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10. Juni 2008, 08:50 Uhr

Neuer Ansatz gegen Alkoholismus

Wissenschaftler haben Alkoholiker-Ratten mit einer körpereigenen Substanz die Lust am Fusel vermiest und sogar einen Rückfall in die Sucht verhindert. Nun hoffen die Forscher, auch Millionen alkoholkranken Menschen helfen zu können.

Etwa 1,5 Millionen Deutsche sind alkoholabhängig schätzt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen© Picture-Alliance/DPA

GDNF ist der Name einer vielversprechenden Substanz, die Basis für neue Therapien gegen Alkoholsucht sein könnte: Direkt ins Gehirn verabreicht, ließ es zumindest Ratten nicht nur innerhalb von Minuten das Interesse am Alkohol verlieren, es verhinderte auch, dass die Tiere rückfällig wurden, berichten US-Forscher in der Fachzeitschrift "PNAS".

Für ihre Studie gewöhnten US-amerikanische Wissenschaftler um Dorit Ron von der Ernst Gallo Klinik in San Fransisco ihre Laborratten zwei Monate lang an Alkohol: Die Nager hatten die Möglichkeit, in ihrem Käfig einen Hebel zu bedienen und so an alkoholhaltiges Wasser zu kommen. Nach dieser Phase wurde den Ratten GDNF in einen Bereich des Gehirns injiziert, welches bei der Entstehung von Abhängigkeiten eine entscheidende Rolle spielt: das sogenannte ventrale tegmentale Areal (VTA). Die Folge: innerhalb von zehn Minuten verringerte sich das Verlangen nach Alkohol drastisch - die Ratten interessierten sie sich praktisch nicht mehr für den besagten Hebel. Der Effekt ließ sich sogar noch drei Stunden später beobachten

Nur die Lust auf Alkohol wird gebremst

Für noch entscheidender halten die Wissenschaftler jedoch die Wirkung nach einer erzwungenen zweiwöchigen Abstinenz: Die GDNF-Ratten ignorierten den Hebel, der sie mit Alkohol versorgte - im Gegensatz zu ihren unbehandelten Artgenossen, die schon durch den Geruch von Alkohol wieder zum Trinken verführt wurden.

Bemerkenswert war auch, dass im Gegensatz zu anderen Wirkstoffen die Behandlung nur das Verlangen nach Alkohol verringerte. Die Lust auf andere Genussmittel wie etwa Süßigkeiten blieb.

GDNF scheine anderen Therapieansätzen demnach gleich in mehreren Aspekten überlegen zu sein, glauben die Forscher: Zum einen beeinflusst es nur die Alkoholsucht und dämpft nicht allgemein die Freude an Genussmitteln - wahrscheinlich, weil es praktisch ausschließlich auf eine genau definierte Hirnregion wirkt. Hinzu kommt, dass es ein wichtiger Schlüsselfaktor bei der Behandlung ist, einen Rückfall zu verhindern. Denn selbst bei trockenen Alkoholikern kann schon ein einziges alkoholisches Getränk ausreichen, um der Sucht wieder zu verfallen.

Der positiven Wirkung von GDNF waren Ron und ihr Team bereits im Jahr 2005 auf die Spur gekommen. Damals untersuchten sie den pflanzlichen Wirkstoff Ibogain, eine Droge, die Visionen, aber auch Krämpfe und Lähmungen auslösen kann und zu deren Nebenwirkungen ein deutlich verringertes Verlangen nach Suchtmitteln gehört. Die Forscher führten diesen Effekt auf GDF zurück, denn Ibogain erhöt den GDNF-Spiegel im Gehirn. In ihrer neuen Studie setzten sie daher das körpereigene Eiweißmolekül, das der Organismus unter anderem für die korrekte Entwicklung von Nieren und Rückenmark benötigt, direkt ein und injizierten es alkoholabhängigen Ratten ins Gehirn.

Auf der Suche nach Anwendungsmöglichkeiten

Alkoholismus sei eine verheerende psychische Erkrankung und es gebe einen gewaltigen Bedarf an Therapien für Alkoholmissbrauch, so Ron. Da sich die Entstehungsmechanismen von Suchtverhalten bei Ratten und Menschen stark ähneln, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass GDNF sich auch beim Menschen bewährt. "Unsere Ergebnisse ebnen den Weg für eine neue Strategie Alkoholmissbrauch zu bekämpfen, und einen Rückfall zu verhindern."

Ob dieser Ansatz sich auch tatsächlich auf den Menschen übertragen lässt, muss noch ausführlich untersucht werden. Aktuell sucht das Team um Dorit Ron von der Universität von Kalifornien in San Francisco nach Medikamenten, die den GDNF-Spiegel im Gehirn auch ohne die direkte Injektion erhöhen.

nis/DDP
 
 
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