Drastischer Weckruf für eine bessere Medizin

2. Oktober 2012, 15:22 Uhr

Wer zum Arzt geht, vertraut auf angemessene Diagnose und Behandlung. Doch je länger man im aktuellsten Buch über die Zustände im deutschen Gesundheitswesen liest, desto stärker nagen die Zweifel.

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Medizinjournalist Werner Bartens gibt in seinem Buch "Heillose Zustände" kräftigen Anstoß zum Nachdenken©

Riskante Brustimplantate, Krebsvorsorge im Übermaß, teure Medikamente ohne großen Mehrwert - Schlag auf Schlag zeigt der Medizinjournalist Werner Bartens in seinem Buch "Heillose Zustände" fragwürdige Therapien auf.

Im Gespräch bringt Bartens seine Grundthese auf eine einfache Formel: Medizin werde in Deutschland vor allem als Wachstumsbranche angesehen. "Dann braucht man neue Angebote." Dies bringe quasi automatisch neue Nachfrage - denn Regulierung und Kontrolle gebe es in Praxis und Klinik zu wenig.

Beispiele nennt der gelernte Arzt reihenweise: So würden die Wechseljahre der Frau heute vielen als eine Art Krankheit erscheinen. "Normale Trauer wird zur Depression, zur Krankheit gemacht." Grenzwerte für Blutfette oder Bluthochdruck würden immer weiter gesenkt. 70 bis 80 Prozent der Röntgenaufnahmen bei Rückenschmerzen seien zudem fragwürdig. Ebenso würden Kniegelenke öfter gespiegelt als nötig.

Wo bleibt der medizinische Nutzen?

Es ist ein drastisches Buch. "Das ABC der erfundenen Krankheiten buchstabiert sich so", schreibt der Autor: "Alzheimer, Burn-out, Cellulite." Kinder seien besonders intensiver Überwachung ausgesetzt. Schreiambulanzen, Spezialisten für Durchschlafstörungen und Teilleistungsschwächen machten allen Eltern das Leben schwer, die nicht wüssten, dass Lärm, Streit und Durcheinanderplappern für Kinder ganz normal sind.

Ärzte machen laut Bartens vielfach das, was Geld bringt - den medizinischen Nutzen haben sie nicht immer im Auge. Oft seien die Mediziner auch gar nicht auf dem neuesten Stand. "80 Prozent der Ärzte in Deutschland lesen keine englischsprachigen Fachzeitschriften." Sie verließen sich auf lokale Meinungsführer, die oft von der Pharmaindustrie bezahlt würden.

Vieles ist nicht ganz neu, anderes hört sich überspitzt an - aber als detaillierter Weckruf und faktengesättigte Streitschrift für eine humanere Medizin entfaltet das Buch eine ziemliche Wucht. Doch was tun?

Reform ja - aber wie?

Das entsprechende, nur fünfseitige Kapitel hinterlässt einen als normalen Patienten etwas ratlos. Fachliteratur lesen, Kontakt mit Experten aufnehmen, Gleichgesinnte finden, demonstrieren könne man. Andere Forderungen richten sich vor allem in Richtung Ärzte oder Krankenkassen - doch eine Analyse der Hindernisse für wirkungsvollere Regeln im Gestrüpp des Gesundheitswesens fehlt. Und manches wird inzwischen durchaus auch kontrolliert - so werden neue Arzneimittel offiziell auf ihren Mehrwert für Patienten bewertet.

Doch scheitern wirkungsvolle Reformen für weniger, aber dafür bessere Krankenhäuser seit Jahrzehnten am Widerstand der Länder, die ihre Kliniken hüten. Und könnten mehr angestellte Praxisärzte gegen Wildwuchs bei den Angeboten vieler Freiberufler helfen? Eine Übersicht über Wege hin zu Reformen könnte ja in einem weiteren Band folgen.

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