Sie werden und werden nicht schwanger. Oder ihnen ist wichtiger, ein Kind zu kriegen als einen Mann. Darum wenden sich Frauen an Cryos, eine der größten Samenbanken der Welt im dänischen Århus. Und bestellen per Internet, was junge Männer in Döschen dalassen - als anonyme Spender oder, gegen Aufpreis, mit Babyfoto und Handschriftenprobe. Von Dimitri Ladischenski

Die Amerikanerin Alexandra Soiseth ist mit der Hilfe von Cryos schwanger geworden und hat vor drei Jahren Kaj zur Welt gebracht. Der Vater ist ein Betriebswirt aus Dänemark, natürlich blond, den sie per Mausklick auf Kreditkarte bestellte© Bert Spangemacher
In der Gasse Vesterport, gegenüber einer Tierfutterhandlung, liegt ein Rotklinkerbau, so unauffällig wie der Mensch, der gerade hineinhuscht. Mit rosigen Wangen eilt er die Stufen hinauf, in den dritten Stock, wo sich hinter einer grauen Eisentür die Bank befindet, in der alle Konten eingefroren sind - die größte Samenbank Europas, Cryos International. Sie empfängt mit pantoffelwarmer dänischer Gemütlichkeit: 240 Quadratmeter Altbau mit knarrenden Holzdielen, dicken Teppichen und dimmbarem Licht. Rechts beugen sich Weißbekittelte über Mikroskope. Links, hinter Glas, säuseln Telefonistinnen. Die Frau an der Rezeption lächelt: "Hallo, wie geht's?"
Der Spender, nennen wir ihn Nummer 8888, hat ein Kinderschokoladenlächeln und lange blonde Haare, er klemmt seinen Fahrradhelm unter den Arm, presst seinen Zeigefinger auf ein Identifikationsgerät, bekommt ein filmdosengroßes Gefäß in die Hand gedrückt und entschwindet dann pfeifend in eines von zwei schallisolierten Zimmern. Die Masturbationsräume sind liebevoll hergerichtet, mit Plastiklilien auf dem Nachttisch und Surfpostern an den Wänden. Familiär ist auch der Ton der Zimmerordnung: "Sei so nett und schließe die Tür, damit draußen das Besetztzeichen leuchtet. Wasche deinen Penis, aber ohne Seife. Wenn du magst, benutze die bunten Magazine zur Stimulation. Ejakuliere schon die ersten Tropfen in das Plastikgefäß, sie enthalten die meisten Spermien. Falls Toilettenpapier fehlt, bitte Bescheid geben. Hinterlasse den Raum freundlicherweise so, wie du ihn vorgefunden hast."
Die größte Samenbank Europas, das sind Ole, Gert, Sisse, Lene, Kristian, Ulla, Henriette, Dorte, Joan - ein Team von insgesamt 20 Geburtshelfern, die den Samen wiegen, einfrieren und von Århus in alle Welt verschicken. Und jetzt gemeinsam Mittag essen im Besprechungsraum, während nebenan, in der Kabine, leichter körperlicher Arbeit nachgegangen wird. 250 regelmäßige Spender, 12.000 Schwangerschaften seit Gründung der Bank 1991, mehr als 60 Länder, in die sie liefern. "Wir sind wahrscheinlich eine der drei größten", sagt Chef Ole Schou. Es gibt zwei bedeutende Mitspieler in den USA, aber deren Spender sind nicht so spendierfreudig, nicht so zuverlässig groß und blond.
