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Neue App scannt Kosmetika nach Hormon-Schadstoffen

Jede dritte Körperpflege enthält problematische Substanzen mit hormoneller Wirkung, berichtet der BUND. Eine neue App soll helfen, diese Stoffe zu meiden. Guter Ansatz - aber mit Tücken im Detail.

Von Sonja Helms

  Manche in Sonnenschutzmitteln enthaltenen UV-Filter sind hormonell wirksam und daher bedenklich

Manche in Sonnenschutzmitteln enthaltenen UV-Filter sind hormonell wirksam und daher bedenklich

  • Sonja Helms

Für viele beginnt der Tag nicht mit einem Kaffee, sondern mit Duschgel, Shampoo, Bodylotion. Später folgen Zahnpasta, Deo und Parfüm, Frauen schminken sich, Männer rasieren sich. Da kommt einiges zusammen an Produkten. Die wenigsten stellen sich dabei die Frage, was sie da eigentlich täglich an und in ihren Körper lassen.

In Kosmetik und Körperpflegeprodukten stecken Chemikalien, und das nicht wenige: 10.500 verschiedene Stoffe sind weltweit dafür zugelassen. Nicht alle sind bedenklich, manche aber schon. Eine Stoffgruppe steht seit Jahren in der Kritik, auf die möchte der Naturschutzverein BUND mit seiner neuen Kosmetik-App "ToxFox" aufmerksam machen: die sogenannten hormonell wirksamen Chemikalien.

Diese Substanzen können in das Hormonsystem des Körpers eingreifen. Das kann etwa dazu führen, dass Mädchen früher in die Pubertät kommen oder dass bei Männern die Fruchtbarkeit abnimmt. Auch hormonbedingte Krankheiten werden mit den Stoffen in Verbindung gebracht: Brust-, Prostata- und Hodenkrebs etwa, auch Diabetes oder Fettleibigkeit. Vor allem Ungeborene, Säuglinge und Kinder sind gefährdet, weil deren Hormonsystem sich noch aufbaut.

Viele Produkte betroffen

Für seine App hat der BUND mehr als 60.000 Produkte auf dem deutschen Markt danach ausgewertet, ob sie hormonell wirksame Substanzen enthalten oder nicht. Das Ergebnis: Jedes dritte Produkt enthält mindestens eines davon, jedes fünfte sogar mehrere. Besonders belastet sind Haarwachs (36 Prozent aller ausgewerteten Produkte) und Sonnenschutzmittel (33 Prozent).

"ToxFox" soll Verbrauchern helfen, hormonelle Schadstoffe zu meiden. Die App ist leicht anzuwenden: Duschgel oder Deo greifen, Strichcode einscannen, kurz warten - fertig. Das geht schnell, auch im Laden, und das Ergebnis ist unmissverständlich: grünes Herz heißt "frei von hormonellen Stoffen", rotes Warnzeichen bedeutet "Vorsicht, kritischer Stoff ", bei unbekannten Produkten erscheint ein blaues Fragezeichen. Bisher ist die App nur für iPhone-Besitzer verfügbar, doch es gibt auch eine Web-Version, wo Nutzer die Nummer unter dem Strichcode eintippen oder nach Namen oder Kategorien suchen können. Über eine mobile Version dieses Webformulars haben auch andere Smartphone-Besitzer Zugriff darauf.

Das Risiko ist schwer zu bewerten

Anders als Bisphenol A, ein anderer kritischer Stoff aus der Gruppe, der inzwischen aus Babyprodukten wie Schnullern und Trinkflaschen verbannt wurde, sind hormonell wirksame Stoffe in Kosmetika nicht verboten. Immerhin ist auf EU-Ebene geplant, sie hinsichtlich ihres Risikos neu zu bewerten - aber erst, wenn international anerkannte Kriterien hierfür zur Verfügung stehen, spätestens Anfang 2015. So steht es in der neuen EU-Kosmetikverordnung, die am 11. Juli 2013 in Kraft getreten ist.

Das klingt wie politische Hinhaltetaktik. "Tatsächlich ist es für Wissenschaftler aber eine große Herausforderung, brauchbare Kriterien zu entwickeln und Studien durchzuführen", sagt Gilbert Schönfelder, Professor für experimentelle Toxikologie an der Berliner Charité, der endokrine Disruptoren seit vielen Jahren erforscht. "So etwas ist nicht mal eben gemacht."

