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Keimnest Krankenhaus

Wer ins Krankenhaus kommt, hofft auf Hilfe. Doch jährlich erkranken gerade dort Hunderttausende Patienten - wegen mangelnder Hygiene. Nun will die Koalition dagegen vorgehen, Erfolg noch zweifelhaft.

Von Lea Wolz

In Fulda entsetzt ein neuer Hygiene-Skandal im Klinikum die Öffentlichkeit. Wiederholt war dort mit Blutresten und Flugrost verschmutztes OP-Besteck entdeckt worden. Doch mangelnde Hygiene in Krankenhäusern ist nicht nur in Fulda, sondern deutschlandweit ein Problem. Daher plant die Koalition nun gegen diese Schlamperei vorzugehen. Wie erfolgversprechend sind die Pläne? Und wie schlimm ist es tatsächlich um die Sauberkeit in deutschen Krankenhäusern bestellt?

Glaubt man Hygiene-Experten, dann haben sich die deutschen Kliniken schon längst zu gefährlichen Keimnestern entwickelt. Klaus-Dieter Zastrow, Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin am Berliner Vivantes-Klinikum und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), kämpft seit Jahren gegen die Hygiene-Schlamperei in den Kliniken. "Jedes Jahr infizieren sich bundesweit um die 800.000 Menschen mit Krankenhauskeimen", sagt er. "40.000 Menschen sterben daran." Allerdings sind diese Zahlen geschätzt, denn eine allgemeine Meldepflicht für Infektionen, die sich Patienten erst im Krankenhaus einfangen, gibt es nicht. Bis zu einem Drittel der Fällle wäre Fachleuten zufolge allerdings vermeidbar - vor allem durch bessere Hygiene.

Schlamperei, Überlastung, Unwissenheit

Denn oftmals ist neben Schlamperei, Ignoranz und Überlastung auch schlichtweg Unwissenheit dafür verantwortlich, dass sich Patienten in der Klinik mit gefährlichen Keimen infizieren. "Viele Ärzte oder Pfleger kennen die einfachsten Hygieneregeln nicht", kritisiert Zastrow. So ziehe mancher Arzt zwar sterile Handschuhe an, greife dann aber während des Verbandwechsels gedankenlos in die Tasche, da das Handy klingele - und habe damit schon Keime an den Händen. Andere verzichteten auf einen Mund- und Nasenschutz, wenn sie Venenkatheter legen. Mitunter sei auch nicht bekannt, dass Desinfektionsmittel 30 Sekunden einwirken müssen.

Dabei kann diese Nachlässigkeit verheerende Folgen haben. Mancher verlässt die Klinik kranker, als er eingeliefert wurde. "Es kann vorkommen, dass ein Patient wegen einer harmlosen Operation ins Krankenhaus kommt, zum Beispiel um sich die Krampfadern ziehen zu lassen", sagt Zastrow. "Doch dann infiziert sich die Wunde mit Keimen, die Infektion greift auf den Knochen über und der Unterschenkel muss amputiert werden." Wund-, Harnwegs- und Ateminfektionen zählen zu häufigen Folgen der Ansteckung mit den Keimen. Seltener kommt es zu einer Blutvergiftung, die aber - ähnlich wie eine Lungenentzündung - oft tödlich verläuft.

Problemkeim MRSA

Sorgen bereitet den Experten vor allem die Zunahme von Keimen, gegen die herkömmliche Antibiotika nicht mehr helfen, sogenannte "MRSA-Superbakterien". Dabei handelt es sich um Stämme des Bakteriums Staphylococcus aureus, die gegen das Antibiotikum Methicillin resistent geworden sind. Auch mit anderen Antibiotika lassen sie sich kaum mehr bekämpfen. "Geschätzt infizieren sich jedes Jahr etwa 35.000 Patienten in Krankenhäusern mit MRSA-Keimen, 1500 sterben daran", sagt Wolfgang Witte, Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Staphylokokken, einer Behörde, die am Robert-Koch-Institut (RKI) angesiedelt ist und die Ausbreitung dieser Erreger überwacht.

Statistiken zeigen: Die Methicillin-resistenten Stämme von Staphylococcus aureus haben in den vergangenen Jahren in Deutschland massiv zugenommen. Lag ihr Anteil 1990 noch unter zwei Prozent, ist er bis 2001 auf über 20 Prozent gestiegen und verharrt seitdem auf diesem Niveau. Die Gründe für den rasanten Anstieg sind dem RKI-Experten zufolge vielschichtig. So würden immer ältere Patienten in Kliniken versorgt, die sich wiederum leichter mit multiresistenten Keimen anstecken könnten. Schuld daran sei aber auch der leichtfertige und oft auch falsche Einsatz von Antibiotika, kritisiert Zastrow - und, in erster Linie, mangelnde Hygiene. Denn bei vielen Menschen kommen MRSA-Keime natürlicherweise vor: Sie besiedeln den Nasen- und Rachenraum sowie die Haut. Gelangt das Bakterium so unbemerkt ins Krankenhaus, kann es sich durch Hygiene-Schlamperei weiter verbreiten und für Menschen mit geschwächtem Immunsystem zum Problem werden.

