Die Schönheitschirurgie ist in den Intimbereich vorgedrungen: Frauen lassen sich immer häufiger etwa Schamlippen oder Scheide straffen. Im stern.de-Interview spricht Gynäkologie-Professor Heribert Kentenich über die Risiken dieser Eingriffe und immer jüngere Patientinnen.

Einige hundert bis tausend Schönheitsoperationen am weiblichen Genital werden jährlich in Deutschland durchgeführt© Tuomas Marttila/Picture-Alliance
Vor allem in den letzten zwei Jahren ist der Bedarf nach genitalen Schönheitsoperationen bei uns enorm gestiegen. In Amerika wurden die ersten Eingriffe vor etwa zehn Jahren durchgeführt. In Brasilien waren Nacktdarstellerinnen in Nachtklubs die Ersten, die sich Intim-Operationen unterzogen, weil sie meinten, dass dies zu ihrer Berufsausübung nötig wäre. Mittlerweile wollen sich aber viele junge Frauen, teilweise Minderjährige, operieren lassen, um einem neuen Ideal nahezukommen. Das ist bedenklich.
Die weibliche Scham ist heute viel sichtbarer: Enge Bikinis und Hosen lassen die Schamlippen als Vorwölbung hervortreten, durch die Mode der Intimrasur fallen unregelmäßige, zu kleine oder zu große Schamlippen auf und werden von den Frauen oft als unästhetisch empfunden. Es existiert nun eine Norm, wie man im Intimbereich auszusehen hat - und auch hier ist Jugendlichkeit gefragt.
In der Pubertät sind junge Frauen in einer Umbruchsphase und erleben, wie sich ihr Körper ständig ändert. Sie sind in ihrer Identität noch nicht gefestigt und orientieren sich stark an Körperidealen und Modetrends. Auch kann der Operationswunsch Ausdruck einer Körperbildstörung - vergleichbar einer Essstörung - sein.
Am häufigsten werden die Schamlippen operiert. Daneben werden vor allem Scheidenstraffungen durchgeführt: Die Scheide wird verengt, damit Frau und Mann angeblich mehr Lust empfinden. Am Schambein wird Fett abgesaut, um Venushügel und Unterbauch jugendlicher erscheinen zu lassen. Ein sehr umstrittener Eingriff ist die Unterspritzung des G-Punktes mit Kollagen oder Hyaluronsäure. Dadurch soll sich der sensible Punkt an der Vorderwand der Scheide stärker vorwölben und den Frauen zu intensiveren sexuellen Empfindungen verhelfen. Keine dieser Versprechungen ist allerdings in seriösen Studien überprüft worden. Auch zu den Auswirkungen und Spätfolgen dieser Eingriffe liegen keine Ergebnisse vor.
Zunächst einmal hat die Frau an dieser sensiblen Stelle Narben, und zwar nicht eine, sondern mehrere, die Beschwerden machen können. Wie bei jeder Operation können akute Komplikationen auftreten wie Wundheilungsstörungen, Blutungen und Infektionen. Dann können sowohl bei Schamlippenkorrekturen als auch bei der Scheidenstraffung dauerhafte Schmerzen durch Narben zurückbleiben. Gerade bei großen Eingriffen wie die Scheidenstraffung warnen wir vor möglichen Nervenschädigungen mit Taubheitsgefühlen und sexuellen Funktionsstörungen.
Am häufigsten machen zu große innere Schamlippen Probleme, die sich durch die Reibung ständig entzünden und große Schmerzen im Sitzen oder beim Fahrradfahren bereiten. Allerdings sind auch hier die Unterschiede ungeheuer groß, es gibt Frauen mit großen Schamlippen, die überhaupt keine Probleme haben. Eine Scheidenstraffung ist medizinisch notwendig, wenn sich die Gebärmutter oder die Harnblase deutlich gesenkt haben, dies tritt oft nach mehreren Geburten oder aufgrund einer Gewebeschwäche im Alter auf. Diese Operation aber nur durchzuführen, um mehr Lust zu gewinnen, lehnen wir Gynäkologen ab. Es ist bisher nicht erwiesen, dass eine enge Scheide tatsächlich mehr Lust bereitet - umgekehrt bedeutet ein geweiteter Scheideneingang nicht zwangsläufig eine Einbuße sexueller Lust bei Frau und Mann.
Wir haben beobachtet, dass es oft Frauen mit einem gering ausgeprägten Selbstwertgefühl sind, die sich operieren lassen wollen. Kommen dann noch kulturelle oder gesellschaftliche Normen dazu, führt dies möglicherweise zu der Überzeugung, dass nur eine Operation das eigene Selbstwertgefühl verbessern könnte. Ein Teufelskreis kann entstehen, bei dem immer neue Bereiche des Körpers operiert werden. Es gibt zum Beispiel Schauspielerinnen, die 20 bis 30 Schönheitsoperationen hinter sich haben. Die einunddreißigste Operation machen sie nicht, weil die 30 Eingriffe vorher erfolgreich waren, sondern weil sie immer noch mit sich selbst hadern.
Zur Person Professor Heribert Kentenich ist Chefarzt der DRK Frauenklinik in Berlin und betreut die Abteilungen Gynäkologie, Geburtshilfe und Reproduktionsmedizin. 1999 erhielt er den Zusatztitel "Psychotherapie".