Mit einer Stammzell-Therapie gegen Inkontinenz lockten österreichische Ärzte Patienten. Dabei halfen zweifelhafte Studien, unzulässige Behandlungen und Dreistigkeit. Von Astrid Viciano

Honoratioren des Tiroler Medizinalwesens: Oberarzt Hannes Strasser (rechts), sein Chef Georg Bartsch (links) und dessen Anwalt Dietmar Czernich (Mitte)© Mirco Taliercio
Der Herr Professor Strasser sei furchtbar nett gewesen. Herzlich und kumpelhaft, ein stämmiger Kerl, sie haben über Fußball geredet. "Ich vertraute ihm sofort", sagt Manfred Enzensperger, 68. Der Münchner konnte seit der Entfernung seiner Prostata den Harn nicht mehr halten, nur mit Urinbeutel in der Hose das Haus verlassen, er litt wie ein Hund. Und hoffte auf Hilfe. Dass an der Stammzellbehandlung des Urologen der Universität Innsbruck etwas faul sein könnte, kam ihm nie in den Sinn.
Umso enttäuschter ist Enzensperger nach dem Sturz des gefeierten Mediziners vor wenigen Tagen: Hannes Strasser steht im Verdacht, eine klinische Studie über die Stammzellen frei erfunden zu haben, und es sollen Dokumente gefälscht worden sein - so das Ergebnis eines vertraulichen Prüfberichts der staatseigenen Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) vom 5. August 2008, der dem stern vorliegt. Seine Patienten erhielten demnach eine experimentelle Therapie, deren Nutzen noch nicht bewiesen ist, deren Risiken sich aber bereits abzeichnen - in schwerwiegenden Komplikationen bis hin zum totalen Harnstau. Etwa 400 Kranke hat Strasser behandelt, darunter 40 Deutsche. Seit dem 19. August ist er von der Klinik suspendiert worden und war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Seit Jahren hatte Strasser die Methode "Urocell" zur Behandlung der Inkontinenz angepriesen. "Es zeigte sich ..., dass diese Therapie sehr effektiv ist", schrieb er im April 2006 in einem Brief an einen Patienten. Eine Behandlung, für die er Gewebe aus dem Oberarm entnahm und die darin enthaltenen Stammzellen im Labor zu Muskelzellen und Bindegewebszellen anzüchten ließ; die einen spritzte er dann in den Schließmuskel der Harnblase, die anderen in die Harnröhre. Um das Leck in der Harnblase sofort zu stopfen, gab der Arzt noch ein Rindereiweiß hinzu. Die Methode sollte den Schließmuskel stärken und die Harnröhre sanieren, so die Theorie.
Schon die Studiendaten weckten den Argwohn kritischer Fachleute. Denn nur langfristige Beobachtungen können zeigen, wie sicher eine solche Technik ist, "auch wegen des potenziellen Risikos einer Tumorneogenese in den transferierten Zellen", wie Wissenschaftler des Wiener Ludwig Boltzmann Instituts für Health Technology Assessment (Bewertung medizinischer Technik) schrieben - mit anderen Worten: Die Gefahr einer Krebserkrankung infolge der Verpflanzung ist nicht auszuschließen. "Ergebnisse über das erste Jahr hinaus wurden bisher nicht publiziert", hieß es weiter.
Trotz aller Unwägbarkeiten begeisterte die Erfindung im Nu die Kollegen. Strasser erhielt hohe Ehrungen, den Maximilian-Nitze-Preis 2005 der Deutschen Gesellschaft für Urologie sowie den Dr.-Wolfgang-Houska-Preis, einen der höchstdotierten Wissenschaftspreise Österreichs. Und er publizierte am 30. Juni 2007 Studienergebnisse im britischen Fachjournal "The Lancet", was als Ritterschlag jeden Medizinforschers gilt.

Fasste sogleich Vertrauen zu Dr. Strasser und sieht sich bitter enttäuscht: Manfred Enzensperger, Patient aus München© Mirco Taliercio
Die Studie sollte den Beweis für die Wirksamkeit der Therapie liefern, sollte als dritte und letzte Phase der klinischen Prüfung den Weg in den Krankenhausalltag ebnen. Doch inzwischen bezweifeln die Gutachter des Ages-Prüfberichts, dass die Untersuchung jemals stattgefunden hat. "Die vorgelegten Studiendokumente weisen zahlreiche Authentizitätsprobleme auf ", heißt es. In jedem Fall wurde die Studie ohne Genehmigung der Ethikkommission der Universität durchgeführt. Und Patienten wurden sogar außerhalb der umstrittenen Studie in der Innsbrucker Klinik behandelt - obwohl weitere Studien fehlen, die diese Therapie als anerkannte Methode der medizinischen Wissenschaft ausweisen: Erst dann dürfen sie im klinischen Alltag eingesetzt werden.
Doch pilgerten Patienten bereits ins schöne Tirol - nicht zuletzt, weil papierne Ergebnisse Hoffnungen weckten: Laut einer hauseigenen Studie, publiziert im "World Journal of Urology", waren 50 von 63 Patienten vollständig kuriert, bei zwölf besserten sich die Symptome erheblich, nur ein Patient meldete lediglich eine leichte Linderung seiner Symptome.
Zahlen, die andere Urologen nicht bestätigen können. Jürgen Gschwend etwa vom Klinikum rechts der Isar hat seine Forschung zur Zelltherapie eingestellt. Nur einem Drittel seiner Patienten konnte er damit helfen. Auch Thomas Otto vom Lukaskrankenhaus in Neuss sah nur bei der Hälfte der Kranken einen Erfolg. "Die Methode ist nicht schlecht, aber sicher kein Allheilmittel bei Harninkontinenz", sagt der Urologe, der sich seit Jahren mit der Züchtung von Gewebe beschäftigt. Erfolgsraten von fast 100 Prozent seien nicht möglich, weil das Einwachsen der Muskelzellen in den Schließmuskel sehr leicht gestört werden könne.
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Stern
Ausgabe 37/2008