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28. April 2008, 18:20 Uhr

Hausarztmodell mit Zukunft und Vergangenheit

Es klingt ein wenig nach DDR-Vergangenheit, könnte jedoch der Weg in Zukunft der ambulanten Gesundheitsversorgung sein: das Polikum - ein neues Hausärztemodell, bei dem Ärzte verschiedener Fachrichtungen unter einem Dach arbeiten. Welche Vorteile das für die Patienten hat. Von Nanette Franke

Eine Hausärztin mit Patientin© Picture-Alliance/ZB

Der Name dürfte viele an die Polikliniken der DDR Zeiten erinnern, doch das Polikum ist ein neues Hausarztmodell, das die klassische ambulante Versorgung entscheidend verändert. Zum Jahresbeginn wurde in Berlin das dritte dieser medizinischen Kompetenzzentren eröffnet, in Hamburg und München sollen weitere Häuser folgen. Statt mit der Überweisung in der Hand von Arzt zu Arzt zu laufen, finden Patienten im Polikum Ärzte aller alltagsrelevanten Fachrichtungen unter einem Dach.

Derzeit 75 Mediziner arbeiten in den drei Häusern in den Berliner Stadtteilen Friedenau, Charlottenburg und neuerdings auch in Lichtenberg. Dort hat der Betreiber, der Arzt und Gesundheitsökonom Wolfram Otto, die Ex-Poliklinik am Fennpfuhl gemietet, zu Blütezeiten eine der größten und modernsten der 1600 Polikliniken DDR, zuletzt mit gerade noch 17 Ärzten ein Auslaufmodell. Mit unternehmerischem Ehrgeiz belebt Otto die sozialistische Idee neu. Die klassische Einzelpraxis wird durch ein Verbundsystem ersetzt, in der die Ärzte ihre Zulassung an den Betreiber abgeben, als Angestellte in gemeinschaftlichen Räumen arbeiten und auch das Technik-Equipment zusammen nutzen.

60 Stunden pro Woche ist das Polikum geöffnet

Geöffnet ist montags bis freitags von acht bis acht, 60 Stunden in der Woche. Der Patient wird von einem Polikum-Hausarzt seiner Wahl empfangen, es sei denn, er kommt auf Überweisung eines Externen. Je nach Erstdiagnose wird er innerhalb des Hauses "weitergereicht". Ein Rückenschmerzpatient beispielsweise zunächst an den Orthopäden, dann zum Röntgen an den Radiologen, danach vielleicht gleich an die Physiotherapie oder - bringt die Röntgenaufnahme keinen Aufschluss über die Quelle des Schmerzes - an den Internisten. Das spart Kosten und Nerven, erhöht die Behandlungsqualität und klappt, dank elektronischer Terminverwaltung, im Idealfall innerhalb kürzester Zeit und mit kurzen Wegen. Nur wenn teure Spezialuntersuchungen, Operationen oder dergleichen nötig sind, werden die Patienten in ein Krankenhaus überwiesen, das beim Polikum-Stammhaus Friedenau gleich nebenan liegt.

Kernstück der Polikum-Philosophie: die elektronische Patientenakte. In die kann jeder Arzt des Hauses Einblick nehmen. Diagnosen, Therapien - alles wird darin verzeichnet. Unnötige Zweituntersuchungen sind passé, größtmögliche Verschreibungssicherheit bei Medikamenten wird gesichert.

Skepsis bei den Niedergelassenen

Die Behandlung ist am Beschwerdebild des Patienten orientiert, verschiedene Fachrichtungen arbeiten Hand in Hand. So werden Diabetiker bei Bedarf von einem Team aus Diabetologen, Ernährungsberatern, Podologen, Kardiologen und Gastroenterologen betreut. "Das ist besser als alles, was die westdeutsche ambulante Medizin bietet", sagt Felix Cornelius, Mitglied der Geschäftsleitung des prosperierenden Unternehmens, selbstbewusst. Steile Wachstumskurven bei den Patientenzahlen sprechen für den Erfolg.

