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Geburtshilfe hat in Deutschland keine Zukunft

Die Hebammen schlagen Alarm: Weil ihre Haftpflichtprämien explodieren, können sie in Zukunft kaum noch Geburtshilfe leisten. Für freiberufliche Frauenärzte gilt dasselbe. Wenn die Fachkräfte aussteigen, trifft es vor allem Schwangere jenseits der Ballungszentren hart.

Von Nina Bublitz

  Hebammen betreuen Frauen während der Schwangerschaft - bis hin zum Ende der Stillzeit

Hebammen betreuen Frauen während der Schwangerschaft - bis hin zum Ende der Stillzeit

Jeder Frau, die in Deutschland ein Kind bekommt, steht die Hilfe einer Hebamme zu. Während Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit. Doch die Hebammen schlagen Alarm, dass sie die Geburtshilfe nicht mehr leisten können. Denn in den vergangenen Jahren sind ihre Haftpflichtprämien explodiert. Die ohnehin nicht üppigen Vergütungssätze dagegen stagnieren. Dreiviertel der rund 15.000 Freiberuflerinnen bieten schon keine Geburtshilfe mehr an, sondern konzentrieren sich auf Vor- und Nachsorge. In den kommenden Monaten wird diese Zahl wohl noch steigen.

Für Schwangere, die in Städten leben, mag das noch kein akutes Problem darstellen. Frauen in ländlichen Gebieten könnten die Konsequenzen aber zu spüren bekommen. Schließen kleinere Kliniken ihre Kreißsäle, in denen so genannte Beleghebammen mit ebenfalls nicht fest angestellten Frauenärzten arbeiten, ist die nächste Klinik mit Geburtshilfe-Abteilung wahrscheinlich dutzende Kilometer entfernt. Frauen, die zuhause oder in einem von Hebammen geführten Geburtshaus entbinden wollen, müssen eventuell doch in den Klinik-Kreißsaal, weil sie keine Fachkraft mehr finden, die ihnen zur Seite steht. Immerhin 10.500 Entbindungen im eigenen oder einem Geburtshaus finden pro Jahr in Deutschland statt. Und etwa 160.000 Geburten - also fast jede vierte - werden in Deutschland pro Jahr von freiberuflichen Hebammen begleitet.

Die Hebammen jammern nicht auf hohem Niveau

Der Umsatz einer Freiberuflerin liegt pro Jahr bei einem Vollzeitjob bei 23.300 Euro, rechnet der Deutsche Hebammenverband vor. Davon muss sie ihre Sozialversicherungsbeiträge und Betriebsausgaben bezahlen, die Steuern kommen auch noch dazu. Unterm Strich würden so knapp 1200 Euro im Monat übrig bleiben. Da fällt eine Haftpflichtprämie ins Gewicht, die im Jahr 2007 noch bei 1218 Euro pro Jahr lag, 2009 auf 2370 Euro stieg und ab Juli 3689 Euro kosten soll. Wobei die Sätze für die Geburtshilfe auch noch gering sind: 224 Euro darf die Hebamme für einen Einsatz in der Klinik abrechnen - wobei eine Geburt im Schnitt mit Vor- und Nachbetreuung elf Stunden dauert.

Viele Beleghebammen, schildert eine Sprecherin des Hebammenverbandes, haben ihre Selbstständigkeit zudem nicht freiwillig gewählt: Sie wurden aus festen Klinikverträgen entlassen, weil dort gekürzt wurde und hatten nur die Wahl, freiberuflich weiterzumachen.

Die Schadenssummen sind gigantisch

Warum die Prämien steigen, obwohl die Schadensfälle nicht häufiger werden, ist einfach erklärt: Es geht schnell um gigantische Summen, wenn etwas bei der Geburt passiert und die Haftpflicht greift. "Im Mittel liegt die Summe bei einem Schadensfall bei 2,2 Millionen", sagt Claudia Halstrick, Justiziarin des Berufsverbands der Frauenärzte. Die Haftpflichtprämien für Ärzte, die in der Geburtshilfe arbeiten, sind deutlich höher als die der Hebammen. Wobei immer weniger Versicherungen solche Policen überhaupt noch anbieten. Laut Halstrick muss ein selbstständiger Frauenarzt zwischen 25.000 und 48.000 Euro pro Jahr zahlen. Daher plant laut einer verbandsinternen Umfrage jeder zweite Belegarzt im kommenden Jahr aus der Geburtshilfe auszusteigen. "Dies wird insbesondere zu Versorgungsengpässen in der Geburtshilfe in ländlichen Regionen führen", sagt Halstrick. Der Frauenärzte-Verband pocht darauf, dass die Krankenkassen einen Teil der Haftpflichtprämien übernehmen.

Die Hebammen fordern einen steuerfinanzierten Fonds. Mitte Juni findet ein Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Rösler statt. Und: Der Verband startet zum 5. Mai, dem internationalen Hebammentag, eine E-Petition, damit sich der Bundestag mit der drohenden Versorgungslücke beschäftigen muss. Dort sollte in Zeiten, in denen Politiker auf höhere Geburtenraten hoffen, eigentlich eine Lösung gefunden werden.

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