Seit zehn Jahren ist Viagra, das erste Medikament gegen Impotenz, auf dem Markt. stern.de sprach mit Menschen, die das Mittel genommen haben. Wie es dazu kam, dass sie die blaue Pille schluckten - und was das für ihr Liebesleben brachte.

Ein halbes Jahr lang kein Kuss, keine zärtliche Berührung© Picture-Alliance/maxppp
Der will es aber wissen, dachte Anna, als sie vor sieben Jahren ihren heutigen Mann kennen lernte. Ulrich umwarb sie charmant, lud sie ins Kino und zum Essen ein, brachte Blumen mit oder kleine Geschenke. Fast jeden Abend verbrachten die beiden miteinander, konnten über alles reden und über vieles lachen.
Doch dabei blieb es ein halbes Jahr lang: kein Kuss, keine zärtliche Berührung von ihm. Anna zweifelte bereits an der frischen Liebe. "Irgendwann stellte ich ihn zur Rede: Sind wir nur beste Freunde oder ein Paar?" Er wich ihr aus, erklärte, er möge sie "schon sehr gern".
An seinem Geburtstag warf sie sich ins hoch geschlitzte Kleid und ging zum Angriff über. Nach der Party landeten sie beschwippst in seinem Bett. Sonst passierte wenig. Kein ernsthafter Versuch, Sex zu haben. Irgendetwas schien Ulrich zurückzuhalten. Erst nach weiteren drei Monaten gestand er ihr, er leide sehr unter Versagensangst im Bett, seit vielen Jahren schon. Inzwischen versuche er, das in den Griff zu kriegen und nehme Viagra, vom Arzt verschrieben.
Anna fiel ein Stein vom Herzen: "Ich dachte ja, es liegt an mir. Oder an uns. Aber ich war ihm einfach so wichtig, dass er mir alles recht machen wollte. Das war wie ein Liebesgeständnis." Behutsam tasteten sie sich vor beim Sex. Genossen die ersten Male miteinander. Ein paar Stunden vor dem Akt schluckte Ulrich immer die blaue Tablette. Doch nach ein paar Monaten wirkte das Mittel nicht mehr. Der Kopf und die Angst hatten das Ruder wieder übernommen. Ulrichs Erektion wurde immer schwächer oder blieb ganz aus. Eine große Enttäuschung für ihn, sagt Anna: "Er dachte, jetzt habe ich die Dinger genommen, jetzt muss es auch klappen. Das war wie Leistungsdruck."
Gemeinsam versuchten sie, seine Angst zu überlisten. Anna zerbröselte die Pillen im Küchenmörser und mischte sie ab und zu heimlich unters Essen, etwa in den Waldbeerquark: "Wir dachten, wenn er es nicht so genau wüsste, könnten wir uns wieder spontan lieben." Das Ergebnis fiel durchwachsen aus. Mal hatten sie nach dem Essen guten Sex, mal ging überhaupt nichts. Während Anna das nicht so dramatisch fand, gern auch andere Spielarten der Liebe ausprobiert hätte, wünschte sich Ulrich vor allem eins: dass die Mittel endlich wieder anschlugen. "Alles drehte sich nur noch um die Erektion. Beim Sex ging uns dabei ein wenig die Fantasie verloren", bedauert Anna heute.
Weil es ihnen auch schwer fiel, offen über Wünsche und Erwartungen in ihrer Liebesbeziehung zu reden, entschieden sich beide für eine Paartherapie bei einem Psychologen. Sie, die Emotionale, Anlehnungsbedürftige, er der Freiheitsliebende, Verschlossene wollen nun lernen, wie sie den anderen besser akzeptieren und ihm in seinem Kummer und seinen Ängsten helfen können. "Das bringt uns im Moment weiter als die Frage, wann wir wieder Sex haben können", sagt Anna T.
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