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9. Mai 2006, 11:00 Uhr

Neid und Mitleid

Sie sind Raucher und wurden am Wochenende auf dem Hamburger Hafengeburtstag von jemandem neidisch angestarrt? Gut möglich, dass ich es gewesen bin. Über die Schizophrenie der Rauchentwöhnung. Von Björn Erichsen

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Björn mit Salzstangen, die Kumpels mit Kippe: "Meiden Sie solche Situationen!"© Dirk Claus

Wenn sich in Hamburg Hunderttausende an der Elbe treffen, läuft entweder wieder mal ein Ozeanriese ein oder es ist Hafengeburtstag. Oder beides, wie am letzten Wochenende. Egal wie, Anlass genug, um ein bisschen zu feiern.

"Meiden Sie solche Situationen!" - So lautet der gut gemeinte Ratschlag in einer Broschüre mit dem Titel "Weg vom Rauchen". In Gesellschaft sei die Anfechtung anfangs besonders groß, außerdem mindere Alkohol die Widerstandskraft ganz gewaltig. Aber ich war mit Freunden verabredet und nach einer anstrengenden Woche nicht gewillt, auf einen schönen Abend zu verzichten. So begab mich in Versuchung.

In mir brannte der Neid lichterloh

Die lauerte an jedem Bier- und Bratwurststand. Egal wo wir hinkamen, mir sprangen sofort die vielen Grüppchen von Rauchern ins Auge. Um mich herum dampfte und qualmte es, trotz des Trubels hörte ich ständig irgendwelche Feuerzeuge klicken. Ungefähr 20 Millionen erwachsene Raucher gibt es in Deutschland, nach meinem Empfinden verbrachten die meisten von ihnen das letzte Wochenende ganz in meiner Nähe.

Ich hoffe, sie haben es nicht bemerkt, aber ich habe einige von ihnen angestarrt. Die unerträgliche Leichtigkeit, mit der sie an ihren Zigaretten zogen, diese unverschämte Freiheit. In mir brannte der Neid lichterloh. Ich kam mir vor wie Tolkiens "Gollum", der nur eines will: seinen "Schatz". Immer mal wieder versuchte ich, eine Prise umherwabernden Rauches zu inhalieren. Gilt aktives Passivrauchen schon als Rückfall? Eine Zigarette habe ich aber bis heute nicht angefasst.

Denn da gibt es noch eine andere Seite, einen "Sméagol", wenn man so will. "Ich will nicht mehr und ich werde nicht mehr!" lautet dessen klare Botschaft. Wenn ich das denke, fühle ich mich stark. Aus Neid wird dann Mitleid, weil die Freiheit des Rauchers doch nur Zwang ist. stern.de-User "anroha" hat diese Haltung in einem Kommentar ziemlich treffend "arrogant-mitleidig" genannt.

Ich will kein militanter Nichtraucher werden

Ich habe mir vor meinem Rauchstopp geschworen, kein militanter Nichtraucher zu werden. Dafür saß ich viel zu lange mit im Boot, und ob ich da wirklich rauskomme, muss ich erst noch beweisen. Aber diese Mischung aus Arroganz und Mitleid tut gegenwärtig wirklich gut. Und sie hilft immer dann, wenn sich der gierige Gollum mal wieder meldet.

Ob man durch das Nichtrauchen mehr Alkohol verträgt als vorher, wie User "anroha" weiter ausführt, habe ich (noch) nicht ausgetestet. Aber ich bin morgens schon lange nicht mehr so fit aufgewacht wie in den letzten Tagen. Ganz anders ging es einem Freund. Der hat bei etwa gleicher Alkoholmenge 30 Zigaretten geraucht - und einen monströsen Kater eingefahren. Da war Mitleid dann wirklich angebracht.

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Rauchfreie Zone

Rauchfreie Zone Björn Erichsen, Jahrgang 74, lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Schwerpunkte sind Politik, Kultur, Medien und Sport. Seit neuestem treibt ihn die Frage um, ob man sich nach 120.000 Zigaretten noch einmal Nichtraucher nennen darf.

