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Alles nur noch Grau in Grau

Schlapp und lustlos fühlen sich im Herbst und Winter viele. Das trübe Wetter schlägt aufs Gemüt - eine Depression im medizinischen Sinne ist das aber in den seltensten Fällen.

Nebelschwaden, Dauerregen und überall Wolken: Das oft triste Grau in Grau in Herbst und Winter schlägt vielen Menschen ganz schön aufs Gemüt. Treten in der dunklen Jahreszeit Stimmungsschwankungen und Müdigkeit auf, wird dies im Volksmund als Herbstdepression bezeichnet. Nach Expertenangaben erreichen bei mehr als zehn Prozent der Bevölkerung die Schwankungen im Befinden ein Ausmaß, das zu einer merklichen Einschränkung von Lebensqualität und Leistungsfähigkeit führt.

Keine "echte" Depression

Unter einer "echten" Depression leiden jedoch nur wenige der Betroffenen. Die meisten fühlen sich einfach schlapp und lustlos. Viele verspürten eine vorübergehende melancholische Stimmung, wenn die ersten Blätter fielen, berichtet Ulrich Hegerl, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München: "Dies gehört jedoch zum Leben dazu und hat nichts mit einer Depression im medizinischen Sinne zu tun."

Verantwortlich dafür, dass viele Menschen im Herbst schlechte Laune haben, ist laut Hegerl wohl die reduzierte Sonneneinstrahlung, da das Sonnenlicht über die Netzhaut im Auge bestimmte Botenstoffe im Gehirn beeinflusst. "Während der dunklen Jahreszeit wird vermehrt Melatonin ausgeschüttet, was dazu führen könnte, dass manche Menschen sich zunehmend schlapp und schläfrig fühlen", sagt der Sprecher des Kompetenznetzes Depression und Suizidalität. Jedoch seien diese Annahmen bisher nicht eindeutig belegt.

Dauernd müde, dauernd hungrig

Nur rund zehn Prozent aller diagnostizierten Depressionen zählen nach Angaben des Professors zu den saisonal abhängigen Depressionen. Davon spricht man dann, wenn mindestens zwei Jahre hintereinander die Symptome im Oktober/November auftreten und im März/April wieder verschwinden, sobald die Tage wieder merklich länger werden. Im Gegensatz zu jahreszeitlich unabhängigen Depressionen litten die von der Herbst-Winter-Depression Betroffenen nicht unter Schlafstörungen, sondern hätten ein erhöhtes Schlafbedürfnis, sagt Hegerl. Auch gebe es statt eines Appetitmangels starken Hunger, speziell auf kohlenhydratreiche Lebensmittel wie Süßigkeiten.

Menschen, die an einer behandlungsbedürftigen Depression leiden - egal, ob saisonbedingt oder nicht - zeigen nach Angaben Hegerls bestimmte Symptome mindestens über einen Zeitraum von zwei Wochen. Dazu zählten psychische Beschwerden wie Antriebslosigkeit, Freud- oder Interesselosigkeit ebenso wie körperliche Störungen, etwa Rücken- oder Magenschmerzen. Bei einer schweren Depression sei meist eine medikamentöse sowie eventuell eine psychotherapeutische Behandlung notwendig.

Licht, Sport und soziale Kontakte helfen

Denjenigen, die sich einfach nur müde und antriebslos fühlen, helfen schon einfache Maßnahmen, die dunkle Jahreszeit auszutricksen: Experten raten etwa zu einem täglichen Spaziergang von mindestens einer halben Stunde. Tageslicht hat nämlich eine gute antidepressive Wirkung auf den Organismus. Dabei muss nicht unbedingt die Sonne scheinen, auch das Licht eines Regentages ist stark genug. "Gut ist, auch im Winter regelmäßig Sport zu treiben, idealerweise an der frischen Luft", erklärt Hegerl. Darüber hinaus empfiehlt er, nicht zu lange zu schlafen. Auch solle man soziale Kontakte pflegen und sich nicht zurückziehen.

Und noch einen Geheimtipp gibt es für alle Ehemänner, deren Frauen an Herbstdepressionen leiden: Ein bunter Blumenstrauß bringt den Sommer zurück in die Wohnung und hellt die Stimmung merklich auf.

Dagmar Diener/AP/AP

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