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6. Januar 2006, 07:26 Uhr

Die Furcht vor dem "Mischgefäß"

Europa hat die ersten Todesfälle durch die Vogelgrippe gemeldet - und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Grippesaison bevorsteht. Wenn das Vogelgrippe-Virus H5N1 und das menschliche Influenza-Virus aufeinandertreffen, droht eine Pandemie. Von Angelika Unger und Jens Lubbadeh

Tauben in Istanbul - bei den toten Kindern wurde der gefährliche Virustyp H5N1 nachgewiesen© DPA

Drei Kinder sind in der osttürkischen Stadt Van an der Vogelgrippe gestorben. In die Statistik werden sie eingehen als die Opfer mit den Nummern 75, 76 und 77. Und doch geht uns in Deutschland das Schicksal von Fatma, Muhammed und Hülya näher als das der Toten in Asien: Sie sind die ersten menschlichen Opfer in Europa. Die tödliche Seuche kommt uns immer näher.

© AP

Von Mensch zu Mensch kann das Vogelgrippe-Virus H5N1 zwar nicht überspringen - noch nicht. "Die Viren könnten ihr Erbgut ändern oder ganze Gene mit dem menschlichen Influenza-Virus austauschen. So könnten sie von Mensch zu Mensch übertragbar werden", sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI).

Die Viren könnten sich verbinden

Diese Möglichkeit ist es, die Experten Sorge bereitet. Denn Januar und Februar sind Hochsaison für die gewöhnliche Virusgrippe - die Wahrscheinlichkeit steigt, dass in den betroffenen Regionen Vogelgrippe-Virus und menschliches Grippe-Virus miteinander in Kontakt kommen. Ein Grippekranker könnte sich bei engem Kontakt mit Geflügel ebenfalls mit der Vogelgrippe infizieren. "Diese Menschen könnten zum 'Mischgefäß' werden - in ihnen könnten sich das Vogelgrippevirus und das menschliche Grippevirus verbinden", sagt Susanne Glasmacher vom RKI. Dadurch könnte ein von Mensch zu Mensch übertragbares Killervirus entstehen; eine Pandemie wäre kaum mehr abzuwenden.

"In Deutschland ist das Risiko einer solchen Doppelinfektion gleich null: Bei uns gibt es keine Fälle von H5N1", sagt Glasmacher. Aber wie schwer man ein Virus daran hindern kann, sich in einer globalisierten Welt auszubreiten, hat man am Fall der Lungenkrankheit Sars gesehen.

Hühnerköpfe wie Bälle geworfen

In der Türkei geht das Drama derweil weiter: In der Universitätsklinik von Van werden 18 weitere Patienten mit Verdacht auf Vogelgrippe behandelt. Nach Angaben der Klinik sind drei von ihnen in einem kritischen Zustand. Auch der sechsjährige Bruder der verstorbenen Kinder wird dort behandelt. Sein 14-jähriger Bruder Muhammed war am Wochenende gestorben, seine 15-jährige Schwester Fatma am Donnerstag, die 11-jährige Hülya am Freitag.

Die Jugendlichen hätten mit den Köpfen toter Hühner gespielt, sagten die Ärzte. Sie hätten die Köpfe wie Bälle umhergeworfen. Eine andere Familie, deren Kinder ebenfalls mit Verdacht auf Vogelgrippe im Krankenhaus liegen, habe die Hühner wegen der Kälte ins Haus genommen. Die Kinder hätten mit den kranken Tieren geschmust und sich anschließend mit den Fingern Tränen aus den Augen gewischt.

Impfstoff für Tiere wird vorbereitet

In Deutschland arbeitet das Friedrich-Löffler-Institut (FLI) derzeit an einem Impfstoff für Vögel. Dieser sei aber noch nicht einsatzbereit, sagt Thomas Mettenleiter, Präsident des FLI. Es sei aber ohnehin noch zu früh für Impfmaßnahmen: "Eine Impfung ist nur dann angebracht, wenn die Seuche droht außer Kontrolle zu geraten oder schon unkontrollierbar ist wie derzeit in Südost-Asien und China."

Vorerst seien die Tiere vor der Vogelgrippe aber sicher: "Momentan ziehen keine Vögel, daher ist die Gefahr gering." Allerdings beginnt der Frühjahrszug Ende Februar. "Wir beobachten die Lage sehr genau und anhand einer aktuellen Risikobewertung werden wir dann im Frühjahr ein Aussage darüber treffen, ob die Stallpflicht wieder eingeführt werden sollte oder nicht", so Mettenleiter.

Kopfzerbrechen bereiten dem FLI allerdings illegale Tiertransporte oder das unbeabsichtigte Mitbringen von Fleisch aus den betroffenen Ländern.

Männer in weißen Anzügen sammeln das Geflügel in Dogubeyazit ein. Dort soll nun jedes Huhn, jede Ente getötet werden© Murad Sezer/AP

Virologe rechnet mit H5N1-Virus bald auch in Mitteleuropa

Der Mikrobiologe Alexander Kekulé von der Martin- Luther-Universität Halle-Wittenberg hingegen rechnet damit, dass der auch für Menschen gefährliche Vogelgrippe-Virustyp H5N1 demnächst auch in Mitteleuropa nachgewiesen wird. "Ich gehe davon aus, dass das H5N1-Virus bei Vögeln Deutschland oder Mitteleuropa spätestens im Herbst erreichen wird", sagte er am Freitag dem Nachrichtensender MDR Info. Man müsse aber unterscheiden, ob Vögel betroffen seien oder wie jetzt in der Türkei Menschen. Unter Wildvögeln sei diese Krankheit nicht einzudämmen. Deutschland sei jedoch besser vorbereitet als die Türkei.

Bundesregierung: kein Handlungsbedarf

Die Bundesregierung sieht keinen Grund, die bisherigen Vorsorgemaßnahmen auszuweiten. Eine Sprecherin des Bundesverbraucherministeriums erklärte, die Tierseuche sei nach wie vor nicht in Deutschland angekommen. Deshalb gebe es keinen Grund für eine andere Risikoeinschätzung. Es bleibe bei den bestehenden Vorsorgemaßnahmen wie Einfuhrverboten von Geflügel und Geflügelprodukten, Reisehinweisen für Touristen und verstärkten Zollkontrollen.

(mit Material von Reuters, AP, DPA)

Von Angelika Unger und Jens Lubbadeh
 
 
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