Ein Indianer kennt keinen Schmerz: Viele Männer stecken weg, statt die Signale ihres Körpers ernst zu nehmen. Die Folgen sind in den Krankheitsstatistiken ablesbar. Man muss kein Arzt-Hopper werden, um gesund zu bleiben. Es genügt, ein paar Dinge zu beherzigen.

So sind sie, die Männer: Bei Bagatellen den sterbenden Schwan mimen, aber im Notfall hart sein bis zum Äußersten© Jörg Fokuhl
Alles sah nach einem Routinefall aus, als sich der Patient eines Morgens in der Sprechstunde des hannoverschen Allgemeinmediziners Oliver Sandhas vorstellte. Freundlich und gut gelaunt begrüßte er den Arzt, ließ sich Blut abnehmen und verschwand wieder. Ein paar Stunden später rief der Sohn des Patienten an und berichtete, dass seinen Vater starke Bauchschmerzen plagten.
Sandhas fuhr zu dem Mann, untersuchte dessen Bauch - und schickte ihn als Notfall ins Krankenhaus. Diagnose: akuter Blinddarmdurchbruch. Mehrere Tage lang lag der Kranke nach der Operation auf der Intensivstation. Die Ärzte hatten ihm nicht nur den Wurmfortsatz, sondern den ganzen Blinddarm herausgeschnitten - keinen Augenblick zu früh. "Sonst ist dieser Patient bei jeder Erkältung zu mir gekommen", sagt Sandhas. "Als es dann wirklich einmal ernst war, hat er bis zum letzten Moment gewartet."
So sind sie, die Männer: Bei Bagatellen den sterbenden Schwan mimen, aber im Notfall hart sein bis zum Äußersten. Sandhas kann viele solcher Geschichten aus seinem Praxisalltag erzählen. Und meist spielen dabei männliche Patienten die Hauptrolle. "Frauen passiert so etwas seltener. Die gehen gewöhnlich dann zum Arzt, wenn es nötig ist."
Lange Zeit haben Mediziner und Sozialwissenschaftler solche Unterschiede im Verhalten der Geschlechter ignoriert. Abseits der Gynäkologie und Urologie sprachen Ärzte meist nur von "dem Patienten", einem Wesen ohne geschlechtsspezifische Merkmale. Doch inzwischen haben Forscher genauer untersucht, woran Männer leiden, wie sie mit ihrer Gesundheit umgehen und auf bestimmte Therapien reagieren. Ihre Erkenntnis: Männer ticken oft anders als Frauen, wenn es um das Wohlergehen von Körper und Psyche geht.
Wie groß die Unterschiede sind, zeigen die Statistiken. So sterben Männer deutlich öfter an Aids, Unfällen und Selbstmorden. Außerdem werden sie häufiger Opfer von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmten Krebsarten, wie zum Beispiel von Lungen- oder Speiseröhrenkarzinom, und Leberzirrhose. Das alles schlägt sich auf die Lebenserwartung nieder: Während heute vor einem 40-jährigen Mann im Durchschnitt 37 weitere Jahre liegen, wird ihn seine gleichaltrige Frau voraussichtlich um ein halbes Jahrzehnt überleben und erst mit 82 sterben.
Worauf beruhen diese zusätzlichen fünf Jahre? Ist der männliche Körper von Natur aus weniger langlebig als der weibliche? Bestimmen Gene das unterschiedliche Verfallsdatum von Mann und Frau? "Es ist nicht auszuschließen, dass bestimmte geschlechtsspezifische Varianten im Erbgut die Lebenserwartung von Frauen und Männern beeinflussen", sagt Almut Nebel, wissenschaftliche Leiterin des Langlebigkeitsprojekts im Institut für Klinische Molekularbiologie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. "Aber das ist alles Spekulation. Bislang hat sie noch niemand gefunden."

Oliver Sandhas, Arzt: "Sobald die Symptome verschwinden, setzen viele Männer Arzneien einfach ab"© Julia Knoop
Ohnehin scheint der Langlebigkeitsvorsprung der Frauen nur sehr eingeschränkt von den körperlichen Voraussetzungen abzuhängen. So stellte der Demograf Marc Luy von der Universität Rostock in einer Studie fest, dass sich die Lebenserwartung von Menschen unter ähnlichen Lebensbedingungen nahezu angleicht. Er untersuchte die Daten von bayerischen Nonnen und Mönchen aus der Zeit zwischen 1910 und 1985 und fand heraus, dass die Frauen im Durchschnitt nur höchstens zwei Jahre älter wurden als ihre Glaubensbrüder.
"Das Wohlergehen von Männern wird entscheidend von ihrem Verhalten bestimmt", sagt Thomas Altgeld von der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen. "Und das ist bei vielen durchaus verbesserungswürdig." Denn auch hier zeigen sich nach den Erhebungen des Robert-Koch-Instituts erhebliche Unterschiede zu den Frauen. Zum Beispiel:
* beim Umgang mit Alkohol: Bei 30 Prozent der deutschen Männer zwischen 30 und 64 Jahren liegt der tägliche Durchschnittskonsum über dem tolerablen Grenzwert (Frauen: 15 Prozent);
* beim Tabak: 37 Prozent der Männer über 18 Jahre rauchen regelmäßig oder gelegentlich (Frauen: 28 Prozent);
* bei Verkehrsunfällen: 57 Prozent der Verletzten und Getöteten im Straßenverkehr sind Männer. Hintergrund der Unglücke ist oft eine riskante Fahrweise, die bei männlichen Autofahrern ausgeprägter ist als bei weiblichen;
* bei der Ernährung: Mehr als 70 Prozent aller Männer zwischen 30 und 64 Jahren sind übergewichtig (Frauen: 53 Prozent).
Trotz dieser eindeutigen Zahlen fühlen sich die meisten Männer offenbar blendend: In einer Umfrage, die das Forsa-Institut für stern GESUND LEBEN unter 1000 Befragten im Juni durchgeführt hat, beschrieben 84 Prozent der männlichen Teilnehmer ihren Gesundheitszustand als "gut" oder "sehr gut". Bei den Frauen waren es dagegen nur 77 Prozent.
Thomas Altgeld verwundern solche Widersprüche nicht: "Nach außen hin geben sich Männer stark, das entspricht ihrem Rollenbild in der Gesellschaft. Privat sind sie viel offener und lassen sich schon bei Bagatellen wie einer Erkältung von ihrer Frau pflegen. Da können sie die Fürsorge genießen, die sie sonst nicht zulassen."
Der Psychologe, der einen Band zur Männergesundheit herausgegeben hat, kritisiert das fehlende Bewusstsein vieler seiner Geschlechtsgenossen für das Befinden ihres Körpers. "Die setzen sich damit überhaupt nicht auseinander. Gesundheit ist einfach da und wird nur bemerkt, wenn sie verschwindet", sagt er. Männer sollten lernen, die Signale ihres Körpers wahrzunehmen und dann rechtzeitig zu reagieren. "Frauen sind sensibler, deshalb gehen sie auch nicht erst zum Arzt, wenn es zu spät ist."
Übernommen aus ...
GesundLeben
Ausgabe 4/2006
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