Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Stern Logo Ratgeber Erkältung & Grippe

Das Geschäft mit der Angst

Für die Pharma-Unternehmen ist die Schweinegrippe ein Glücksfall: Millionen Impfdosen sind bestellt, Tamiflu wird gehortet, satte Gewinne winken. Doch über das Geschäft meist geschwiegen.

Von Kai Kupferschmidt

Tamiflu

Wissenschaftler werfen dem Pharmakonzern Roche vor, Studiendaten zu dem Grippemedikament Tamiflu zurückzuhalten

Am 11. Juni dürfte in manchen Vorstandsetagen gejubelt worden sein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte mit Phase 6 die höchste Warnstufe ausgerufen, die Schweinegrippe war offiziell eine Pandemie. Was für viele Menschen vor allem ein Horrorszenario ist, ist für einige Pharmaunternehmen ein Glücksfall. Sie haben viel Geld dafür ausgegeben, sich auf genau diese Situation vorzubereiten. Nun steht ihnen ein Milliardengeschäft bevor.

Ungeachtet der bisher weitgehend mild verlaufenden Infektionen macht der Stempel "Pandemie" viel Geld locker. Keine Regierung möchte unvorbereitet dastehen, wenn der Ernstfall eintritt. Darum werden Atemmasken gehortet, Medikamente eingelagert und Impfstoff vorbestellt. Der Pharmariese Glaxo-Smith-Kline, der gleich zwei verschiedene Musterimpfstoffe für den Fall einer Pandemie vorbereitet hat, kommt bei den Bestellungen kaum hinterher. Allein die deutsche Regierung hat 50 Millionen Dosen "Pandemrix" geordert. Insgesamt 291 Millionen Dosen seien aus über 50 Ländern bestellt worden, sagt eine Sprecherin. Tendenz steigend. Das Unternehmen mit mehr als 100.000 Arbeitnehmern hat 2008 24 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht. Die Pandemie dürfte das deutlich erhöhen.

Ob das Schreckenszenario eines mutierten Virus, das gefährlicher ist als die saisonale Grippe, tatsächlich wahr wird, ist dabei gar nicht wichtig. Was zählt, ist die Angst davor. Ist die Maschinerie einmal im Gang, werden die Impfdosen hergestellt und an die Regierungen ausgeliefert. Sollte die Grippe am Ende doch harmloser verlaufen als erwartet und sollten sich viele Menschen gegen eine Impfung entscheiden, ist das nicht das Problem der Pharmafirmen. Sie werden dafür bezahlt, die Länder für die Eventualität zu rüsten.

Verträge mit Geheimhaltungsklausel

Wie viel die Bundesländer pro Impfstoffdosis zahlen, ist offiziell zwar nicht zu erfahren, denn die deutschen Verträge enthalten eine Geheimhaltungsklausel. Aber aus Unternehmenskreisen heißt es, es sei nicht viel mehr als der saisonale Impfstoff, der jedes Jahr für knapp acht Euro verkauft wird. Einzelne Politiker sprechen von 10 bis 15 Euro. Das ist nicht viel, aber bei hunderten Millionen Dosen dürfte Glaxo-Smith-Kline dennoch einige Milliarden Euro an der Schweinegrippe verdienen. Und das ist nur der Impfstoff. Das Unternehmen vermarktet auch das Medikament Relenza, das wie Tamiflu zur Behandlung einer Influenzainfektion verwendet wird. Die Virusarznei wird ebenfalls hundertmillionenfach bestellt. Bei einem Herstellerabgabepreis von 18,24 Euro pro Packung dürfte auch dieses Geschäft sich auf einige Milliarden summieren.

Und noch einen Vorteil könnte die Pandemie für Glaxo-Smith-Kline haben. Bis jetzt sind ihre Impfstoffe mit dem neuen "Scharfmacher des Immunsystems", dem Adjuvans AS03, auf dem lukrativen amerikanischen Markt nicht grundsätzlich zugelassen. "Bisher wird das nur sehr begrenzt eingesetzt", sagt der Virologe Alexander Kekulé von der Universität Halle. Die amerikanische Zulassungsbehörde stehe den neuen Impfstoffen skeptisch gegenüber und habe sie bisher nur für Menschen über 65 zugelassen, bei denen die normalen Impfstoffe häufig nicht ausreichen um einen Grippeschutz aufzubauen. "Die Firmen nutzen jetzt natürlich die Pandemie als Hebel, um die Zulassung für adjuvantierte Impfstoffe zu bekommen", sagt Kekulé. Wenn die neue Rezeptur nach der Pandemie zig millionenfach in Europa gespritzt wurde, dürfte die Datenlage für eine Zulassung reichen. Der Vorteil: Impfstoffe mit Adjuvans lassen sich patentieren. Bei Glaxo-Smith-Kline hört man das nicht so gern. "Es handelt sich natürlich nicht um einen Feldversuch", sagt eine Sprecherin. Dass die Daten für eine Zulassung nützlich sein könnten, will sie aber auch nicht bestreiten.

