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6. Mai 2006, 10:00 Uhr

Genuss gegen die Sucht

Die ersten 72 rauchfreien Stunden sind geschafft. Mein Körper giert weiterhin nach Zigaretten, aber den Entzugserscheinungen setze ich eine starke Waffe entgegen: puren Genuss. Von Björn Erichsen

Nichtraucher, Rauchstopp, Rauchen aufhören

Björn mit Lasagne: "Wenn ich esse, kann ich nicht rauchen"© Björn Erichsen

Endlich ist der Frühling da, auch in Hamburg erwacht die Natur aus dem Winterschlaf. Ich habe ein neues Ritual: Wenn ich meine Wohnung verlasse, bleibe ich kurz stehen, atme tief durch und genieße den Duft der Narzissen vor meiner Haustür. Noch nie habe ich den Frühling so intensiv gerochen. Bereits nach 72 Stunden Nichtrauchen hat sich mein Geruchssinn beträchtlich verbessert.

Die schlimmsten Momente habe ich hoffentlich überstanden. Zwar denke ich noch sehr oft an Zigaretten, aber die bösen Entzugsattacken mit Schwitzen und Zittern kommen immer seltener. Vor allem die Ritualzigaretten fehlen mir noch: Beim Kaffee, nach dem Essen, beim Schreiben. Das Pflaster an meinem Arm versorgt mich mit Nikotin, es ist momentan also "nur" ein Kampf gegen meine Psyche. Regelmäßig ertappe ich mich dabei, wie ich mir einen Kugelschreiber in den Mund stecke.

Vier Brötchen zum Frühstück

Nicht nur mein Geruchssinn, auch mein Geschmack hat sich verbessert. Das nutze ich auf ganzer Linie aus, ich esse fast durchgehend: Am Donnerstag gab es vier Brötchen zum Frühstück, einen Schokosnack vor einem reichlichen Mittagsessen. Den Nachmittag brachte ich mit Lutschbonbons und Gummibärchen rum, abends gab es Lasagne, kurz vor dem Schlafengehen noch einen Snack. Gesunder Hunger sieht anders aus.

Das Essen ist beim Entzug eine große Hilfe. Wenn ich esse, kann ich nicht rauchen, außerdem belohne ich mich auf kulinarischem Wege für das Geleistete. Genuss ohne schlechtes Gewissen. Ich weiß, dass ich in der nächsten Zeit zunehmen werde: In den Wochen nach der letzten Zigarette verlangsamt sich der Stoffwechsel, der Körper verbrennt pro Tag etwa 200 kcal weniger als zuvor.

Hafengeburtstag ohne Kippen

Die Gewichtszunahme ist für mich aber das kleinere Übel. Wenn ich genug Willensstärke aufbringe, den Kampf gegen die Zigaretten zu gewinnen, werde ich auch mit ein paar zusätzlichen Pfunden klarkommen.

Dennoch habe ich mir nach den Ess-Exzessen der letzten Tage einen Obstkorb auf den Schreibtisch gestellt. Wann immer es geht, versuche ich, die Süßigkeiten durch Apfel oder Banane zu ersetzen.

Vielen Dank weiterhin für die vielen Zuschriften und die guten Wünsche. Gefreut habe mich vor allem über diejenigen, die sich nach dem Lesen entschlossen haben, ebenfalls die Glimmstengel wegzulegen. Ich wünsche euch viel Erfolg! Es lohnt sich!

Für mich kommt nun das erste Wochenende ohne Zigaretten. Ich habe schon ein wenig Bammel, denn es gilt den Hafengeburtstag zu feiern, eine klassische Rauchsituation. Es bleibt also spannend.

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Rauchfreie Zone

Rauchfreie Zone Björn Erichsen, Jahrgang 74, lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Schwerpunkte sind Politik, Kultur, Medien und Sport. Seit neuestem treibt ihn die Frage um, ob man sich nach 120.000 Zigaretten noch einmal Nichtraucher nennen darf.

