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Das große Tamiflu-Desaster

Es ist ein vernichtendes Urteil für Tamiflu: Forscher haben alle Daten zum umstrittenen Grippemittel analysiert, für das weltweit Milliarden ausgegeben wurden. Ob der Weckruf Folgen hat, ist offen.

Von Lea Wolz

  Viel Hilfe dürfen sich Patienten von Tamiflu nicht erwarten, dafür müssen sie mit Nebenwirkungen rechnen, zeigt eine Meta-Analyse.

Viel Hilfe dürfen sich Patienten von Tamiflu nicht erwarten, dafür müssen sie mit Nebenwirkungen rechnen, zeigt eine Meta-Analyse.

Regierungen weltweit haben Milliarden Euro ausgegeben, um das Grippemittel Tamiflu einzulagern. Im Ernstfall soll es bei einer Pandemie helfen, vor allem im Zuge der sogenannten Schweinegrippe H1N1 haben sich viele Länder mit dem Medikament eingedeckt. Doch an der Sicherheit und dem Nutzen zweifeln Forscher schon seit einiger Zeit. Nun haben Wissenschaftler der Cochrane Collaboration die bis jetzt umfassendste Übersichtsarbeit zu dem Thema vorgelegt. Darin üben sie massive Kritik an dem Mittel.

Tamiflu verkürze bei Erwachsenen die Grippesymptome gerade mal um einen halben Tag, schreiben die Forscher im "British Medical Journal". Es sei nicht geeignet, die Ausbreitung einer Grippe zu unterbinden oder das Auftreten gefährlicher Komplikationen zu verringern. Der Pharmakonzern Roche, der Tamiflu vertreibt, weist die Kritik zurück.

Die aktuelle Analyse ist das Ergebnis eines langen Streits zwischen den Forschern der Cochrane Collaboration und dem Pharmakonzern. Bereits 2009 hatten Wissenschaftler des weltweiten Netzwerkes an Fachleuten, das systematisch den Nutzen von medizinischen Therapien bewertet, Daten zu Tamiflu beim Hersteller angefragt. Doch bis das Team um den britischen Epidemiologen Tom Jefferson alle Studien erhielt, dauerte es viereinhalb Jahre. Der schwere Vorwurf: Durch eine gezielte Auswahl der publizierten Studien sei die Öffentlichkeit über den vermeintlichen Nutzen des Medikamentes getäuscht worden.

Kaum Wirkung, aber Nebenwirkungen

Für ihre aktuelle Analyse haben die Forscher 20 Studien zu Tamiflu (mit dem Wirkstoff Oseltamivir) von Roche und 26 Studien zu dem weniger gängigen Grippemittel Relenza (mit dem Wirkstoff Zanamivir) von Glaxo-Smith-Kline betrachtet. Beide Mittel zählen zu den sogenannten Neuraminidasehemmern. Sie hemmen ein Enzym des Grippevirus, das für dessen Vermehrung wichtig ist. Die Mittel werden daher eingesetzt, um die Krankheitsdauer bei einer Influenza zu verkürzen und die Ausbreitung des Virus zu unterbinden.

Doch dafür sind die Mittel den Forschern zufolge wenig geeignet: Verglichen mit einem Placebo reduziere Tamiflu die Krankheitsdauer von sieben Tagen auf 6,3 Tage bei Erwachsen. Bei Kindern verringere sich diese um etwa einen Tag, sofern sie nicht an einer anderen chronischen Krankheit wie etwa Asthma litten. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass schwere Komplikationen wie Lungenentzündungen, Nasennebenhöhlenentzündungen oder Bronchitis seltener auftreten, schreiben die Forscher. Die Zahl der Krankenhauseinweisung ging ebenfalls nicht zurück. Stattdessen stieg bei Patienten das Risiko für Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen psychiatrische Störungen und Nierenprobleme.

Das ganze Geld, das Regierungen in Tamiflu gesteckt hätten, habe sich nicht im Geringsten positiv auf die Gesundheit ausgewirkt, sagte Carl Heneghan, Professor für evidenzbasierte Medizin an der Universität Oxford und einer der Autoren des aktuellen Reports, der "BBC. "Wir könnten Menschen sogar geschadet haben." Mitautor Jefferson rät davon ab, das Mittel einzusetzen, um die Symptome einer Influenza zu lindern. "Ich würde Paracetamol geben."

Doch wie konnte es zu dem Tamiflu-Desaster kommen? Die Autoren sehen Fehler auf vielen Ebenen - von den Herstellern über die Zulassungsbehörden bis hin zu den Regierungen. Der Report zeige deutlich, dass in Zukunft Entscheidungen über den massenhaften Kauf und Einsatz von Medikamenten auf Grundlage aller Studien, der veröffentlichten und nicht veröffentlichten, getroffen werden müssen, sagt Fiona Goodle, Chefredakteurin den "British Medical Journal" (BMJ). Sie fordert sogar: "Wir brauchen alle Daten aus klinischen Studien für alle Medikamente, die in Gebrauch sind."

Zeitgleich zum Erscheinen der Übersichtsarbeit richten die Cochrane-Forscher und das BMJ einen Apell an Regierungen und Entscheidungsträger im Gesundheitswesen. Sie stellen ihnen die Frage: "Würden Sie im Licht der aktuellen Erkenntnisse noch einmal die gleichen Empfehlungen abgeben und große Tamiflu-Vorräte anlegen?"

Roche weist Kritik zurück

Allerdings stimmen nicht alle Forscher den Schlussfolgerungen der Cochrane-Autoren zu. Es sei "ziemlich hilfreich", wenn Tamiflu bei Kindern die Krankheit um etwa einen Tag verkürze, sagt Influenzaforscherin Wendy Barclay vom Imperial College in London der "BBC". Zudem hätten die Studien die Wirkung des Mittels bei der saisonalen Influenza, also der jährlichen Grippewelle, untersucht. Bei einer Pandemie könnte es besser wirken und hilfreicher sein, meint sie. Tamiflu-Hersteller Roche teilte mit, man halte die Cochrane-Gutachter für "unerfahren im Umgang mit großen Datenmengen". "Als Instanz zur Beurteilung des Nutzens" von Tamiflu und ähnlichen Medikamenten erkenne man sie nicht an.

In Deutschland gilt im Falle einer Pandemie der Nationale Pandemieplan aus dem Jahr 2007. An dessen Erstellung waren neben dem Berliner Robert-Koch-Institut (RKI), das koordinierend tätig ist, unter anderem auch das Paul-Ehrlich-Institut, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und verschiedene Berufsverbände und Fachgesellschaften beteiligt. Der Nationale Pandemieplan sieht vor, für 20 Prozent der Bevölkerung Vorräte an Tamiflu anzulegen, die Bevorratung ist Sache der Länder. Einige haben sich daran gehalten, alle lagern Tamiflu ein, wie eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken zeigt.

Doch lässt sich angesichts der vehementen Kritik an Tamiflu die Empfehlung aus 2007 noch aufrechterhalten? An einem neuen Plan werde gearbeitet, heißt es aus dem RKI. "Die Pandemieplanung läuft", sagt eine Sprecherin. Ob die aktuellen Ergebnisse Eingang darin finden und wie sich diese auf die Bevorratung mit Tamiflu auswirken, könne aber noch nicht gesagt werden. Offen ist auch, wann der neue Plan erscheint.

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