Für Stirnrunzeln sorgt, dass die Kaufverträge zwischen den Bundesländern und Glaxo-Smith-Kline geheim gehalten werden. "Keiner weiß, was genau in den Verträgen drin steht", kritisiert Kekulé. "Das ist schon seltsam in einem demokratischen Staat." Experten und Unternehmen verweisen auf die Politik: Die Geheimhaltungsklausel sei auf ausdrücklichen Wunsch von Staatssekretär Theo Schröder in den Vertrag aufgenommen worden. Im Bundesgesundheitsministerium findet man daran allerdings nichts Ungewöhnliches. "Es ist normal, dass bei Verträgen dieser Größenordnung nicht alle Einzelheiten öffentlich sind", sagt eine Sprecherin. Das Entscheidende sei bekannt.

Die Bundeswehr bekommt einen anderen Impfstoff

Glaxo-Smith-Kline ist nicht der einzige Profiteur der Pandemie. Ähnlich gut dürften auch Novartis und Baxter, die Hersteller der anderen beiden in Europa zugelassenen Musterimpfstoffe, an der Pandemie verdienen. Baxter kann nach eigenen Angaben in seinen Werken in Wien und Tschechien insgesamt 80 Millionen Impfstoffdosen herstellen. "Die sind jetzt schon verkauft", sagt eine Sprecherin. Unter den Kunden: Australien, Neuseeland, Irland – und die Bundeswehr. Aber auch das ist ein Staatsgeheimnis. Wir machen keine Aussagen dazu, heißt es unisono aus Verteidigungsministerium und vom Impfstoffhersteller. Warum die Bundeswehr sich für einen anderen Impfstoff entschieden hat als die Bundesländer und warum das geheim ist - auch dazu gibt es keine Aussagen.

Novartis beliefert unter anderem Frankreich, die Niederlande, und die Schweiz mit Impfstoff. Und auch in Deutschland könnten Nachbestellungen der Bundesländer bei Novartis eingehen. "Novartis, der Bund und die Länder haben schon mit dem Aufkommen der Vogelgrippe eine Zusammenarbeit zur möglichen Versorgung mit Pandemie-Impfstoff begonnen", sagt eine Sprecherin. Das Unternehmen sei allerdings bisher noch nicht berücksichtigt worden. Novartis verdient aber auch ohne Bestellungen in Deutschland einiges. Allein die USA haben für 979 Millionen Dollar Impfstoff und die immunstimulierende Substanz, das Ajuvans, MF59 bestellt.

Ein universeller Impfstoff wäre machbar

Bei diesen immensen Summen ist es kein Wunder, wenn Kritiker auf den Plan treten. Der Bundestagsabgeordnete und Lungenarzt Wolfgang Wodarg (SPD) etwa spricht von einem Geschäft mit der Angst. "Der Name 'Schweinegrippe' steht wie schon die Bezeichnung 'Vogelgrippe' für irreführende aber offenbar erfolgreiche Versuche einiger Pharmakonzerne, ihre Absatzchancen für neue Impfstoffe und fragliche Grippe-Medikamente zu erhöhen", schreibt Wodarg in einem Artikel auf seiner Internetseite. Die jährliche Grippe werde zu einer werbewirksam drohenden Katastrophe aufgeblasen. Es gehe allein darum, Milliarden an Steuergeldern locker zu machen. Die meisten Experten allerdings sehen das anders. "Es handelt sich um ein Influenzavirus, das bislang beim Menschen nicht vorgekommen ist, und wir wissen aus der Vergangenheit, was für verheerende Konsequenzen das haben kann", sagt der Virologe Hans-Dieter Klenk von der Universität Marburg. Es sei zwar schwer zu sagen, wie gefährlich das Grippevirus im Herbst sein werde. "Aber als Mittel dagegen steht uns in erster Linie ein Impfstoff zur Verfügung." Dass es den überhaupt gibt, sei den Pharmaunternehmen zu verdanken.

Grund zur Kritik gibt es trotzdem, denn man hätte sich auch anders vorbereiten können. "Man hätte früher und intensiver nach einem universellen Impfstoff gegen Grippeviren suchen können", sagt etwa Stefan Kaufmann, Direktor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin. "Aber für Pharmafirmen ist es natürlich attraktiv, jedes Jahr einen neuen Impfstoff zu verkaufen." Im Gegensatz zu HIV wisse man über die Abwehrmechanismen gegen Influenzaviren enorm viel. "Da sind die Dinge eigentlich auf dem Tisch. Rein technisch dürfte ein universeller Grippeimpfstoff deswegen machbar sein." Sollten Forscher, Politiker und Pharmaunternehmer die Schweinegrippe zum Anlass nehmen, sich für einen solchen Impfstoff der gegen verschiedenste Influenzaviren schützt, einzusetzen, dann hätten am Ende vielleicht alle etwas zu Jubeln. Nicht nur die Vorstände einiger Pharmaunternehmen.

Stern Logo Das könnte sie auch interessieren

Partner-Tools