln sie sich vor Rauch und fordern ein striktes Rauchverbot in öffentl. Räumen.
Meiner Meinung nach wird man eher Raucher durch die Umwelt, Einfluß von Gleichaltrigen etc. als durch Gene.
JenFuchs (09.10.2006, 16:39 Uhr)
Väter
Ich kenne das auch, mein Vater war starker Raucher und leider dem Alkohol nicht abgeneigt bis es zum Gau kam. Das Rauchen ließ er, die andere Sucht war nach Monaten doch stärker. Ich rauche seit drei Jahren nicht mehr und bin wirklich glücklich darüber, nur noch der Alkohol macht mir noch Angst. Jedes Bierchen oder Schnäpschen macht ein schlechtes Gewissen, ich denke damit höre ich auch bald auf. Ich glaube an das Übertragen von Verhaltensmuster von Eltern zu Kindern, unbewußt aber immer vorhanden. Wenn es in den Genen steckt, heißt es noch lange nicht, dass es aktiv beeinflußt. Der eigene Wille kann stärker sein.
Heute sehe ich meinen Vater, der immer ein lieber Mensch war, was von ihm übrig ist nach den Jahren die er seinen Süchte frönte. Ich weiß, ich will nicht so werden !
sibiua (09.10.2006, 15:54 Uhr)
Wie der Vater...
Hallo Björn, bei uns raucht mein Vater - meine Schwester und Mutter haben noch nie geraucht. Ich bin meinem Vater gefolgt, ob genetisch oder aus den üblichen anderen Gründen, weiß ich nicht. Ich weiß nur, das ich seit 8 Tagen kämpfe und leider erst Tag 27 ist. Aber alle ermutigen mich (naja bisher reden sie noch mit mir, noch mal 8 Tage so eine Laune und ich bin einsam :-). Ist es wirklich die Genetik ? Wie funktioniert es dann bei Rauchern, die aus rauchfreien Familien kommen? Oder einfach die Verlockungen, denen man im Teeni-Alter ausgesetzt ist, in welchem wir doch meistens uns mit der Droge vertraut machen (weil wir dazughören wollen, cool sein wollen, weil es verboten ist.. etc)... Ich hoffe mein Kampf lohnt sich - Genetik hin oder her :-) - Es grüßt, Sibua
barryallen (09.10.2006, 12:50 Uhr)
Früher
hallo Björn,
es lässt einen nicht unberührt, wenn man liest, wie es deinem vater geht. früher war zigarettenkonsum viel akzeptierter und wäre ich in den 50ern grossgeworden, hätte ich vielleicht auch angefangen. ich kann mich noch an zeiten erinnern (80er), wo wir kinder hinten im auto sassen und vorne wurde gequalmt.
ich könnte mir vorstellen, dass das suchtgen, oder sind es nicht doch fehlende botenstoffe?, auswirkungen hat, aber noch mehr sind es prägungen und nachahmende verhaltensweisen. schliesslich haben deine eltern es ja vorgemacht. allerdings gibt es noch ganz andere süchte. spiel- und heroinsucht stelle ich mir schlimm vor.
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