Privatpatienten bekommen schneller einen Termin? Nicht unbedingt, bevorzugt werden sie im Zweifel trotzdem. Zwei Ärzte berichten auf stern.de aus ihrem Praxisalltag mit Privatpatienten und gesetzlich Versicherten. In einem Punkt sind sie sich einig: Wir haben eine Zweiklassenmedizin.

Wie lange warten Patienten auf einen Arzttermin? Laut einer neuen Studie hängt das sehr davon ab, wie sie versichert sind© Picture-Alliance/Chromorange
Es gibt tatsächlich Kollegen, die bei der Terminvergabe extrem zwischen Privat- und Kassenpatienten unterscheiden. Ich halte das nicht für gut, erlaubt ist diese Bevorzugung allerdings: Die kassenärztliche Versorgung muss zweckmäßig und ausreichend sein, aber keineswegs so gut wie möglich. In meiner Praxis stellen wir Kassenpatienten bei der Terminvergabe nicht hinten an. Das wäre auch für die Praxis unklug. Leistungen, die die gesetzlichen Kassen nicht zahlen, bieten wir den Patienten in Form von individuellen Gesundheitsleistungen (Igel) an. Man muss allerdings akzeptieren, dass wir ein Zweiklassensystem in der Medizin haben, weil die privaten Versicherer deutlich mehr erstatten als die gesetzlichen Kassen.
Dass Patienten generell auf manche Untersuchungen länger warten, empfinde ich als normal. Ich mache in meiner Praxis beispielsweise Darmspiegelungen. Davon schaffe ich pro Woche nur eine relativ kleine Zahl. Bei den Terminen unterscheide ich nach Dringlichkeit. Auch die Sprechstundenhilfen haben einige medizinische Kriterien zur Terminvergabe an der Hand. Mit dringenden Beschwerden muss niemand drei Wochen auf eine Untersuchung warten. Zusätzlich halte ich eine offene Sprechstunde, in die jeder ohne Termin kommen kann. In dieser Zeit ist der Anteil von Kassenpatienten deutlich größer als in der restlichen Sprechzeit. In meine Praxis kommen 70 Prozent Kassenpatienten und 30 Prozent Privatpatienten - das ist ein guter Wert für die Innenstadt. In der offenen Sprechstunde sind weniger als fünf Prozent Privatpatienten. Aus wirtschaftlicher Sicht lohnt sich das nicht, aber ich finde es wichtig, diese Zeit ohne Terminvergabe anzubieten.
Ich kann es mir nicht leisten, Kassenpatienten schlecht zu behandeln und bei der Terminvergabe zu benachteiligen. Ein schlecht informierter Patient informiert doch zehn andere darüber - und so ist der Ruf schnell hinüber. Bei der Behandlung muss ich mich trotzdem fragen: Wie aufwendig kann ich beraten? Von der gesetzlichen Kasse gibt es für einen Patienten eine Pauschale von 34 Euro pro Quartal für die gesamte Behandlung. Das beinhaltet ein EKG, weitere kleinere Untersuchungen und die Beratung. Dagegen muss ich meine Kosten rechnen: die Miete für die Praxisräume, die Personalkosten. Wenn ich eine Stunde mit einem Kassenpatienten rede, ist das ein wirtschaftliches Desaster! Bis vor kurzem gab es die Möglichkeit, ausführliche Beratungen abzurechnen, aber das wurde gestrichen. Wie viele meiner Kollegen, mit denen ich darüber gesprochen habe, halte ich das für das falsche Signal. Die Pauschale verleitet Ärzte dazu, sich weniger um den einzelnen Kassenpatienten zu kümmern, um die Rendite zu halten.
Ich stelle in der Praxis ein- bis zweimal am Tag die Diagnose Krebs, es kommen Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Mukoviszidose oder Asthma, da existiert Gesprächsbedarf. Ich würde gern öfter und länger mit Patienten reden, aber das ist bei Kassenpatienten seit der EBM-Reform vom 1. Januar 2008 stark defizitär. Bei Privatpatienten kann ich längere Beratungen abrechnen. Dementsprechend passe ich meine Zeit an, das halte ich für gerecht. Das ist wie bei der Bahn: Es gibt die erste und die zweite Klasse. Die erste Klasse fährt nicht schneller als die zweite, ist aber besser gepolstert.
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