Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Wie Cannabis als Schmerzmittel wirkt

Cannabis wirkt gegen Schmerzen und entspannt die Muskeln. Doch die Krankenkassen übernehmen die Kosten bis jetzt nur selten. Für Patienten, denen andere Mittel nicht helfen, ein riesiges Problem.

Von Bernhard Albrecht

  "Graspirin - Anbauset Cannabis" stehtauf einer selbst gebastelten Verpackung. 300 Patienten in Deutschland ist es erlaubt, Cannabis zu therapeutischen Zwecken zu konsumieren.

"Graspirin - Anbauset Cannabis" stehtauf einer selbst gebastelten Verpackung. 300 Patienten in Deutschland ist es erlaubt, Cannabis zu therapeutischen Zwecken zu konsumieren.

Günter Weiglein lebt in einer Dreizimmerwohnung im sechsten Stock und hat eine abschließbare Besenkammer. Auf drei Quadratmetern will er hier bald den Hanf züchten. Am 22. Juli 2014 beschied ihm das Verwaltungsgericht Köln, dass er das dürfe, wobei der abschließbaren Kammer große Bedeutung zukam - so sei gewährleistet, dass niemand sonst Zugang zu den begehrten Rauschmitteln habe.

Weiglein ist seit einem Motorradunfall 2002 chronischer Schmerzpatient und hat viele Medikamente erfolglos ausprobiert. Das einzige, was helfe, sagt er, seien regelmäßige Joints. Seine Hausärztin hatte deshalb 2009 für ihn bei der Bundesopiumstelle eine Ausnahmegenehmigung erwirkt, die dem 39-jährigen - so wie 299 anderen Patienten in Deutschland - erlaubt, Cannabis zu therapeutischen Zwecken zu konsumieren.

Das Problem war aber: Bislang durften sie die Blüten nur in der Apotheke kaufen - für viele Hundert Euro im Monat. "Das kann ich mir nicht leisten", sagt Weiglein, der vom Gehalt seiner Frau lebt. Deshalb hatten er und vier weitere chronische Schmerzpatienten gegen die Bundesopiumstelle geklagt.

Das Gehirn und viele andere Körperorgane verfügen über eigene Andockstellen für den wichtigsten Wirkstoff der Cannabis-Pflanze THC (Tetrahydrocannabinol). THC macht Kiffer high, ist aber auch verantwortlich für die Schmerzhemmung, entspannt die Muskulatur und steigert den Appetit. Weil die erwünschten therapeutischen Wirkungen mit viel geringeren Dosierungen erreichbar sind als die unerwünschten Rauschzustände, sind in Deutschland seit etwa 15 Jahren zwei Medikamente zugelassen, die isoliertes THC enthalten. Sie werden nicht nur bei Schmerzen eingesetzt, sondern auch gegen Appetitlosigkeit bei Krebspatienten, gegen Übelkeit und gegen Muskelspastiken bei Multipler Sklerose.

Endgültige Entscheidung erst kommendes Jahr

Die Krankenkasse übernimmt jedoch nur selten die Kosten einer solchen Behandlung. Zwar gibt es viele kleinere Studien, die die Wirksamkeit bei verschiedensten Indikationen belegen - wissenschaftlich saubere Nachweise der höchsten Güteklasse aber fehlen noch, und so müssen sich viele chronische Schmerzpatienten bis heute vor Gericht mit ihren Kassen streiten. Noch schlechter ist die Studienlage für gerauchtes Cannabis, das neben THC weitere sogenannte Cannabinoide enthält, die weitgehend unerforschte Wirkungen auf Körper und Geist haben.

Bevor Günter Weiglein die Lizenz zum Jointrauchen mit Blüten aus der Apotheke erstritt, hatte er auch das THC-Medikament Dronabinol ausprobiert. "Das hatte bei mir keinerlei Wirkung", sagt er. "Manche Patienten profitieren tatsächlich besser von gerauchten Cannabis", bestätigt der Arzt Franjo Grotenhermen, Vorstand der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente (IACM).

Auf die Lizenz zum Selbstanbau allerdings müssen Weiglein und seine Mitkläger weiter warten – denn nach dem Richterspruch des Verwaltungsgerichts Köln legte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm) Berufung ein. "Mit einer endgültigen Entscheidung rechnen wir frühestens nächstes Jahr", sagt Grotenhermen.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools