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Die Mär von der verseuchten Muttermilch

Die Grünen haben wenige Proben Muttermilch untersuchen lassen und fanden darin Spuren von Glyphosat, einem Pflanzengift. Das sorgte für ein gewaltiges Medienecho. Doch die Studie entbehrt nicht nur jeder wissenschaftlichen Grundlage - sondern schürt auch unbegründet Angst.

Von Ilona Kriesl und Lea Wolz

  Wer suchet, der findet: Das steht schon in der Bibel. Die Grünen fanden in 16 Muttermilchproben Rückstände des Pflanzengifts Glyphosat.

Wer suchet, der findet: Das steht schon in der Bibel. Die Grünen fanden in 16 Muttermilchproben Rückstände des Pflanzengifts Glyphosat.

Die Grünen haben gesucht - und sind fündig geworden. In 16 Milchproben stillender Mütter haben sie Rückstände des Pflanzengifts Glyphosat nachgewiesen. Das zwar in verschwindend geringen Mengen - zwischen 0,210 und 0,432 Nanogramm pro Milliliter - wohlgemerkt, ein Nanogramm ist ein Milliardstel Gramm.  Aber immerhin! Ein Giftstoff! Und das in der Muttermilch! Da ließ das entsprechende Medienecho nicht lange auf sich warten. Die Nachrichtenagentur dpa schrieb von "möglichen Gesundheitsrisiken", Bild.de berichtete von einem "Risikostoff in Muttermilch-Proben" und holte dann zum Informations-Rundumschlag aus: "Was stillende Mütter jetzt wissen müssen".

Doch wie gefährlich sind die nachgewiesenen Mengen? Und auf welcher Grundlage beruhen die Warnungen? Klar ist: Die Stichprobe von gerade einmal 16 Proben ist nicht im Ansatz repräsentativ oder auf andere Frauen übertragbar - das räumen auch die Grünen ein. 

Für sie sind die gefundenen Werte laut einer Pressemitteilung dennoch "sehr besorgniserregend". Gewonnen wurden sie zwar mit einem "neuen, noch nicht umfassend validierten Verfahren", wie ein Sprecher der Grünen gegenüber dem stern erklärt. Heißt: Ob es überhaupt für diesen Einsatzzweck geeignet ist, ist unklar. Die Grünen betonen jedoch, dass allein das Gesamtergebnis wichtig sei: "Es wurde in allen Milchproben Glyphosat gefunden - und zwar deutlich über dem Trinkwassergrenzwert."

Die Jagd nach der schnellen Schlagzeile

Doch geht davon wirklich eine Gefahr aus? In Deutschland gilt für die zulässige Aufnahme von Glyphosat durch Lebensmittel ein vergleichsweise strenger Grenzwert von 0,3 Milligramm pro Kilo Körpergewicht und Tag. Wer nachrechnet, stellt fest: Um ihn zu überschreiten, müsste ein sechs Kilogramm schweres Baby von der am stärksten belasteten Muttermilch Unmengen trinken - nämlich 4167 Liter pro Tag. Selbst den noch niedrigeren Grenzwert für Pestizide - also für Rückstände von Pflanzenschutzmitteln aller Art - in Babynahrung würde es mit einer üblichen Menge der am stärksten belasteten Muttermilch nicht ausschöpfen.

Dabei muss man wissen: Selbst bei Grenzwerten ist ein großer Puffer eingebaut. Um ihn zu bestimmen, wird im Tierversuch die Dosis ermittelt, bei der noch keine gesundheitlichen Schäden auftreten. Der Grenzwert für Menschen wird dann deutlich niedriger angesetzt - bei einem Hundertstel dieser Dosis.

Die Grünen führen jedoch einen anderen Grenzwert ins Feld - und zwar den für Rückstände in Trinkwasser. Er liegt bei 0,1 Nanogramm pro Milliliter und wurde bei den Proben überschritten. "Dieser Grenzwert gilt allerdings für alle Pestizide", sagt Rolf Altenburger, Umwelttoxikologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. "Er sagt zudem rein gar nichts darüber aus, ob eine Gesundheitsgefahr besteht."