Doch die Skepsis ist bei einigen niedergelassenen Ärzten groß, was nicht nur am DDR-lastigen Namen liegt, der, glaubt man Cornelius, "ohne jeden Hintergedanken von einer Agentur kreiert wurde". Unerfahrenheit der - zumeist jungen - Ärzte, mangelnde Arzt-Patienten-Bindung, fehlendes Verantwortungsbewusstsein der Mediziner, weil sie ja nicht auf eigene Rechnung arbeiten: All diesen Vorurteilen begegnet Cornelius mit Gelassenheit. "Es gibt kein Argument, das wirklich gegen unser Modell spricht".

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die Interessenvertretung der niedergelassenen Ärzte, übt sich in vorsichtiger Annäherung. "Wir müssen den Begriff Polikum entideologisieren", sagt Pressesprecher Roland Stahl. "Das Umfeld der medizinischen Versorgung ändert sich und die Bereitschaft der jungen Ärzte zu Zusammenschlüssen wächst." Dies nicht zuletzt deshalb, weil Mediziner das wirtschaftliche Risiko einer Praxiseröffnung scheuen und weil besonders Frauen auch Teilzeit arbeiten möchten.

Medizinische Versorgungszentren bundesweit

Schon jetzt gibt es nach Zahlen der KBV etwa 948 medizinische Versorgungszentren (Branchenkürzel "MVZ"), in denen sich mehrere Ärzte verschiedener Fachrichtungen zusammengeschlossen haben. Durchschnittlich sind vier Mediziner darin beschäftigt. 60 Prozent der MVZ's befinden sich in Trägerschaft niedergelassener Ärzte, die übrigen 40 in der von Krankenhäusern. Das Polikum Friedenau ist mit 45 Ärzten aus 20 Fachrichtungen das größte MVZ. Und will auch in anderer Hinsicht führend sein, denn es hat bereits mit vier Krankenkassen Verträge zur integrierten Versorgung abgeschlossen. Patienten, die sich dafür bei ihrer Kasse einschreiben, gehen damit die Verpflichtung ein, bevor sie einen anderen Arzt konsultieren zunächst den Weg in ein Polikum einzuschlagen. Dafür dürfen sie bevorzugte Behandlung erwarten. Ihnen wird, etwa bei chronischen Krankheiten, ein Case-Manager zur Seite gestellt, sie bekommen Angebote zu Prävention und Schulung, Sondersprechzeiten und bestimmte individuelle Gesundheitsleistungen (Igel), vergünstigt. Das Polikum will für seine Patienten "die Qualitäts- und Kostenverantwortung übernehmen", beteuert Cornelius.

Der Hausarzt weiterhin gefragt

Schöne neue Gesundheitswelt? In einem muss das Polikum allerdings nachbessern. "Wir haben die Patienten-Arzt-Bindung unterschätzt", räumt Dr. Cornelius ein. Wenn's ihm schlecht geht, will der Deutsche am liebsten zu "seinem" Hausarzt, der ihn kennt und dem er vertraut. "Deshalb werden wir jetzt wieder zu Kernsprechzeiten für alle Ärzte zurückkehren", so Cornelius. Dann können die Patienten ins Polikum kommen, wenn "ihr" Arzt im Hause ist.