Von Björn Erichsen
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
gsc777 (11.05.2006, 13:05 Uhr)
Hurra Nichtraucher!
Zwölf Jahre bin ich nun clean. Und ich bin héute noch stolz darauf.
Etwas kommt noch auf Dich zu:
Du wirst keine rauchende Frau mehr anfassen. Wenn man die küsst, denkt man, man leckt einen gebrauchten Aschenbecher aus. Und das graust einen Nichtraucher schon. Aber die tollen Frauen rauchen sowieso nicht.
Bleib stark!
fridericusrex (10.05.2006, 12:45 Uhr)
Vollkommen problemlos
Ich höre immer wieder, wie schwer die Entwöhnung ist.
Ich selbst habe vor 14 Jahren mit dem Rauchen aufgehört nachdem ich viele Jahre 40 Zigaretten am Tag geraucht habe.
Nachdem die letzte Lunte aufgeraucht war, hatte ich niemals wieder auch nur das geringste Verlangen, mir wieder eine anzuzünden. Ich glaube, der springende Punkt war, dass ich nicht sagte "Ich versuche es mal", sondern dass ich mir absolut sicher war dass ich ab sofort Nichtraucher bin.
Übrigens, meine Frau raucht noch immer und ich habe keine Probleme damit.
Mein Fazit ist: Wer wirklich entschlossen ist, der schafft es auch.
Im Umkehrschluß: Wer nicht aufhören kann, hat den Punkt dafür einfach noch nicht erreicht.
WoodyHH (10.05.2006, 10:49 Uhr)
moin moin von der nichtraucherfront.
hi bjoern,
meine endlossteckiesbox ist seit freitag alle. laut meinem versprechen habe ich dann freitag auch die letzte kippe geraucht. die letzte ... dachte ich zumindest. wie du es schon beschreibst, war ich am samtag vor dem hafen geburtstag noch bei clair zum geburtstag. die ersten 3 balkonrunden habe ich auch eisern ausgesetzt. mit zunehmendem bierpegel wurde ich dann schwach. habe also freitag nicht geraucht und bis samstag um 22h durchgehalten. sonntag habe ich diesen schritt dann bitter bereut. dicker hals, husten und kloß im hals. da ich die schachte kippen in der cobrabar liegen gelassen habe, habe ich sonntag wieder auf nichtraucher gemacht. es war allerdings genau so schwer wie am freitag. jede pore schreit: GIB MIR NE KIPPE! jetzt ist es nur noch ne mentale sache. eisern bleiben und sich "gegen" den koerper und die entzugserscheinungen kaempfen. war jetzt seit montag jeden tag morgens laufen, damit ich gar nicht auf die idee komme ne morgenkippe zum kaffee zu vermissen. was soll ich sagen, ich habe immer noch ne psychische abhaengigkeit. ich merke aber wie gut es mir tut die kippen wegzulassen. meine 45 min joggingrunde habe ich heute in knappen 33 min geschafft. OHNE gehpause! maike war uebrigens gestern da und hat mir die suchtpunkte genadelt. soll ja helfen ... bisher maessiger erfolg. gucke immer noch jede kippe aus dem mund von diesen schamlosen rauchern! ;)
edamvelt (10.05.2006, 09:55 Uhr)
Guter Vorsatz
Vor zwei Jahren habe ich aufgehört zu rauchen, von 60 am Tag nach null. Am Anfang war das gar nicht schlimm, aber nach so einem halben Jahr wurde es aber schwieriger. Dann habe ich mal mich überlegt, warum ich das eigentlich aufgegeben hatte: sozialer Druck noch und nöcher. Nach acht Monaten habe ich wieder angefangen und ich fühle mich mental sehr viel wohler. Und darum geht es doch? Warum soll ich unnötig etwas lassen, was mir gefällt? Das Ziel meines Lebens ist letztendlich nicht der etherischen Genuß mir alles zu entsagen; dann kann ich besser gleich Ascket werden, denn dies-wohl/das-nicht ist nur sich was vormachen. Und Kater? Ich mag keinen Alkohol, also kein Problem. Virilität und Kondition? Kein Bisschen Unterschied.
Wenn Dir aber klar ist, daß Du es SELBER willst und Deine Begründung Boden unter den Füssen hat, schaffst Du es.
schroettel (10.05.2006, 09:54 Uhr)
Lieber Björn,
tu Dir einen Gefallen und lies das Buch "Endlich Nichtraucher" von Allan Carr.
berlingopapa (10.05.2006, 08:38 Uhr)
Sich der Situation stellen
Ich habe mich bewußt dieser Situation am Wochenende ausgesetzt, beim Aufbau eines Spielhauses hat mich mein Nachbar 2 Tage vollgequalmt. Die Versuchung war da -ich habe ihr wiederstanden und war richtig stolz auf mich. Also sei stolz auf Dich.
anroha (09.05.2006, 17:49 Uhr)
mein schlimmstes Erlebnis
... erzähle ich jetzt auch noch.
2003. Eineinhalb Jahre ohne Rauch. Ich wollte zum Rolling-Stones-Konzert in Oberhausen. Auto-Panne an der Abfahrt Oberhausen-Mitte. Stau, weil hier die ganzen Konzert-Besucher abfuhren.
Kommunikationsprobleme mit dem Pannendienst. Fast zwei Stunden hab ich da gestanden. Liebe Leute fragten mich ständig, ob sie mir helfen könnten. Ich habe mir immer vorgenommen, den nächsten jetzt aber bestimmt nach einer Zigarette zu fragen. Ich hab es nicht getan. Nach drei Stunden hatte ich das Auto in der Werkstatt und einen Leihwagen. AC/DC waren vorbei.
Jetzt ohne Zigaretten zum Stones-Konzert? Wenn ich jetzt aber rauchen würde, würde mir schlecht werden. Ich hatte keine Lust mehr, ich bin nach Hause gefahren. An einer roten Ampel bei offenem Fenster hab ich noch gehört, wie Mick Jagger die Bühne entert. Die unbenutzte Karte hab ich noch.
Es war gut so.
Keksi (09.05.2006, 16:57 Uhr)
Alle Achtung
Hut ab - dass am Wochenende kein Rückfall passiert ist. Gerade bei solchen Festen wird es gefährlich. Alle Achtung von meiner Seite und weiter so.
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