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8. Januar 2007, 10:23 Uhr

Dicke Kinder unterm Messer

Keiner in Europa ist so dick wie die Briten, deshalb ergreift die nationale Gesundheitsbehörde nun radikale Schritte: Neben gesundem Essen und Bewegung propagiert sie als letzten Ausweg die Operation - sogar bei Kindern.

Übergewichtiges Mädchen in Schottland: Die Zahl übergewichtiger und fettleibiger Menschen hat sich innerhalb der vergangenen 25 Jahre verdreifacht© Jeff J Mitchell/Getty Images

Die Empfehlung dürfte für Diskussionen sorgen: Zum ersten Mal in Europa hat in Großbritannien eine Gesundheitsbehörde Ärzten geraten, bei der Behandlung von sehr übergewichtigen Kindern auch das Verfahren der Magenverkleinerung anzuwenden.

Größeres Problem als Rauchen und Alkohol

Das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) hat die ersten nationalen Richtlinien zum Umgang mit Fettleibigkeit zusammengestellt, weil immer mehr Bürger des Königreichs massiv zunehmen. Kein anderes Land in Europa hat so sehr mit Gewichtsproblemen zu kämpfen wie Großbritannien: Die Zahl übergewichtiger und fettleibiger Menschen hat sich innerhalb der vergangenen 25 Jahre verdreifacht. Bis zum Jahr 2010 wird voraussichtlich jeder dritte Erwachsene und jedes fünfte Kind zu viele Pfunde auf die Waage bringen.

Schon jetzt ist Fettleibigkeit laut Behörden landesweit ein größeres Gesundheitsproblem als Rauchen, Alkoholismus oder Armut. Die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Kosten belaufen sich für das Land pro Jahr auf schätzungsweise 4,4 Milliarden Euro.

Weniger essen durch kleineren Magen

Nun sollen Städteplaner, Unternehmen und Schulen nach dem Willen von NICE gemeinsam dafür sorgen, dass sich die Menschen mehr bewegen und besser essen. Dies hieße konkret etwa, mehr Radwege bauen, Fußgängerzonen anlegen, Fitness-Studios subventionieren und gesündere Lebensmittel anbieten. Bewegung und Ernährung sollen den ersten Verteidigungswall bilden gegen die grassierende Fettleibigkeit bilden. Als nächste Option rät NICE zu appetithemmenden Medikamenten.

Als letzten Ausweg betrachtet die Behörde operative Eingriffe. Bei Erwachsenen ist diese Empfehlung nichts Neues. Die Richtlinien raten dazu aber auch bei Kindern, die nach der Pubertät stark übergewichtig sind und weitere Risikofaktoren aufweisen wie etwa Diabetes oder Bluthochdruck. Wenn alle anderen Maßnahmen versagt haben und die Kinder psychologisch untersucht wurden, sollen Ärzte ihnen künftig den Magen verkleinern dürfen.

Bei dem Eingriff wird der Magen umgeformt, indem durch Klammern und Bänder ein kleinerer Magenbeutel geformt wird. Das begrenzt die Menge, die der Patient essen kann, und verlangsamt zudem die Verdauung. Ähnliche Therapie-Empfehlungen gibt es zwar bereits in den USA, in Europa hat dagegen noch kein Land diese Prozedur für Kinder empfohlen. Durchführen soll die Eingriffe der staatlich finanzierte nationale Gesundheitsdienst. Die Kosten pro Eingriff liegen bei umgerechnet etwa 15.000 Euro.

"Allerletzte Chance, wenn alle andere versagt hat"

"Manche Behandlungsoptionen, die wir in diesen Richtlinien empfehlen, wie etwa Medikamente und in extremen Fällen Operationen bei Kindern sind sicherlich sehr umstritten", räumt Professor John Wilding von der Universitätsklinik Liverpool ein. Aber diese Therapien seien angesichts der Schwere der Gesundheitsgefährdung angebracht. Fettleibigkeit ist bei Kindern besonders gravierend, da sie das Risiko etwa für eine Diabeteserkrankung in jungen Jahren oder Bluthochdruck erhöht. Beides sind Erkrankungen, die sich lebensbedrohlich entwickeln können.

"Die Operation ist vor allem eine allerletzte Chance, wenn alles andere versagt hat", sagt Beckie Lang vom Verband zur Untersuchung von Fettleibigkeit. Lang glaubt, dass pro Jahr nur etwa eine Handvoll Kinder für den Eingriff infrage kommen. "Wir brauchten diese Richtlinie, denn Mediziner behandeln immer mehr Menschen, die krankhaft fettleibig sind", sagt die Ärztin. Ohne ein entschlossenes Vorgehen gegen Fettleibigkeit prophezeien Experten, dass Krankheiten wie Diabetes noch weiter zunehmen werden.

Maria Cheng/AP
 
 
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