Von Nanette Franke
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
daujoons (29.04.2008, 10:08 Uhr)
@herdubreid
Ich weiß nicht, ob Dr_Dolittle die Polikliniken der DDR aus persönlicher Sicht kennt- ich kannte sie serwohl. Und ich erinnere mich Grausen daran: völlig unmotivierte Mitarbeiter, veraltete Technik, für die sich niemand verantwortlich fühlte, Fließbandatmosphäre etc..
Ich erinnere mich an Treppauf-, Treppab- was auch nicht angenehmer ist, als ein paar Straßen weiter zu gehen.
Was den Austausch unter den Ärzten angeht: Meine Frau ist frei niedergelassene Zahnärztin. Die würde ich bedanken, wenn alle paar Minuten ein Patient an der Anmeldung stünde, weil der Kollege einen Stock höher ihn "mal vorbeigeschickt" hat. Wie soll da ein effizientes Bestellsystem funktionieren? In der Praxis meiner Frau wartet ein Bestellpatient in der Regel keine 5 Minuten im Wartezimmer, ein Schmerzpatient selten länger als 30 Minuten- in den Polikliniken verbrachte ich mitunter TAGE, weil die Effizienz geradezu lächerlich war.
Aber: Ich stimme Dr_Dolittle absolut zu, wenn er darauf hinweist, daß der Patient letztendlich mit den Füßen abstimmen wird.
Und noch eines: Wer heute noch glaubt, interdisziplinärer Austausch wäre nur möglich, wenn sich die Kollegen gegenüber stehen, der hat bis heute kein Internet, kein Telefon, kein digitales Röntgen- kurz, hat die Möglichkeiten moderner Telekommunikation nicht für seinen Beruf entdeckt. Und mir ist schon klar, daß ein solcher Arzt sich eine Poliklinik zurückwünscht, in der man sich in der Kantine treffen kann...
Ich finde das Argument, daß Ärzte sich innerhalb einer Poliklinik besser austauschen könnten jedenfalls regelrecht absurd- oder verstehe diesen als Hinweis auf die haarstäubende Ineffizienz solcher Kontrukte.
Denn NATÜRLICH wird man auch innerhalb einer Poliklinik vernünftiger Weise miteinander telefonieren - was z.B. per Skype heute auch problemlos mit Bild geht.
Fazit: Bestehende, hocheffiziente Systeme werden torpediert und abgeschafft, um mit gigantischen öffentlichen Mitteln die gute alte DDR wieder auferstehen zu lassen.
Na prima.
Dr_Dolittle (29.04.2008, 00:05 Uhr)
@herdubreid
Auf Basis gleicher Voraussetzungen, d.h. Direktabrechnung, Patient erhält eine nachprüfbare Rechnung über die erhaltenen Leistungen und reicht sie bei der Kasse ein - und einer transparenten Finanzierung ohne Steuergelder - glaube ich gerne an die genannten Vorteile. So aber vermute ich daß gerade aufgrund der kurzen Wege die Chipkarte herumgereicht wird um Abrechnungsziffern zu generieren.
Im übrigen darf ich aus eigener Erfahrung sagen, daß unter den aktuellen Budgetbedingungen "MRT's auf Teufel komm raus" jedenfalls im Kassenbereich nur marginal zum Abbezahlen des MRT's beitragen.
Was die Fortbildung angeht würde ich eher einem Arzt mit 100-Stunden-Woche trauen, der sein Handwerk "im Schlaf" versteht und auch dafür haftet als einer angestellten Teilzeitmitarbeiterin.
Wie gesagt: unter den transparenten Bedingungen der Direktabrechnung mendelt sich alles aus. Nur haben dann die Bürokraten und Qualitätssicherer nichts mehr zu verwalten. Und die Umverteiler gehen leer aus.
herdubreid (28.04.2008, 22:13 Uhr)
@dr-dolittle
Kennen Sie die DDR-Polikliniken noch?
Hier muss scheinbar wieder etwas schlechtgeredet werden, weil es nach Sozialismus klingt.
Aber es hat wesentliche Vorteile:
Auch in der Poliklinik (oder jetzt "Polikum"-musste da jemand sich profilieren mit einer neuen Wortschöpfung?) hat man seinen vertrauten Arzt.
