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Kommentar

Warum die Entscheidung zu Glyphosat vertagt werden sollte

Um den Unkrautvernichter Glyphosat tobt seit Monaten ein heftiger Streit. Die EU-Staaten könnten am Dienstag entscheiden, ob das Mittel weitere 15 Jahre in Europa eingesetzt werden darf. Doch die Eile ist unangebracht. 

Von Lea Wolz

Die Zulassung für Glyphosat läuft dieses Jahr aus. Kommende Woche soll über eine Verlängerung entschieden werden.

Die Zulassung für Glyphosat läuft dieses Jahr aus

Schon der Termin kam Anfang des Jahres überraschend: Von diesem Montag an beschäftigen sich Vertreter der 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union damit, ob das Herbizid Glyphosat weitere 15 Jahre in der EU zugelassen werden darf, am Dienstag soll abgestimmt werden. Dabei bliebe für die Entscheidung eigentlich noch Zeit. Erst im Juni 2016 läuft die Zulassung aus.

Man wolle die Entscheidung nicht erst am allerletzten Tag fällen, heißt es bei der Europäischen Kommission. Doch nicht alle Mitgliedsstaaten sind gewillt, die Eile mitzutragen, berichtet der "Guardian". Schweden, Frankreich und die Niederlande kündigten Widerstand an. Es zeichnet sich ab, dass die Abstimmung vertagt werden könnte. Und das wäre auch gut so.

Seit Monaten tobt ein erbitterter Streit um Glyphosat. Die Grünen, Umweltverbände und Agrarlobby üben sich wechselseitig in der Kunst der Überspitzung: Die einen überzeichnen das Unkrautvernichtungsmittel auf wissenschaftlich unsauberer Basis zu einer der größten Gefahren für die Menschheit und verunsichern Bürger mit Meldungen, dass Glyphosat in Lebensmitteln und im Urin mittlerweile nachweisbar ist - obwohl unklar ist, ob diese geringen Mengen tatsächlich ein Gesundheitsrisiko darstellen. Die anderen preisen das Herbizid als alleinigen Heilsbringer an, ohne den es zu massiven Ernteeinbrüchen weltweit kommen würde. 

Übereilte Entscheidung

Dabei ist Panikmache, egal von welcher Seite, der Sache wenig dienlich. Doch genauso wenig darf der Eindruck entstehen, dass die EU-Kommission nun rasch Fakten schaffen will, um der Industrie einen Gefallen zu tun. Denn in der Tat hätte eine so hastig durchgezogene Abstimmung ein Geschmäckle, auch wenn das Verfahren den Vorgaben entspricht.

Momentan stehen zwei unterschiedliche Ansichten zur Gefahr von Glyphosat im Raum: "Potenziell krebserregend", zu diesem Schluss kommt die zur WHO gehörende Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC). Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) sehen das anders: Bei korrektem Gebrauch gehe keine Gefahr von dem Herbizid aus. Heißt: Erst die Dosis macht das Gift. Gegen die Einschätzung der Efsa protestierten 96 namhafte Wissenschaftler in einem offenen Brief.

Schon die Fachwelt ist also tief zerstritten. Zwar ist zumindest zum Teil erklärbar, wie die Institutionen zu den unterschiedlichen Einschätzungen gelangen (siehe Kasten). Doch ob das Herbizid tatsächlich krebserregend ist oder nicht, lässt sich momentan nicht sicher sagen. Bevor die Zulassung von Glyphosat verlängert wird, wäre es daher wünschenswert, dass die Efsa im Sinne der Transparenz auch die industrienahen Studien veröffentlicht, die sie zur Bewertung des Risikos herangezogen hat.

Darüber hinaus ist es vollkommen unverständlich, dass die EU über die Zulassung abstimmen will, ohne bereits angekündigte Neubewertungen in ihre Entscheidung mit einfließen zu lassen. Bereits für Anfang Mai haben die Welternährungsorganisation FAO und die WHO  ein Treffen anberaumt, in dem sie sich erneut mit dem Thema Glyphosat beschäftigen wollen. Anders als bei der IARC-Bewertung soll es diesmal auch um die konkrete Gesundheitsgefahr für den Menschen gehen. 

Bevor die EU über die Zulassung von Glyphosat für weitere 15 Jahren entscheidet, sollte sie die Einschätzung des WHO-Gremiums anhören. Das wäre nicht nur vernünftig, es würde auch das Vertrauen der Bürger in die EU-Institutionen stärken. Zeitlich gibt es jedenfalls keinen Grund, dieses Treffen nicht abzuwarten. 

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