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18. August 2006, 14:12 Uhr

Druck über Drittmittel

Peter Sawicki, Chef des Institutes für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), erzählt im stern.de-Interview, wie schwierig es für ihn ist, geeignete Gutachter zu finden. Die müssen entweder um Drittmittelgelder für ihre Forschungen bangen, oder sogar um ihre Karriere. Von Jens Lubbadeh

Ohne Gelder der Pharmaindustrie läuft nichts mehr in der medizinischen Forschung© Michael Urban/DDP

Die medizinische Forschung in Deutschland ist finanziell so abhängig von Geldern der Pharmaindustrie, dass die den Hebel ansetzen kann, um Wissenschaftler von einer Zusammenarbeit mit dem IQWiG abzuhalten. Mediziner, die als externe Gutachter vom IQWiG angeworben werden, fürchten um Drittmittel-Gelder der Industrie, ohne die für sie Forschungen nicht mehr möglich wäre. Wie Sawicki berichtet, möchten viele Wissenschaftler ihre Abhängigkeiten auch gar nicht öffentlich machen - eine Bedingung für eine Zusammenarbeit mit dem Institut, das Medikamente und Therapien nach wissenschaftlichen Kriterien auf ihren wirklichen Nutzen hin überprüft. Unabhängigkeit ist für das IQWiG von großer Wichtigkeit, weil aufgrund seiner Beurteilungen Entscheidungen über Erstattungen der gesetzlichen Krankenversicherung getroffen werden, die gegen massive Interessen der starken Pharma-Lobby laufen können.

Doch nicht nur dem Druck der Pharmaindustrie sind das IQWiG und seine Mitarbeiter ausgesetzt - auch renommierten Ärztegesellschaften sind manche Gutachten unbequem. So müssen vor allem jüngere Wissenschaftler befürchten, dass die IQWiG-Zusammenarbeit zu einem Makel für ihre weitere Karriereplanung werden könnte - denn über die Vergabe von Professuren entscheiden Leute, die zumeist auch in den Ärztegesellschaften sitzen.

Herr Sawicki, Kritiker werfen Ihnen Intransparenz bei der Auswahl ihrer externen Sachverständigen vor. Wie wählen Sie aus?

Es gibt drei Kriterien für die Auswahl: Sie müssen in der Methode der evidenzbasierten Medizin versiert sein. Sie müssen mit dem Thema vertraut sein - ein Gynäkologe kann zum Beispiel nicht kardiologische Themen beurteilen. Das dritte ist eine unmissverständliche gesetzliche Vorgabe: Externe Sachverständige müssen mögliche Interessenskonflikte darlegen, einschließlich aller Finanzquellen und ihrer Höhe.

Sie machen eine öffentliche Ausschreibung und Leute können sich bewerben?

Ja.

Aber Sie wählen die Gutachter dann alleine aus?

Es gibt ein Gremium, das nach einem geregelten Verfahren vorgeht. Dabei werden die Kosten und die Qualifikationen berücksichtigt. Wir wählen nicht immer den Billigsten aus, sondern den Besten im Verhältnis zu den Kosten.

Verhandeln Sie dann das Honorar?

Das steht fest - es sind 500 bis 800 Euro pro Arbeitstag. Das ist im internationalen Vergleich nicht viel, aber für wissenschaftliche Institutionen zumindest kostendeckend.

Institutsleiter Peter Sawicki. Motto: "Evidenz statt Eminenz"© IQWiG

Sie haben einmal gesagt, dass Sie Probleme haben Gutachter zu finden, weil sich eine Zusammenarbeit mit dem IQWiG rufschädigend auswirkt. Viele fürchten, dass ihnen dann Drittmittel aus der Industrie gestrichen werden.

Ja, das stimmt leider. Es gibt mehrere Gründe, warum wir Probleme haben Gutachter zu finden. Zum einen ist die Methode der evidenzbasierten Medizin nicht Bestandteil des Medizinstudiums - es gibt in Deutschland einfach nicht so viele Mediziner, die damit vertraut sind. International sieht das besser aus. Des weiteren ist ganz einfach die Zeit ein Problem. Ein Auftrag benötigt ungefähr 100 Arbeitstage, die nicht jeder Sachverständige für uns einrichten kann. Und dann gibt es viele, die in Abhängigkeiten stehen, die sie nicht offen legen wollen, oder tatsächlich Probleme mit der Industrie befürchten. Wichtig ist auch, dass eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis besteht. Mitglieder der Grazer Gruppe, die für uns die Insulinanaloga-Berichte miterarbeitet haben, arbeiteten auch praktisch in der Diabetes-Ambulanz. Für uns war das optimal, weil wir Leute wollen, die sowohl theoretisch arbeiten, als auch Patientenkontakt haben. Ich bin nicht sicher, ob es stimmt, aber ich habe gehört, dass die jetzt große Probleme haben mit der Insulin produzierenden Industrie.

Drittmittelaufträge sind wichtig für Universitätskliniken, darüber finanzieren sie eine Menge. Und viele Drittmittel kommen in der klinischen Forschung in Deutschland nicht aus unabhängigen Quellen - auch das ist ein wesentlicher Nachteil. Es gibt auch Kollegen, die Angst haben, sich möglicherweise mit Vorständen von Fachgesellschaften anzulegen. Verständlich - viele externe Gutachter befinden sich in einem fortgeschrittenen Stadium ihrer Karriere und wollen sich noch weiter bewerben. Die Gremien, die Professorenstellen besetzen, bestehen aus einflussreichen Vertretern der Fachgesellschaften. Und es kann sein, dass, wenn sich jemand stark aus dem Fenster lehnt, nachher dann keine Chance mehr hat.

Noch ein Vorwurf: Sie legen zu strenge Kriterien an Studien an, bevorzugen Langzeitstudien. Wenn nun aber ein wirklich innovatives Medikament neu auf den Markt kommt, können ja naturgemäß noch keine Langezeitstudien vorliegen?

Wieso? Ein Präparat wird doch erst auf den Markt gebracht, wenn es an Patienten über Jahre hinweg getestet wurde. Es kommt darauf an, wo man den patientenrelevanten Endpunkt einer Therapie frühzeitig festsetzt. Außerdem fordern wir nicht immer Langzeitstudien, nur sagen wir, dass manchmal Langezeitstudien erforderlich sind für bestimmte Fragestellungen. Zum Beispiel bei den Insulinanaloga, die die Patienten ja jahrelang einnehmen: Wie diese Medikamente über mehr als 12 Monate wirken, wissen wir gar nicht? Wenn man nun keine Studien dazu gemacht hat, wäre die ehrliche Antwort: wir wissen es nicht. Und das sollte man den Patienten dann auch so sagen.

Sie fordern auch eine dementsprechende Kennzeichnung auf den Packungen...

Zum Beispiel. Zumindest muss man es in die Beschreibung mit hineinsetzen. Das müssen die Patienten doch wissen, dass es Wissenslücken gibt. Die Pharmaindustrie macht auch dann keine Langzeitstudien, selbst wenn Präparate schon lange auf dem Markt sind. Im Falle der Insulinanaloga war das ein Zeitraum von zehn Jahren, bei wichtigen Blutdrucksenkern sind es zwanzig Jahre.

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