Die Arbeit ist komplex. Es ist schon schwierig, eine kritische Dosis für eine Substanz festzulegen. Bisher galt in der Toxikologie: Die Dosis macht das Gift. Je höher die Dosis, desto höher der Schaden. "Das ist bei hormonell wirksamen Stoffen so aber nicht richtig. Hier können schon geringe Mengen unerwünschte Effekte haben", sagt Schönfelder.

Blinde Flecken

Hinzu kommt: "Forscher haben entdeckt, dass es bei hormonell wirksamen Substanzen oft schmale Fenster der Empfindlichkeit gibt", sagt Andreas Gies, Abteilungsleiter für Umwelthygiene im Umweltbundesamt. "Diese liegen oft vor oder kurz nach der Geburt." In diesen Entwicklungsphasen reagiere der Körper besonders sensibel auf diese Stoffe. Dies sei in Tests aber nicht erfasst.

Problematisch ist auch, dass bei der Risikobewertung bisher nur einzelne Stoffe betrachtet wurden. "Das ist unrealistisch. Im Alltag kommt der Mensch mit vielen Stoffen aus verschiedenen Produkten in Kontakt", sagt Sarah Häuser, Chemie-Expertin beim BUND. Aus der Forschung der letzten Jahre weiß man, dass sich Stoffe mit ähnlichem Effekt im Körper addieren können. Auch das bleibt unberücksichtigt.

Gefährlicher Hormoncocktail

Eben weil so vieles noch unklar ist, fordert der BUND, diese hormonellen Schadstoffe in Kosmetika zu verbieten. Zwar ist nicht das einzelne Produkt schädlich, die darin enthaltene Menge an hormonell wirksamen Stoffen ist dafür zu gering. "Doch die kombinierte Wirkung verschiedener Substanzen im Körper, der sogenannte Cocktaileffekt, kann gefährlich werden", sagt Häuser.

Dennoch dürften Jahre vergehen, bis sich auf der politischen Ebene etwas tut. In der Zwischenzeit soll "ToxFox" eine Entscheidungshilfe bieten. Doch so gut der Ansatz auch ist: Die vereinfachte Darstellung sehen Wissenschaftler etwas kritisch.

Eingeschränkte Aussagekraft

Zum Beispiel werden nicht alle hormonell wirksamen Stoffe abgedeckt, sondern nur eine Auswahl. Der BUND beschränkt sich auf die 16 wichtigsten Substanzen. Das kann zu falschen Ergebnissen führen, kritisiert Toxikologe Schönfelder. Ein Produkt könne als unbedenklich eingestuft werden, obwohl es das vielleicht nicht ist.

Auch die Datenbasis lädt zu Fehlern ein. Für die Auswertung greift der BUND auf die Datenbank des Schweizer Webportals Codecheck.info zurück. Auf dieser Plattform können sich Nutzer über Produkteigenschaften schlau machen, die Informationen stammen von Usern selbst, denn die tragen die Zutatenliste eines Produktes ein. Hier können Tippfehler entstehen, fehlerhafte oder veraltete Datensätze herangezogen werden, das räumt auch der BUND selbst ein. Er setzt auf eine Selbstregulierung, wie bei Wikipedia-Einträgen, Schönfelder hält das für fraglich.

Man erfahre auch nichts über die Konzentration oder Menge eines Stoffes, und die App unterscheide nicht, ob ein Stoff große Teile der Haut oder zum Beispiel nur die Augenlider bedeckt, ob er lange auf der Haut bleibt oder abgewaschen wird. "Daher weiß der Verbraucher nicht, wie riskant der Stoff tatsächlich ist", sagt Schönfelder.

Einfache Lösungen gibt es nicht, Unsicherheiten bleiben. Immerhin bietet der BUND jenen, die hormonell wirksame Stoffe vorsorglich meiden wollen, etwa Schwangeren oder Eltern von kleinen Kindern, ein Tool zur groben Orientierung. Das begrüßt auch Schönfelder. Wer möchte, kann sich von dort aus weiter informieren oder per Mausklick direkt beim Hersteller beschweren.

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