Angefangen hat alles mit einem Traum vor 24 Jahren, und Schou, damals noch Student der Betriebswirtschaft, erzählt seinen Traum gern. In jener Nacht sah er sich "wie Jacques-Yves Cousteau" in die Tiefe gleiten, und in der Dunkelheit schwebten rosa Teilchen um ihn herum. Aber es war kein Krill. Es waren Spermien. Und sie waren gefroren. Ole lächelt. Er hat ein kantiges, knochiges Gesicht, graues Stoppelhaar, tief in den Höhlen liegende Augen. "Es ist wie mit den Goldfischen", lächelt er. "Im Winter frieren sie in den Teichen ein, im Frühjahr werden sie zu neuem Leben erweckt." Die ersten Experimente machte er mit eigenem Sperma, und als seine Eltern die milchigen Eiswürfel in der Tiefkühltruhe entdeckten, fragten sie ihn, ob alles mit ihm in Ordnung sei. Aber sie liehen ihm 80.000 Kronen (umgerechnet 10.000 Euro), damit er seinen Traum verwirklichen konnte.
Cryos ist aus dem Griechischen abgeleitet und heißt Eis. Mittlerweile gibt es neben der Zentrale in Århus Filialen in Odense, Kopenhagen und bald auch in Ålborg. Dazu eine Niederlassung in New York und neuerdings in Mumbai. Das Geschäft läuft gut. Der Umsatz liegt bei zwei Millionen Euro. Jedes Jahr gibt es 10 bis 20 Prozent mehr Profit, mehr Empfängerkliniken, mehr Patienten, mehr Schwangerschaften.
Je konzentrierter das Sperma, desto teurer. Das reicht von 30 Euro für Dünnflüssiges bis zu 1000 Euro für die "Creme de la Creme". Teurer wird es auch, je aufgeschlossener der Spender ist. So kann die Kundin wählen zwischen "offenen" oder anonymen Spendern. "Offene" haben ihren Namen für die Spenderkinder hinterlegt, anonyme nicht. Von manchen Spendern sind nur Rasse, Gewicht, Größe, Ausbildung, Blutgruppe, Haar- und Augenfarbe bekannt, von anderen auch Lieblingsessen oder Lieblingstier, Urlaubsziele und Hobbys. Für 15 Euro Aufschlag erhält die Kundin das Babyfoto ihres Kandidaten und seine Handschriftenprobe, für 50.000 Euro hat sie ihn exklusiv. Keine andere kommt an seinen Samen.
Zwar versuchen die Behörden, dem Gen-Shopping Grenzen zu setzen - doch die Regelungen gelten nur von Land zu Land. In Griechenland, Belgien oder Norwegen etwa sind anonyme Spendersamen erlaubt. In Schweden, Österreich und der Schweiz sind nur "offene" Spenden zugelassen. In manchen Ländern dürfen nur die Ärzte Samen kaufen und inseminieren, in anderen auch die Endverbraucher. In manchen Ländern dürfen nur heterosexuelle Paare beziehen, in anderen auch Singles. "Sperma ist wie Wasser", sagt Ole Schou, "es sucht sich seinen Weg. Kein Paragraf kann es aufhalten. In den Gesetzen finden sich immer wieder Lücken. Bei uns zum Beispiel dürfen Ärzte keine 'offenen' Spendersamen verabreichen, aber die Hebammen haben das Recht dazu."
Paare wollen meist nur das eine: Sperma. Der Spender soll dem sozialen Vater optisch ähneln - Cryos bietet für 38 Euro einen Fotoabgleich an -, ansonsten im Uterus verschwinden und den Familienfrieden nicht stören. Wissbegieriger sind Singlefrauen. Sie können für 17 Euro von der Website Profile runterladen, in denen die Kandidaten unter fiktiven Namen wie Torge, Lars oder Knud 100 Fragen beantworten: Welche Musik hörst du? Interessierst du dich für Wissenschaft oder für Kunst? Welche Stärken, welche Schwächen hast du?
Cryos bringt hauptsächlich anonymen Samen an die verheiratete Frau, die sich von einem Arzt in der Klinik befruchten lässt. In Amerika stellen die Singles bereits ein Drittel der Cryos-Kundschaft, viele lassen sich den Stickstofftank samt Spritzbesteck nach Hause liefern, und auch in Europa wollen immer mehr Frauen den Spermastrohhalm selbst in die Hand nehmen, das Intime wird wieder privat.
