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Der Tod lauert im Krankenhaus

Ein Routineeingriff kann tödlich enden: Bis zu einer Million Patienten werden jährlich im Krankenhaus mit gefährlichen Keimen, sogenannten MRSA, infiziert. Mehr als 40.000 sterben Schätzungen zufolge daran. Eine neue Entscheidung des Bundesgerichtshofs erleichtert Klagen gegen Hygiene-Schlamperei.

Von Brigitte Zander

  Die Infektionen mit MRSA haben in den vergangenen Jahren zugenommen, bestätigt die Deutsche Krankenhausgesellschaft

Die Infektionen mit MRSA haben in den vergangenen Jahren zugenommen, bestätigt die Deutsche Krankenhausgesellschaft

Werner M. überlebte als Chefreporter jahrzehntelang seine gefährlichen Einsätze in allen Krisengebieten der Welt, aber nicht die Hygienemängel in einem deutschen Krankenhaus. Nach einem Sturz musste der damals 74-Jährige am Rücken operiert werden. Danach teilte er mit einem Sterbenskranken das Zimmer. Das Pflegepersonal "war offenbar so im Stress, dass es sogar die Gebisse der beiden Männer verwechselte", berichtet sein Sohn. Sein Vater beklagte sich bei einem Besuch, dass man ihm ein falsches Gebiss einsetzen wollte. "Minutenlang haben die probiert." Ein möglicherweise folgenschwerer Irrtum. "Dabei könnten die gefährlichen Bakterien, die auf Schleimhäuten in der Nase und im Rachen siedeln, übertragen worden sein", vermutet der Sohn. Fest steht, dass kurz darauf bei seinem Vater MRSA (siehe Kasten) festgestellt wurde. Eine Infektion mit tödlichen Keimen, die gegen fast alle Antibiotika resistent sind. Werner M. verstarb nach zwei Jahren quälenden Leidens.

Schätzung: Bis zu einer Million Patienten infizieren sich jährlich

Die MRSA-Infektionsrate hat in den vergangenen Jahren zugenommen, bestätigt die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Konkrete Statistiken fehlen allerdings, weil nach dem Infektionsschutzgesetz nur das "gehäufte Auftreten" dem Gesundheitsamt zu melden ist. Krankenhausmanagern, die ihre Keimprobleme lieber verschweigen, um nicht ins Gerede zu kommen, droht keine Strafe.

Klaus-Dieter Zastrow, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) in Berlin, schätzt, dass sich jährlich bis zu einer Million Patienten wegen "wahnsinniger Hygiene-Schlamperei in den Kliniken" mit Keimen infizieren. An den Folgen wie Blutvergiftung, Harnwegsinfektionen, Wundbrand oder Lungenentzündung sterben 40.000 bis 50.000 Menschen. Also zehnmal soviel wie jährlich im deutschen Straßenverkehr. "Das ist ein Skandal, kein Kavaliersdelikt", empört sich Zastrow.

MRSA trifft nicht nur ältere Menschen wie Werner M., sondern auch junge Gesunde. Der Wuppertaler Hobby-Fußballer Sven Kaiser beispielsweise wollte 2005 nur eine gerissene Sehne im Knie reparieren lassen. Die Wunde infizierte sich, Fieber und Ausschlag folgten. Das Bein musste mit drei weiteren Eingriffen nachbehandelt werden. Oder die Handballerin Tanja Koppmann, die sich bei einem Routineeingriff in einer Sportklinik die Keime einfing und zig-mal nachoperiert werden musste. Heute ist die 39-jährige Mutter arbeitslos und leidet unter chronischen Schmerzen.

Für Opfer und Angehörige von Verstorbenen ist es eine Sisyphos-Aufgabe, das Krankenhaus zu verklagen. "Die Kliniken und ihre Versicherungen mauern, vertuschen, wiegeln ab", schimpft der Dortmunder Patientenanwalt Christian Koch. Er betreut seit zwei Jahren den Fall von drei Witwen, deren Ehemänner nach einem Aufenthalt auf der Intensivstation des örtlichen Klinikums im Sommer 2005 kurz nacheinander verstarben. Die Frauen sind überzeugt, dass ihre Männer aufgrund gravierender Hygienemängel mit MRSA angesteckt wurden. Klägerin Kornelia Gallas sagte vor dem Landgericht aus, das Pflegepersonal habe sich oft weder die Hände gewaschen noch Mundschutz getragen noch die Kittel gewechselt, bevor sie von einem Isolations-Bett zum anderen gingen. Auch ein mobiles Röntgengerät sei ohne Zwischen-Desinfektion von Patient zu Patient geschoben worden. Ein Klinikums-Sprecher nannte die Vorwürfe unhaltbar. Der nächste Gerichtstermin mit Aussagen von Krankenschwestern ist für den 29. April angesetzt.

"Hygienemängel werden vertuscht"

Über die Abwehrstrategien von Krankenhäusern bzw. deren Versicherungen beschwert sich auch der Weilburger Patientenanwalt Burkhard Kirchhoff, der viele MRSA-Fälle vertritt. "Hygienemängel werden vertuscht, Dokumente verschwinden oder werden nur zögerlich herausgerückt." Die Devise "Mauern statt Transparenz" gilt in der gesamten Branche. Laien - Patienten eben - erfahren selbst aus den jährlichen Krankenhaus-Qualitätsberichten kaum, ob eine Klinik ein Keimnest ist. Die Kanzlei Kirchhoff hat jüngst 800 deutschen Kliniken einen Fragebogen zum Hygiene-Management vorgelegt. "Die Mehrzahl hat nicht einmal geantwortet. Andere teilten uns kühl mit, es sei nicht üblich, Daten zu Krankenhausinfektionen offen zu legen".

