Auf einer kleinen Insel steht gut isoliert das Friedrich-Loeffler-Institut. Hier werden hochgefährliche Tierkrankheiten untersucht: BSE, Schweinepest - und nun auch die Vogelgrippe. Von Rüdiger Braun

Der erste Eindruck trügt: Hinter verwitternden Fassaden wird Spitzenforschung betrieben. Auf dem Acker im Vordergrund beginnen bald die Bauarbeiten für modernere Gebäude© Stephan Elleringmann
Ruhig und beschaulich ist die Landschaft am Anfang des Dammwegs, der vom Festland zur kleinen Ostseeinsel Riems führt: Rechts, am Ufer des Fischerörtchens Gristow, schaukeln zwei kleine Kutter am Anleger neben einer Backsteinkirche, links geht der Blick über die Schilfgürtel des Greifswalder Boddens zur Ferieninsel Rügen.
Allerdings steht am Anfang des Damms ein Schild, das nicht zu der friedlichen Aussicht passen will: "Tierseuchen-Sperrbezirk - Zugang nur für Befugte". Und wer den knappen Kilometer über den Damm fährt, der hat das Idyll endgültig verlassen. Ein drei Meter hoher Zaun, mit Stacheldrahtrollen gesichert, schirmt ein Areal grauer Gebäude ab. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), das den Großteil der 20-Hektar-Insel einnimmt, ist eine der am stärksten abgeschotteten Forschungseinrichtungen der Republik.
Hinter schlichten Fassaden und abblätterndem Putz verbergen sich moderne Labors der höchsten Sicherheitsstufen. Im "Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit" wird an hochgefährlichen Tierkrankheiten geforscht: Rinderwahn, Vogelgrippe, Maul- und Klauenseuche sind nur die bekanntesten. Mit drei Außenstellen in Tübingen, Jena und im brandenburgischen Wusterhausen betreibt das Riemser Institut rund 40 so genannte Referenzlabore für Tierseuchen, die Untersuchungsstandards definieren und überprüfen.

Zwei Pathologen entnehmen im Hochsicherheitslabor Gewebe von toten Vögeln© Stephan Elleringmann
Die rund 100 Wissenschaftler des FLI gelten als Experten für eine beachtliche Bandbreite von Keimen - von der Afrikanischen Pferdepest über Fisch- und Muschelkrankheiten bis zur Vogelgrippe. Sie sind gefragt, wenn es gilt, bei akuten Ausbrüchen Erreger zu identifizieren und ratlose Politiker schlau zu machen. Und sie versuchen, das Wesen rätselhafter Krankheiten wie BSE zu verstehen, wenn die Medien sich längst anderen Themen zugewandt haben.
Das L4-Labor, der Hochsicherheitstrakt des Instituts auf Riems: Luftdicht verpackt in einen weißen, spritzwasserdichten Einweganzug, sortiert die 30-jährige Veterinärin Anja Globig gemeinsam mit zwei Kollegen Vogelkadaver, die dem Institut zur Untersuchung geliefert wurden.
Anja Globig - in der Freizeit eine begeisterte Vogelkundlerin - bestimmt die Tierart: Wo der Laie manchmal nur noch kopflose Bündel aus Knochen und struppigen Federn ausmacht, erkennt sie Silbermöwen, Krähen, Kormorane, Stockenten, Bussarde, einen Eichelhäher, eine Amsel, einen Habicht - und natürlich Höckerschwäne.
Mit toten Schwänen begann der Ausnahmezustand, der die Riemser Forscher seit zwei Monaten oft rund um die Uhr arbeiten lässt und sie bundesweit bekannt gemacht hat. Am 14. Februar, dem Valentinstag, konnten die Riemser bei zwei Kadavern aus Rügen erstmals in Deutschland die gefährliche Form der Vogelgrippe nachweisen, den hochaggressiven Asia-Typ des H5N1-Virus.
Ein Wettlauf mit dem Erreger begann: Hunderte von toten Vögeln wurden in Plastiksäcken zur Untersuchung abgeliefert, oft mehr als 50 pro Tag. Hunderte von Blut- und Gewebeproben schickten die Landesuntersuchungsämter auf die Insel. Denn bundesweit gibt es nur hier, im nationalen Referenzlabor für Aviäre Influenza, die standardisierten Tests, mit denen sich zweifelsfrei nachweisen lässt, ob es sich auch wirklich um das Killervirus handelt.
Vorläufiger Höhepunkt der derzeitigen Seuchenkrise: das durch die aggressiven Keime verursachte Massensterben von Puten in einem sächsischen Geflügelzuchtbetrieb in Wermsdorf bei Leipzig.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 16/2006