Weltweit kommen jährlich etwa 100.000 Kinder aus der Kälte, und je mehr es werden, desto drängender stellen sich die Fragen. Sind Kinder Lebensnotwendigkeit oder Lifestyle? Selbstverwirklichung oder Menschenrecht? Soll es das Baby auf Krankenschein geben? Ist Spendersamen Medizin oder Kosmetik? Ole Schou gibt Antworten. Er spricht von Patienten, nicht von Kunden. "Frauen sind darauf programmiert, schwanger zu werden. Sie müssen sich reproduzieren." Etwa 15 Prozent der Paare seien ungewollt kinderlos, viele deswegen in psychotherapeutischer Behandlung. Er liest aus Briefen vor: "Danke, ohne Dich würde es unsere Familie nicht geben." - "Danke für das Geschenk, das Du mir und meinem Ehemann gemacht hast." - "Und das zu hören", sagt Schou, "das ist so schön, das ist so … überwältigend." Er schluckt, er kann nicht weiterreden.
Und die Kinder? Wenn es ein Recht auf Fortpflanzung gibt, dann doch auch eines auf Kenntnis dieser Wurzeln? Ole Schou räuspert sich. Jetzt argumentiert er andersherum. Ist die Kinderlosigkeit eine spinnige Laune der Natur, ist die Vaterlosigkeit als Schicksal zu akzeptieren. "Die Samenspenderkinder können mich gern anrufen. Ich werde ihnen sagen: Ihr seid mit einem Handicap geboren - ohne Vater. Aber auch Einäugige können sehen und glücklich sein. Ich werde die Kinder fragen: 'Was ist die Alternative: Würdet ihr lieber nicht existieren?' " Und er würde ihnen sagen: Ihr seid nicht allein. Zehn Prozent aller Kinder sind angeblich Kuckuckskinder. Und er sagt, wenn wir keine Anonymität hätten, dann käme kein Spender mehr. Jedenfalls kein geprüfter. Wir hätten einen Schwarzmarkt mit aidsverseuchten Keimzellen, wir hätten Schwangerschaftstourismus in dunkle Absteigen. Wir hätten Rebellionen in den Familien: "Spenderkinder, die ihren sozialen Vätern den Finger zeigen, fuck you, du bist nicht mein Vater, was willst du mir vorschreiben?" Wir hätten keine weltgrößte Samenbank mehr.
Aber wir hätten noch Spender 8888, einen von 22 "offenen" Spendern bei Cryos. Mit einem Klack geht die Tür auf, und im Ringelpulli steht er da. Sieben Minuten hat er gebraucht, draußen warten die nächsten. Hier geben im Tagesschnitt 15 Männer ihr Bestes, dafür bekommen sie je nach Qualität zwischen 13 und 100 Euro pro Schuss. 8888 hinterlässt den Raum, wie er ihn vorgefunden hat, mit frischer Papierbahn auf der Liege, die Fachliteratur am Platz, "Hardcore Fetish Fantasies, Anniversary Special Pirate 07/98". Alle drei Monate gibt es frische Pornos, nichts mit Tieren, nichts mit Gewalt.
Früher, sagt 8888, habe er immer lange in den Magazinen geblättert, anschließend sei seine Qualität nicht so gut gewesen. Viel Volumen, wenig Spermien. Mehr Schleim als Sein. "Jetzt, da ich schneller komme, verdiene ich mehr." 8888 ist 25 Jahre alt und studiert Philosophie. Seit November 2006 spendet er bis zu dreimal die Woche, alle drei Monate bekommt er rund 1300 Euro auf die Hand, bar und unversteuert, vor dem Finanzamt ist er anonym. Er will Kinderlosen helfen und sein Ferienhaus an der Ostsee abbezahlen.
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Ausgabe 40/2008