Altenburger verweist zudem darauf, dass der Wert aus den 1980er Jahren stammt. "Damals hat man sich darauf geeignet, da es schlichtweg die Grenze dessen war, was die Methoden dieser Zeit nachweisen konnten." Der Grundgedanke sei gewesen, möglichst gar keine Schadstoffe im Wasser zu haben. Sprich: Der Wert ist extrem niedrig - und leicht zu überschreiten. Was sich ausnutzen lässt, um für Verunsicherung zu sorgen. "Ein Grenzwert, der anzeigt, ab wann ein Stoff dem Körper schadet, ist es mitnichten", sagt Altenburger.

Dazu haben die Grünen ihn allerdings gemacht - und stillende Mütter verunsichert. Der Zeitpunkt ihrer Publikation dürfte bewusst gewählt sein: Glyphosat ist derzeit in der Europäischen Union zugelassen - doch die Genehmigung endet am 31. Dezember dieses Jahres. Derzeit läuft auf EU-Ebene ein Verfahren, das klären soll, ob die Genehmigung für weitere zehn Jahre verlängert wird. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob das Pflanzengift möglicherweise Krebs erregen kann. Zu diesem Schluss kam die IARC ("International Agency for Research on Cancer") ,  die der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterstellt ist.

Deutschland kommt im aktuellen Verfahren die Rolle des "Bericht erstattenden Mitgliedstaates" zu. Soll heißen: Die Bewertung des Wirkstoffs stammt von einer deutschen Behörde, dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Das hat dafür eine umfassende Studienauswertung durchgeführt, aber "keine Hinweise auf eine krebserzeugende (…) Wirkung durch Glyphosat" gefunden. Seitdem streitet sich die Fachwelt: über Studien, Testergebnisse und unterschiedliche Bewertungen.

Für die Bundestagsfraktion der Grünen ist die Situation klar: Sie will Glyphosat aus dem Verkehr ziehen, bis die "wissenschaftliche Kontroverse" geklärt ist. Die vermeintlich gefährlichen Rückstände spielen ihnen dabei in die Hände. Mehr noch: Sie heben die Diskussion auf eine hochemotionale Ebene - nämlich die des Wohlergehens und der Gesundheit von Kleinkindern. Bei vielen läuten da verständlicherweise die Alarmglocken - was dabei untergeht: Der Test der Grünen taugt für eine schnelle Schlagzeile, für mehr nicht.

"Nachweisbar ist alles"

Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik, ärgern solche Warnungen ohne jede solide Basis. "Das ist trivial, unseriöser Schwachsinn und weder ein Beleg für irgendeine Gefahr, noch eine Meldung wert", sagt er. "Es verunsichert lediglich den Verbraucher." Nicht alleine die Datenbasis von 16 Frauen sei viel zu dünn, um daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Ergebnisse liefern auch keine ernstzunehmenden Hinweise - wie nun vielerorts zu lesen.

"Tatsächlich finden sie heute überall alles, wenn sie nur genau genug messen", sagt Krämer. Denn die Analysemethoden werden immer besser. Allein die Tatsache, dass ein Gift gefunden wurde, sage daher noch gar nichts aus. "Vermutlich ist jedes Gift der Erde in Muttermilch nachweisbar, etwa Dioxin - ohne dass dafür eine Gefahr für das Kind ausgeht, solange die gesundheitsgefährdende Dosis nicht überschritten wird", kritisiert Krämer.

Wer daher allein für Furcht und Schrecken sorge, indem er die Existenz von Giftstoffen in die Welt posaune, ohne seriös mit Grenzwerten umzugehen und die tatsächliche Gefahr einzuordnen, handele verantwortungslos. "Er schürt lediglich Panik."


 

 

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