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20. Mai 2006, 10:00 Uhr

Endlich bleibt die Blase dicht

Blasenerkrankungen sind vielen Betroffenen peinlich - Windeln waren bisher die einzige Lösung. Forschern ist nun eine Sensation gelungen: Sie züchteten eine künstliche Blase, mit der ein normales Leben möglich ist.

Muskelzellen aus schadhaftem Blasengewebe werden auf das Stützgerüst übertragen. Ein Mediziner taucht dieses in Nährlösung© Brian Walker/AP

Die 16-jährige Kaitlyne McNamara ist anders als andere Teenager. Nicht nur wegen ihres beschädigten Rückenmarks, ihrer Krücke, ihrer Beinschienen und ihrer 54 Operationen. McNamara trägt im Körper eine der ersten künstlich erzeugten Blasen. Erstmals ist der Großteil eines komplexen menschlichen Organs wie der Blase aus Gewebe ersetzt worden, das aus den Zellen des Patienten gezüchtet wurde.

Bislang hatten Forscher nur einfache Gewebeformen wie Haut, Knochen oder Knorpel im Labor erzeugt und transplantiert. Nach der erfolgreichen Blasen-Verpflanzung an sieben Patienten im Alter von vier bis 19 Jahren, publiziert in der Fachzeitschrift "The Lancet", sprechen viele Mediziner von einem Durchbruch, der in Zukunft auch die Herstellung von Herzen und anderen Organen ermöglichen könnte.

Kein unkontrollierter Harnverlust

"Gewebezüchtung könnte eines Tages eine Lösung für den Mangel an Spenderorganen sein", sagt der Leiter des Projekts, Anthony Atala. Aber da Organe sehr spezialisiert sind, geht die Züchtung jedes Körperteils mit jeweils ganz spezifischen Problemen einher.

Bevor Menschen mit Blasenerkrankungen - allein in Deutschland leiden vier Millionen Frauen unter Harninkontinenz - routinemäßig von dem neuen Verfahren profitieren, muss es laut Atala noch an mehr Patienten über längere Zeiträume erprobt werden. Und eine vollständige Blase zu ersetzen, würde weitere Probleme aufwerfen, etwa zum Anschluss der Harnwege, der Blutversorgung und der Nervenzellen, wie der Urologe Steve Chung aus Illinois betont. Dennoch spricht auch er von einem "ungeheuren Fortschritt". Für die behandelten Kinder und Jugendlichen, sämtlich Patienten mit dem angeborenen Neuralrohrdefekt Spina bifida, bedeutet der Eingriff, dass ihre Blasen künftig nicht mehr unkontrolliert Harn verlieren.

Die 16-jährige Kaitlyne McNamara ist eine der ersten Patientinnen mit Blasentransplantat© Bob Child/AP

Normales, soziales Leben führen

Kaitlyne McNamara freut sich vor allem darauf, ein normales soziales Leben zu führen. Das Mädchen aus Middletown im Staat Connecticut kam mit Spina Bifida, offenem Rücken, zur Welt. Bei diesem Defekt liegt an einem Teil des Rückens das Rückenmark an der Oberfläche. Zu den damit verbundenen Komplikationen zählen etwa Gelenkfehlstellungen und Störungen der Blasenentleerung, was den Abfluss des Urins aus der Niere behindert und zu Infektionen der Harnwege führen kann.

McNamara erlitt wiederholt lebensbedrohliche Harnwegsinfektionen und Nierenprobleme. Aber am schlimmsten litt die Jugendliche unter dem Anderssein. "Ich passte nicht zu den anderen Kindern", sagt sie. "Und manchmal hänselten sie mich." Das lag ihrer Ansicht nach weniger an ihrer Krücke, den Beinschienen oder dem kleinen Wuchs, sondern an der undichten Blase. Nun muss McNamara keine Windeln mehr tragen. "Nach der Transplantation macht mein Körper das, was ich will", sagt sie.

Fortschritt durch Stammzellen

Schon seit langem versucht die regenerative Medizin, menschliche Körperteile nachzuzüchten. Im vergangenen Jahrzehnt entwickelten Forscher bessere Stützgerüste, so genannte Scaffolds, die die wachsenden Zellen tragen und sich im Körper auflösen. Weitere Fortschritte brachte die Arbeit mit Stammzellen, die sich zu allen Gewebearten entwickeln können. Die Mediziner des Bostoner Kinderkrankenhauses entnahmen den Patienten das fehlerhafte Blasengewebe, das mehr als die Hälfte des Organs ausmachte. Die isolierten Muskel- und Wandzellen übertrugen sie auf blasenförmige Scaffolds. Nach sieben Wochen hatten sich einige zehntausend Zellen zu 1,5 Milliarden vermehrt. Die Formen vernähten sie dann mit den im Körper verbliebenen Teilen der Blasen.

Kritik an kommerziellen Interessen von Forschern

Kritiker bemängeln, dass die Patienten nicht mit einer Kontrollgruppe verglichen wurden, die traditionell behandelt wurde. Der Herausgeber der Zeitschrift der Amerikanischen Gesellschaft für Künstliche Innere Organe, Joseph Zwischenberger, spricht zwar von "sehr interessanten vorläufigen Daten", zweifelt aber an, wie gut die Blasen bei den ersten Patienten tatsächlich funktionieren. Zudem seien die Daten von zwei Patienten, die aus der Studie ausgestiegen waren, nicht in der Veröffentlichung berücksichtigt worden. Schließlich kritisiert Zwischenberger Untersuchungsleiter Atala persönlich.

Der Forscher, der das Verfahren patentieren ließ und eigens ein Unternehmen zur Vermarktung gründete, verfolge vornehmlich kommerzielle Interessen. Dennoch: Die nachgezüchteten Blasen sind laut Atala bis zu drei Mal elastischer und auch besser zum Halten des Harns geeignet als die ursprünglichen Organe der Patienten. Die Nierenfunktion wurde bei allen sieben Patienten erhalten. Diese müssen zwar die Blase noch regelmäßig durch einen Schlauch entleeren, aber ansonsten sind die Blasen dicht.

Jeff Donn/AP
 
 
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