Von Björn Erichsen
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
schroettel (11.05.2006, 09:55 Uhr)
Lieber Björn,
durch die Nikotinpflaster hälst Du die körperliche Sucht am Leben. Dadurch wird das Aufhören nicht erleichtert, sondern im Gegenteil erschwert.
Auch wenn ich mich wiederhole: Tu Dir einen Gefallen und lies das Buch "Endlich Nichtraucher" von Allan Carr.
anroha (08.05.2006, 08:16 Uhr)
was ich vermisse
Doch, ich vermisse das Rauchen auch.
Und zwar das Rauchen in freier Natur - im Wald, wo man aufpassen muss, dass man nichts anzündet; an der Nordsee, wo man gleich mehrere Zigaretten nacheinander rauchen muss, weil sie vom Wind gefressen werden ...
Psycha (07.05.2006, 14:43 Uhr)
ohne Rauch wirds doppelt billiger
Ich hab verdammt früh angefangen zu rauchen, und 18 Jahre lang geraucht. Erst Cigaretten, dann Cigarillos zum Schluss bin ich beim Tabak hängengeblieben. Vor drei Jahren hab ihc mir dann gesagt "Die Dose rauchst du noch auf und dann ist Schluss", und so war es auch. Ich hab die erste Zeit extrem viel bei rrauchenden Freunden verbracht und trotzdem wiederstanden nach einer Kippe zu fragen. Ich hab keine Nikotinpflaster benutzt, es ging auch so. Ich war in der ersten Zeit nur etwas grummelig vom Gemütszustand.
Mittlerweile hab ich in den drei Jahren zwei Siegescigarren gepafft und trotzdem keine Lust verspürt wieder anzufangen.
Mein Auto ist nun sauberer, meine Bude riecht besser, ich muss weniger putzen und ich hab nicht überall die Tabakkrümel auf dem Boden. Und am wichtigsten ist das ich nicht ständig den Rauchkram mitschleppen muss.
Das stehst du durch, und wenn du zunimmst dann macht das nichts. Waschbär ist besser als Waschbrett :-)
anroha (07.05.2006, 14:34 Uhr)
Das wird schon
Vor vier Jahren habe ich nach fast dreißig Jahren Selbstdreherei aufgehört. Ohne Pflaster. Die ersten Tage waren wirklich fürchterlich. Ich habe mich zwei Tage aufs Sofa gelegt und durch den Fernseher gezappt. Dann wurde es allmählich erträglicher.
Rauchsituationen - Menschen, Alkohol, Hafengeburtstage, Konzerte etc. habe ich ganz gut arrogant-mitleidig durchgestanden: "Ich brauch das nicht mehr!"
Ich vertrage jetzt auch etwas mehr Alkohol. Der Geruchssinn wird irgendwann so gut, dass es manchmal schon lästig ist. Das Gewichtsproblem regelt sich irgendwann von selbst. Ich habe mir anfangs 10 Kilo gegönnt, um nicht gleich in Stress zu verfallen.
Schokolade brauch ich heute noch ziemlich viel. Ich esse jetzt die bittere und halt viel Gemüse, wenn ich es übertrieben habe.
Ganz schlimm war mein Bedürfnis, Zigaretten zu drehen, also ständig was in den Fingern zu knuddeln.
Aber auch das hat aufgehört.
Also: Einfach durchhalten!
tini_879 (06.05.2006, 17:41 Uhr)
Im Sommer weniger Lust auf Essen
Das mit dem langsamen Stoffwechsel wusste ich gar nicht. Mein Glück war, dass ich im Sommer aufgehört habe. In der Hitze (hier in der südlichen Prairie in Kanada wird es verdammt heiß im Sommer - heute sollen es übrigens 25 Grad werden obwohl wir Anfang der Woche Schnee hatten - sorry, off topic) hat man weder besonders Lust zu rauchen noch zu essen. Das hat natürlich geholfen. Außerdem ist man sich im Sommer mehr seiner Figur bewusst als in den anderen Jahreszeiten. Der oralen Fixierung, dem Wunsch wenigstens irgendwas im Mund zu haben, bin ich mit gaaaanz viel Kaugummi begegnet. Am Tag habe ich bestimmt eine halbe Packung geschafft. Außerdem toll im Sommer - popsicles - das ist dieses fett- und kalorienarme Wassereis, das man in Amerika ohne Ende finden kann (in Deutschland kenne ich nur Capri als gute Version). Davon habe ich auch Dutzende am Tag genascht.
Nochmals viel Glück, Björn. Riecht deine Wohnung noch nach Rauch oder hast du zu Hause nicht geraucht?
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