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Forscher bezweifeln Sicherheit und Nutzen von Tamiflu

Mit dem Grippemittel Tamiflu werden Milliarden umgesetzt - doch die Sicherheit und Wirksamkeit ist umstritten. Nun werfen Wissenschaftler dem Konzern Roche erneut vor, wichtige Daten zurückzuhalten.

Von Lea Wolz

Tamiflu

Wissenschaftler werfen dem Pharmakonzern Roche vor, Studiendaten zu dem Grippemedikament Tamiflu zurückzuhalten

Das Grippemittel Tamiflu ist für den Pharmakonzern Roche ein Topseller. Auf dem Höhepunkt der Schweingrippe-Epidemie im Jahr 2009 machte der Konzern mit dem Medikament 3,2 Milliarden Franken (2,7 Milliarden Euro) Umsatz. Zahlreiche Staaten haben viel Geld ausgegeben, um sich für den Fall einer Grippe-Epidemie mit sogenannten antiviralen Arzneimitteln einzudecken. In Deutschland sind diese Medikamente für etwa jeden fünften Bundesbürger eingelagert.

Doch seit geraumer Zeit bestehen berechtigte Zweifel, ob Tamiflu tatsächlich so wirksam und sicher ist, wie angenommen. Wissenschaftler der Cochrane Collaboration haben nun weitere Studien zu dem Grippemittel unter die Lupe genommen. Sie äußern erhebliche Bedenken darüber, dass Tamiflu hält, was der Hersteller Roche verspricht.

Rechtzeitig eingenommen soll Tamiflu die Dauer einer Influenza verkürzen, die Symptome der Grippe abschwächen und lebensgefährliche Komplikationen wie eine Lungenentzündung verhindern. Da die sogenannten Neuraminidasehemmer, zu denen auch Tamiflu mit seinem Wirkstoff Oseltamivir zählt, die Virenvermehrung im Körper unterbinden, sollen sie auch helfen, eine Verbreitung der Grippe-Erreger in der Bevölkerung zu verhindern. Soweit die Versprechen.

Weniger wirksam und mehr Nebenwirkungen

Doch die bis jetzt veröffentlichten Daten würden ein zu positives Bild des Medikamentes zeigen, kritisieren nun Wissenschaftler um den Epidemiologen Tom Jefferson. Sie haben bis jetzt nicht publizierte Unterlagen zu klinischen Studien untersucht. Ihr Fazit: Wird Tamiflu spätestens zwei Tage nach Auftreten der ersten Symptome eingenommen, verkürzt das Mittel die Dauer einer meist sechs- bis siebentätigen Influenza zwar tatsächlich um durchschnittlich 21 Stunden. Doch dafür, dass es Komplikationen wie etwa eine Lungenentzündung verhindert, dass weniger Patienten ins Krankenhaus eingeliefert werden oder die Ansteckungsgefahr sinkt, fanden sie keine Belege.

Genau wegen dieser Wirkungen empfehlen Behörden wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tamiflu allerdings als Mittel, um eine Influenza-Epidemie oder -Pandemie einzudämmen. Sogar auf die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der WHO hat es das Medikament geschafft. Wegen der WHO-Empfehlung wiederum hätten Gesundheitsbehörden weltweit Milliarden Euro ausgegeben, um antivirale Medikamente wie Tamiflu einzukaufen und für den Ernstfall einzulagern, kritisiert Jefferson.

Er uns seine Kollegen hatten bereits in einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2009 die Wirksamkeit und Sicherheit des Medikamentes angezweifelt. In der aktuellen Veröffentlichung untermauern sie nun noch einmal ihre Kritik. Dafür griffen die Forscher auf Rohdaten aus klinischen Studien zurück, die sie etwa von der europäischen Arzneimittelagentur erhielten.

Eine Auswertung der noch unveröffentlichten Daten ergab auch, dass Tamiflu nicht so verträglich ist, wie vom Hersteller angegeben. So seien in den nicht veröffentlichten Studien auch Störungen des Nervensystems und psychische Auffälligkeiten aufgetreten. In den beiden häufig zitierten Studien sei hingegen zu lesen: "Es wurden keine durch das Medikament verursachten schweren Nebenwirkungen registriert."

Vorwurf: Studiendaten vorenthalten

Die positive Einschätzung über Wirksamkeit und Verträglichkeit von Tamiflu basiert vor allem auf einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2003. Doch acht der zehn von Roche finanzierten Versuchsreihen dieser Metaanalyse seien nie veröffentlicht worden, schreiben Jefferson und Kollegen, die schon vor zwei Jahren im "British Medical Journal" auf diese Lücken hinwiesen. Roche versprach daraufhin, die vollständigen Berichte für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung zu stellen. Doch darauf warten die Cochrane-Forscher nach eigener Aussage bis heute.

Roche hingegen verweist darauf, dass es die Forscher mit 3200 Seiten detaillierten Informationen versorgt habe. Zudem seien die Studiendaten den Zulassungsbehörden vorgelegt worden, sagte ein Sprecher laut "New York Times". Auch die Wirksamkeit und Sicherheit seines Medikamentes verteidigte der Konzern. "Zahlreiche klinische Studien und Erfahrungen aus der klinischen Praxis haben gezeigt, dass Tamiflu wirksam die Schwere und Dauer von Influenzasymptomen und spezifischen Sekundärkomplikationen reduziert", heißt es in einem Statement, das stern.de vorliegt.

Der Großteil der Studien zu Tamiflu sei nie veröffentlicht worden, kritisiert hingegen Jefferson. Darunter seien auch 60 Prozent der Daten aus klinischen Phase-III-Studien, einer entscheidenden Prüfung vor der Zulassung eines Medikamentes, bei der es seine Wirkung gegenüber einem Scheinmedikament, einem sogenannten Placebo, beweisen muss.

"Wir befürchten, dass die Daten für eine kritische Überprüfung durch andere Wissenschaftler weiterhin unzugänglich bleiben", sagt der Cochrane-Forscher. Bei einem Medikament mit dieser Bedeutung im Seuchenfall sei es jedoch notwendig, alle Belege zu positiven und negativen Wirkungen unabhängig zu prüfen. Nur so könne man ein vollständiges Bild darüber gewinnen, wann und für wen ein solches Mittel sinnvoll einzusetzen sei.

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