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22. Mai 2006, 08:38 Uhr

Raus aus der Raucherecke

Das schmerzt: Meine lieb gewonnene Rauchpartnerin hat jetzt einen anderen. Zu allem Überfluss hat sich die Sucht zurückgemeldet. Nicht mehr so plump und heftig wie am Anfang, eher bösartig subtil. Von Björn Erichsen

Nichtraucher, Rauchstopp, Rauchen aufhören, Nichtraucher-Tagebuch

Wenn die Sucht zurückkehrt, hilft nur noch der Biss in den Schokoladenriegel© Dirk Claus

"Mensch, Herr Erichsen, Sie habe ich ja schon lang nicht mehr gesehen. Waren Sie etwa krank?" In der Frage des Arbeitskollegen schwingt echte Sorge mit. Dabei kenne ich ihn nur ganz flüchtig. Unser einziger Berührungspunkt bisher: Ein gelegentliches Schwätzchen in der Raucherecke. Seit ich mich dort nicht mehr aufhalte, habe ich eine ganze Reihe von Kollegen nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Eifersucht auf den Neuen

Nichtrauchen hat soziale Folgen. Der Glimmstängel verbindet Menschen, auch und vor allem am Arbeitsplatz. Die kleine und noch dazu bezahlte Arbeitsunterbrechung namens Rauchpause wird gerne mitgenommen. In der Raucherecke trifft man die Kollegen mal ganz ungezwungen und bekommt Neuigkeiten stets brühwarm kredenzt. Nirgendwo sonst ist der unternehmensinterne Flurfunk so gut zu empfangen.

Schwerer wiegt für mich aber der Verlust meiner lieb gewonnenen Rauchpartnerin. Mehrmals täglich plauderten wir bei Kaffee und Zigarette. Einfach schöne Momente. Als ich aufhörte, hat sie mich unterstützt, wo sie konnte. Wenn sie zum Rauchen ging, hat sie sich wortlos aus dem Büro geschlichen, um mich nicht in Versuchung zu führen. Jetzt hat sie einen Neuen, mit dem sie ihre Zigaretten teilt. Am Freitag traf ich sie beide auf dem Flur und ja, da war ein leichter Stich.

Der Alltag ist das Problem

Beim letzen Mal hatte ich geschrieben, wie gut es mir ohne Zigaretten geht. Das stimmt auch. Meistens zumindest. Die großen Schmachtattacken sind passé, dafür meldet sich die Sucht nun subtiler zurück. Es ist schwer zu beschreiben: Es ist eine Art Taubheitsgefühl, das ganz unvermittelt auftaucht und so schnell nicht vergehen will. Ich fühle mich dann leer, bekomme keine Zeile zu Papier. Einziger denkbarer Blockadebrecher natürlich die verbotene Frucht: Zigaretten. Zumindest versucht irgendetwas in meinem Kopf mir genau das zu verklickern.

stern.de-User "HanseMike" hatte es in seinem Beitrag unter dem letzen Artikel auf den Punkt gebracht: Das Problem beim Suchtentzug liegt nicht in der Entgiftung sondern in der Alltagsbewältigung. Das kann ich nur bestätigen: Für mich ist Nichtrauchen inzwischen zur Normalität geworden. Am Anfang konnte ich die Siege über die Sucht noch richtig feiern, stolz die rauchfreien Stunden zählen. Jetzt muss ich im Kleinen standhaft sein und mich mit meinem neuen Alltag abseits der Raucherecke arrangieren. Bisher habe ich durchgehalten. Am Montag um 17 Uhr sind es drei Wochen.

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Rauchfreie Zone

Rauchfreie Zone Björn Erichsen, Jahrgang 74, lebt und arbeitet als Journalist in Hamburg. Schwerpunkte sind Politik, Kultur, Medien und Sport. Seit neuestem treibt ihn die Frage um, ob man sich nach 120.000 Zigaretten noch einmal Nichtraucher nennen darf.

