Neue App scannt Kosmetika nach Hormon-Schadstoffen

24. Juli 2013, 14:41 Uhr

Jede dritte Körperpflege enthält problematische Substanzen mit hormoneller Wirkung, berichtet der BUND. Eine neue App soll helfen, diese Stoffe zu meiden. Guter Ansatz - aber mit Tücken im Detail. Von Sonja Helms

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Manche in Sonnenschutzmitteln enthaltenen UV-Filter sind hormonell wirksam und daher bedenklich©

Für viele beginnt der Tag nicht mit einem Kaffee, sondern mit Duschgel, Shampoo, Bodylotion. Später folgen Zahnpasta, Deo und Parfüm, Frauen schminken sich, Männer rasieren sich. Da kommt einiges zusammen an Produkten. Die wenigsten stellen sich dabei die Frage, was sie da eigentlich täglich an und in ihren Körper lassen.

In Kosmetik und Körperpflegeprodukten stecken Chemikalien, und das nicht wenige: 10.500 verschiedene Stoffe sind weltweit dafür zugelassen. Nicht alle sind bedenklich, manche aber schon. Eine Stoffgruppe steht seit Jahren in der Kritik, auf die möchte der Naturschutzverein BUND mit seiner neuen Kosmetik-App "ToxFox" aufmerksam machen: die sogenannten hormonell wirksamen Chemikalien.

Diese Substanzen können in das Hormonsystem des Körpers eingreifen. Das kann etwa dazu führen, dass Mädchen früher in die Pubertät kommen oder dass bei Männern die Fruchtbarkeit abnimmt. Auch hormonbedingte Krankheiten werden mit den Stoffen in Verbindung gebracht: Brust-, Prostata- und Hodenkrebs etwa, auch Diabetes oder Fettleibigkeit. Vor allem Ungeborene, Säuglinge und Kinder sind gefährdet, weil deren Hormonsystem sich noch aufbaut.

Viele Produkte betroffen

Für seine App hat der BUND mehr als 60.000 Produkte auf dem deutschen Markt danach ausgewertet, ob sie hormonell wirksame Substanzen enthalten oder nicht. Das Ergebnis: Jedes dritte Produkt enthält mindestens eines davon, jedes fünfte sogar mehrere. Besonders belastet sind Haarwachs (36 Prozent aller ausgewerteten Produkte) und Sonnenschutzmittel (33 Prozent).

"ToxFox" soll Verbrauchern helfen, hormonelle Schadstoffe zu meiden. Die App ist leicht anzuwenden: Duschgel oder Deo greifen, Strichcode einscannen, kurz warten - fertig. Das geht schnell, auch im Laden, und das Ergebnis ist unmissverständlich: grünes Herz heißt "frei von hormonellen Stoffen", rotes Warnzeichen bedeutet "Vorsicht, kritischer Stoff ", bei unbekannten Produkten erscheint ein blaues Fragezeichen. Bisher ist die App nur für iPhone-Besitzer verfügbar, doch es gibt auch eine Web-Version, wo Nutzer die Nummer unter dem Strichcode eintippen oder nach Namen oder Kategorien suchen können. Über eine mobile Version dieses Webformulars haben auch andere Smartphone-Besitzer Zugriff darauf.

Das Risiko ist schwer zu bewerten

Anders als Bisphenol A, ein anderer kritischer Stoff aus der Gruppe, der inzwischen aus Babyprodukten wie Schnullern und Trinkflaschen verbannt wurde, sind hormonell wirksame Stoffe in Kosmetika nicht verboten. Immerhin ist auf EU-Ebene geplant, sie hinsichtlich ihres Risikos neu zu bewerten - aber erst, wenn international anerkannte Kriterien hierfür zur Verfügung stehen, spätestens Anfang 2015. So steht es in der neuen EU-Kosmetikverordnung, die am 11. Juli 2013 in Kraft getreten ist.

Das klingt wie politische Hinhaltetaktik. "Tatsächlich ist es für Wissenschaftler aber eine große Herausforderung, brauchbare Kriterien zu entwickeln und Studien durchzuführen", sagt Gilbert Schönfelder, Professor für experimentelle Toxikologie an der Berliner Charité, der endokrine Disruptoren seit vielen Jahren erforscht. "So etwas ist nicht mal eben gemacht."

Die Arbeit ist komplex. Es ist schon schwierig, eine kritische Dosis für eine Substanz festzulegen. Bisher galt in der Toxikologie: Die Dosis macht das Gift. Je höher die Dosis, desto höher der Schaden. "Das ist bei hormonell wirksamen Stoffen so aber nicht richtig. Hier können schon geringe Mengen unerwünschte Effekte haben", sagt Schönfelder.

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Der stern-Experte
Professor Thomas Diepgen steht dem Ratgeber Haut als Experte zur Seite. Er arbeitet am Universitätsklinikum Heidelberg.