Die Justiz reagiert ähnlich arrogant. Nach Kirchhoffs Erfahrungen werden die Kläger von vielen Gerichten "stiefmütterlich" behandelt. "Richter arbeiten unglaublich langsam und meist zugunsten der Krankenhäuser. Man schickt Patienten von Pontius zu Pilatus. Sie sollen ihre Vorwürfe durch eine Anzahl eindeutiger Gutachten belegen." Was teuer und fast aussichtslos ist, da medizinische Gutachter ungern Kollegen belasten.

  Mit strikten Hygiene-Maßnahmen lässt sich die Ansteckungsquote radikal reduzieren - die Niederlande machen es vor

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BGH-Urteil verbessert die Klagechancen

Seit die Öffentlichkeit zunehmend über MRSA aufgeklärt wird, nehmen Patienten nicht mehr jede Klinikinfektion als schicksalhaft hin, sondern klagen, wenn ihnen offensichtliche Hygienemängel aufgefallen sind. Ein BGH-Urteil vom vergangenen Jahr verbessert ihre Chancen. "Wenn die Keimübertragung durch korrekte hygienische Versorgung hätte verhindert werden können, haftet der Arzt beziehungsweise die Klinik", interpretiert der Karlsruher Rechtsanwalt Matthias Klein die neue Richtung. Ein Verstoß gegen grundlegende hygienische Selbstverständlichkeiten führt zur Umkehr der Beweislast. Klein: "Der Kläger muss im Prozess nur behaupten, dass seine MRSA-Infektion aus einem hygienisch voll beherrschbaren Bereich des Krankenhauses stammt. Danach ist es an der Klinik, sich zu entlasten. Und Gerichte bewilligen in Arzthaftungsverfahren für klagewillige Patienten ohne Rechtsschutzversicherung schon aus verfassungsrechtlichen Gründen relativ leicht Prozesskostenhilfe."

Mindestens ein Drittel der Todesopfer seien durch striktere Hygiene vermeidbar, schätzt DGKH-Sprecher Zastrow. Neben Stress und Schlamperei sei oft Unwissenheit im Spiel. Da werden in der Eile nicht sterile Venenkatheder eingeführt. Gedankenlos hebt ein Arzt den heruntergefallenen Kugelschreiber vom Boden oder das Stethoskop von einem Kopfkissen auf - und hat schon Keime an den Händen, so dass er Infektionen verbreitet. Das passiert auch, wenn die Krankenschwester sich brav sterile Handschuhe zum Verbandswechsel überstreift, damit aber erst den alten verkeimten Verband entfernt und anschließend den neuen anfasst, der dann nicht mehr steril ist.

Informationskampagne "Saubere Hände" läuft zum zweiten Mal

Um das gesamte Klinikpersonal zur sorgfältigeren Desinfektion anzuhalten, läuft in diesem April zum zweiten mal die Informationskampagne "Saubere Hände" des Aktionsbündnisses "Patientensicherheit" in den Krankenhäusern an. Nicht nur Putzfrauen und Pflegern, auch Ober- und Chefärzten täte eine solche Nachhilfe gut, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Doch bisher beteiligt sich nur ein Viertel der 20.000 Kliniken an der Kampagne.

Auch sonst fehlt es in Sachen Hygiene vielerorts an der forschen Energie, die deutsche Mediziner bei ihren Honorarforderungen aufbringen. Nur die Bundesländer Berlin, Bremen, Sachsen und das Saarland haben ein flächendeckendes Hygiene-Management eingeführt. Dort muss jedes Krankhaus ab 300 Betten eine Hygiene-Fachkraft beschäftigen, ab 450 Betten sogar einen Facharzt für Hygiene, der den Mitarbeitern auf die Finger schaut. Ein vor Jahresfrist angekündigter Bundesgesetzesentwurf für verpflichtende Hygiene-Auflagen verstaubt in Ministeriums-Schubladen.

Dabei lehrt ein Blick über die Grenze in die Niederlande, wie sich mit strikten Hygiene-Maßnahmen die Ansteckungsquote radikal senken lässt. So werden in Holland beispielsweise alle Risikopatienten bei der Einlieferung ins Krankenhaus auf Keime untersucht und in Quarantäne-Zimmern untergebracht, bis das Labor grünes Licht gibt. Keimträger werden erst "saniert". Das gilt auch für einreisende deutsche Patienten. Inzwischen ist der Quarantäne-Stau gemildert, denn 40 grenznahe deutsche Kliniken unter Leitung des Uni-Klinikums Münster haben ein deutsch-niederländisches Netzwerk gegründet und die strengen Keim-Kampf-Regeln der Nachbarn übernommen.

In diesem Jahr sollen bundesweit solche Netzwerke folgen. Bayern hat die Idee sofort aufgegriffen. Die ersten Projektgruppen mit Vertretern aus Kliniken, Altersheimen, Pflegediensten und Reha-Einrichtungen entstehen derzeit unter der Leitung des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. "Infektionen lassen sich nicht komplett vermeiden, aber können durch entsprechende Maßnahmen um 20 bis 30 Prozent verhindern", prophezeit die LGL-Koordinatorin Professor Caroline Herr. Dann könnten sich Kranke etwas hoffnungsvoller ins Krankenhaus trauen.

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