Aber: Geräte werden besser genutzt. Ein Orthopäde/Radiologe muss nicht auf Teufel komm raus MRTs machen, um das Gerät abzuzahlen.
Wege werden kürzer, wenn ich nicht von Dr. Meier zu Dr. Schulz zehn Straßen weiter überwiesen werde, sondern im selben Haus eine Etage wechsle. Das wird bei der kommenden Überalterung noch eine Rolle spielen.
Es kann viel besser interdisziplinär gearbeitet werden, nicht zuletzt haben auch die Ärzte in ihren Kollegen Ansprechpartner.
Eine Ärztin mit Kindern kann hier auch gut einsteigen, ohne Probleme zu bekommen.
Und glauben Sie wirklich, bei allen niedergelassenen Ärzten werden bei dem jetzigen Stress nur medizinische Spitzenleistung abgeliefert? Wann sollen die sich denn weiterbilden, um auf dem neuesten Stand zu sein?
Dr_Dolittle (28.04.2008, 21:46 Uhr)
Datenschutz
Direktverträge eines MVZ mit den Kassen machen die Verwendung der neuen e-card zur Bedingung. Deren Tests sind gerade in Flensburg grandios gescheitert, weil es unmöglich ist, für die Ausstellung eines simplen Rezeptes den Arzt (in personam), seinen elektronischen Arztausweis, die dazugehörige PIN-Nummer, den Patienten (ebenfalls in personam, nix mit Rezept per Post), dessen e-card, die dazugehörige sechsstellige (!) PIN-Nummer, das Datenlesegerät und eine funktionierende Internetverbindung gleichzeitig zusammenzubekommen.
Patienten sollten sich wirklich überlegen, ob sie zu einer Institution mit e-card gehen, die verpflichtet ist die sensiblen Daten über die Behandlung auf einem bundesweit einheitlichen Server zu speichern (natürlich "sicher" wie eine CD in England oder Steuerdaten in Liechtenstein)oder auf Basis der Direktabrechnung zu einer eigentümergeführten Praxis - und Herr über ihre Daten bleiben.
Bereits jetzt muß für jeden Kassenpatienten die Erkrankung in einem maschinenlesbaren Zahlencode (ICD 10) verschlüsselt und zur statistischen Auswertung übermittelt werden. Bereits jetzt erhalten Patienten, bei denen z.B. unter der Nummer für Diabetes abgerechnet wurde, Post und Anrufe von der Kasse, ob sie sich nicht in ein Disease Management Programm einschreiben möchten - für das der Pat. einen Nachlass auf die Kassengebühr erhält, der Arzt 30 Euro für seitenweise Bürokratie und die Kasse über 4000 EUR aus dem Risikostrukturausgleich.
MVZ's sind wesentliche Elemente dieser krankheitsverwaltenden Maschinerie - nach bekanntem Muster aus der DDR eben. Mit einem Anspruch auf eine optimale, individuelle Medizin hat das nichts zu tun.
Dr_Dolittle
Dr_Dolittle (28.04.2008, 20:58 Uhr)
Planwirtschaft
Das MVZ wird in vielerlei Hinsicht quersubventioniert, z.B. durch billige Überlassung von Geräten und Räumen, die aus Steuergeldern bezahlt wurden. Hiergegen läuft bereits eine Verfassungsklage.
MVZ's können, und deswegen sind sie politisch gewollt, mit angestellten Ärzten ganz einfach politische Vorgaben bezüglich der durchgeführten Therapien umsetzen, z.B. nur Medikamente aus bestimmten Rabattverträgen verschreiben. Und das "Wirtschaftlichkeitsgebot" aus §12 SGB5 umsetzen: nur AUSREICHENDE, wirtschaftliche, notwendige und zweckmäßige Leistungen.
Auf Basis einer transparenten Direktabrechnung stelle ich mich als eigentümergeführte Praxis der Konkurrenz gern - aber auf Basis des Sachleistungssystems ist der Mauschelei Tür und Tor geöffnet.
Ich denke, die Patienten werden sich auf Dauer entscheiden müsen, ob sie lieber in die Kantine oder ins Restaurant gehen. Medizinische Spitzenkräfte werden sich unter den Bedingungen der Planwirtschaft nicht lange halten lassen.
Dr_Dolittle
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