Von Björn Erichsen
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
Brataszkowa (24.05.2006, 10:55 Uhr)
Alles zu seiner Zeit
Verschiedenste Studien widersprechen der von Dewerth propagierten Leichtigkeit beim Aufhören. Auch ist die Suchtgefährdung individuell unterschiedlich ausgeprägt. Wenn es wirklich für alle so leicht wäre, wären Diskussionen um rauchfreie Zonen in Restaurant oder um rauchfreie Arbeitsplätze unnötig, dann würde es keine Raucherfüsse oder Herzkrankheiten geben, es hätten ja schon alle aufgehört. Diese Berichte erscheinen mir wichtig, da viele durch Selbsterfahrungsberichte anderer Aufhörwilliger oder Foren gleichgesinnter bei der Stange gehalten werden. Bei mir gab eine Sternselbsterfahrungsserie vor rund fünf Jahren den initialen Impuls.
Eine nette Übersicht zum Suchtpotential ist unter folgender url zu finden:
http://www.smokefree-online.de/Suchtpotential_des_Rauchens.html
Und was sagt Imana dazu:
Oh Bridderchen Dewerth,
Du bist der Gresste! Ist auch ganz schen fir Dich wenn war leicht nicht zu rauchen. Hast du halt geringes Suchtpotential, aber bei meiste Raucher ist sich ganz schwer. Muss sich schliesslich Grund geben warum so viele Raucher wollen aufhören aber nicht tun. Vor drei Jahren, Deine Frau/Freundin haben nicht gesagt, Du wirst ganz unausstehlich? Arbeitskollegen haben nicht gefragt ob Du wieder rauchen wolle, oder Zigarette angeboten? - Alles iesy? - Bei mir damals nicht, Laune miserabel, Hund hat sich versteckt unter Auto, Mann hat sich eingesperrt in Keller, Kinder sagen ist sich schener in Kindergarten, Kreislauf in Keller, Chaotische Träume aber kaum geschlafen, auch Kollegen haben geraten wieder zu rauchen oder zu machen Urlaub.
Schwesta Imana
Dewerth (23.05.2006, 16:38 Uhr)
Sonst aber keine Probleme, was?
Lächerlich das Ganze! Ich habe vor drei Jahren aufgehört zu rauchen. Vom einen auf den anderen Tag. Und nicht so rumgejammert, sondern einfach keine Zigarette mehr angerührt. Ganz schwaches Bild!
Brataszkowa (23.05.2006, 10:01 Uhr)
Glückwunsch
Hallo herr Erichsen
Erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Entscheidung und zu den ersten drei überstandenen Wochen.
Die leise Sehnsucht nach Raucherecken wird sich auch bei Ihnen langsam in ein Bedauern der Raucher (wenn sie gerade einmal wieder an verregneten Herbsttagen geballt vor dem Eingang der Bürogebäude stehen) bis hin zu einer Abscheu ändern (wenn nach dem Kino oder Flieger die Raucher mit Feuerzeug und Zigarette bewaffnet zum Ausgang drängen und erst nach den ersten Zügen wieder ruhig zu werden).
Nach einem Jahr werden Sie alle Alltagssituationen ohne Zigarette durchlebt haben und sie werden sich (ziemlich) sicher können ES geschafft zu haben. Auf dem Weg dahin werden die Schmachtattacken zwar machmal fieser aber immer seltener.
@docuhirsch
Kommt hier nicht der blanke Neid zum Vorschein, weil sich beispielsweise immer mehr ehemalige Rauchpartner dem Nichtrauchen zu wenden oder weil es ihnen selbst noch nicht gelungen ist länger als 6 Monate nikotinfrei zu leben?
Ich finde es toll dass Sie sich um die 'wichtigen' Probleme kümmern, dennoch sind Zeitschriften voller wenig tiefgründiger Artikel, angefangen beim Autotest, über das Horoskop oder Sportarten hin zur Zigarrenliebhaberei, welche verschiedene Menschen aber trotzdem bewegen.
docuhirsch (23.05.2006, 09:06 Uhr)
Nett & schön & wers mag ...
Hier wird schier Heldentum für jemanden suggeriert der einmal nicht mehr rauchen möchte. Schön für ihn.
Grundsätzlich aber denke ich das es wichtigere Probleme gibt um die man sich kümmern sollte, anstatt auf der aktuellen "Anti Raucher Welle" mitzuschwimmen. Leute die z.B. dafür sorgen das in der dritten Welt eine Grundversorgung stattfindet, Leute die unser Land vor sämtlichen Imponderabilien schützen, etc. Aber nein, wir reden lieber über eine Person die zu rauchen aufhört.
Persönlich bekennender Raucher fehlt mir dafür das Verständnis, ausserdem wenn ich nicht rauche weil Nichtraucher am Tisch sitzen kräht auch kein Hahn.
Gruss
der docuhirsch
holgeramann (22.05.2006, 23:57 Uhr)
Gratuliere zu den geschafften ersten 3 Wochen!!!
Hallo Björn, Du hast´s geschafft! Seit 17 Uhr sind die besonders schwierigen ersten 3 Wochen geschafft. Da gibt´s doch auch so eine Theorie, dass es 21 Wiederholungen braucht, um eine neue Gewohnheit zu etablieren. Die neue Gewohnheit heisst nun eben Rauch-Entwöhntheit! Gratulation! Schon allein bis hierher - Unkenrufen zu trotz - eine starke Leistung. Und als Ex-Raucher - siehe mein Kommentar vom 7.5.06 - weiss ich, wovon ich rede! Weiterhin viel Erfolg wünscht Dir Holger aus Konstanz!
flashchecker (22.05.2006, 18:45 Uhr)
Plädoyer für die Nichtraucherecke
Nur zu gut kann ich Ihren Sozialschmerz nachempfinden - auch einige meiner liebgewonnenen sozialen Kontakte zur Raucherelite haben sich in den letzten Wochen des Nichtrauchens verflüchtigt. Der tägliche Schnack und die kleinen bissig-bösen Bemerkungen während der Nikotinaufnahme fehlen mir schon. Einen kleinen Sieg habe ich dennoch davon tragen können: zwei meiner favorisierten ehemaligen Teerbegleiter haben sich inzwischen auch dazu entschlossen, dem Rauchen die kalte Schulter zu zeigen. Gemeinsam überlegen wir jetzt, eine Nichtraucherecke zu etablieren... mit allem, was das Nichtraucherherz erfreut: Schokoriegel, Kaugummis und einer Boxbirne für den ganz großen Frust! Mein Tipp: Überzeugen Sie doch ihre ehemalige Rauchpartnerin - oder den Neuen - das Rauchen aufzugeben. Damit geben Sie Ihrer Eifersucht den notwendigen Raum und tuen gleichzeitig noch ein gutes Werk. Lieben Gruß und... Durchhalten!
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