Niederlande haben MRSA besser unter Kontrolle

Doch das muss nicht sein, wie das Beispiel Holland zeigt. Dort ist es dank eines konsequenten Kampfes gegen multiresistente Erreger gelungen, die MRSA-Quote deutlich zu senken. "Search and destroy" heißt das Konzept, demzufolge in den Niederlanden Risikopatienten zuerst isoliert, auf MRSA-Keime untersucht und dann "saniert" werden. Wer aus dem MRSA-Problemgebiet Deutschland einreist, um sich dort behandeln zu lassen, kommt ebenfalls erst einmal in Quarantäne. Auch der Umgang mit Antibiotika ist in Holland anders: Diese werden deutlich zurückhaltender verschrieben - Resistenzen entwickeln sich daher seltener.

In Deutschland hat der Erfolg der Nachbarn mancherorts bereits ein Umdenken bewirkt. In der Uniklinik Münster und rund 40 weiteren Krankenhäusern im Münsterland werden seit 2007 alle Risikopatienten per Nasenabstrich auf MRSA untersucht - ganz wie in Holland. "In jedem Krankenhaus in den Niederlanden arbeitet zudem ein hauptamtlicher Hygieniker", sagt der Mikrobiologe Alexander Friedrich, der das Projekt mit angestoßen hat. Krankenhäuser mit guten Hygienestandards werden mit einem Siegel ausgezeichnet, dessen Vergabe eine unabhängige Stelle kontrolliert. Ein erster positiver Trend zeichnet Friedrich zufolge ab: "In diesem Gebiet gibt es die niedrigste MRSA-Rate in Nordrhein-Westfalen." Auch finanziell lohne sich die Vorsorge, sagt Friedrich: Ein Abstrich koste ein paar Euro, bei einer Infektion mit MRSA kämen dagegen schnell einige tausend Euro zusammen.

Koalition sagt Keimen den Kampf an

Doch beim Thema Krankenhaushygiene ist man hierzulande noch lange nicht überall so weit, wie es sich Fachleute wünschen. Zwar gibt es das Infektionsschutzgesetz, demzufolge Kliniken verpflichtet sind, Krankenhausinfektionen aufzuzeichnen und dem Gesundheitsamt bei Bedarf Einsicht in die Statistik zu gewähren. "Ob die Strichliste stimmt, weiß kein Mensch", kritisiert Zastrow. Das Gesetz schreibt zudem nicht vor, dass es in jedem Krankenhaus verpflichtend Hygiene-Experten geben muss. Einen eigens dafür ausgebildeten Facharzt leisten sich laut Zastrow nur fünf Prozent der über 2000 deutschen Kliniken. Allgemeine Hygiene-Empfehlungen hat zwar eine am RKI angesiedelte Kommission erarbeitet. Verbindlich sind diese allerdings nicht. Und Hygieneverordnungen hatten lange nur fünf der 16 deutschen Bundesländer erlassen - mittlerweile sind Bayern und Baden-Württemberg gefolgt. Problematisch auch: Ob sie eingehalten werden, kontrolliert das Gesundheitsamt und keine unabhängige Prüfstelle. Beim Thema Hygiene herrscht also noch Nachholbedarf - findet nun auch die Politik.

Um das Risikogebiet Krankenhaus für Patienten sicherer zu machen, fordern Union und FDP schärfere Regeln. Geplant sind unter anderem Änderungen im Infektionsschutzgesetz, damit Länder leichter Hygieneverordnungen für Kliniken erlassen können. Vorgesehen wären darin auch spezielle Hygienebeauftragte, die dafür sorgen sollen, dass sich Ärzte und Schwestern die Hände desinfizieren und Stethoskope, Kanülen und Ablagen immer sauber sind. Antibiotika sollen sparsamer verschrieben werden, eine Kommission am RKI soll die Lage bei Infektionen mit den resistenten Keimen bewerten. Als Standard würden die Hygiene-Empfehlungen des RKI gelten. Zudem ist ein Hygienesiegel für Kliniken angedacht. Auch niedergelassene Ärzte sollen auf MRSA screenen, betroffene Patienten behandeln und dies über neue Gebührenpositionen in der Ärzte-Honorarordnung abrechnen können. Ein Standard-Test gegen MRSA-Keime bei Risikopatienten ist ebenfalls im Forderungs-Potpourri der Politik.

Experten uneinig

Bei Experten wie Zastrow stoßen die Vorschläge auf Skepsis. "Das Eckpunktepapier können sie komplett in die Tonne treten", sagt er. "Da ist nichts dabei, was eine einzige Infektion verhindern würde." Neue Kommissionen und Statistiken helfen ihm zufolge nicht weiter. Klar sei auch noch nicht, wie verbindlich die Vorschläge - zum Beispiel zu den Hygieneverordnungen - tatsächlich sein sollen. Das Hygiene-Problem ist für ihn nur durch eine Maßnahme zu lösen: "Wir brauchen Fachpersonal für Hygiene in den Kliniken, und zwar bundesweit und verpflichtend."

"Wenn alles in dem Papier umgesetzt wird, kommen wir in Deutschland einen großen Schritt voran", findet hingegen der Hygieniker Alexander Friedrich. Vor allem die Einbeziehung der niedergelassenen Ärzte sei wichtig. "Wird dort schon getestet und saniert, fallen zum Beispiel die immensen Kosten für Isolation und Einzelzimmer im Krankenhaus weg." Auch die Hygiene-Empfehlungen des RKI als Standard zu verankern, sei ein entscheidender Schritt. "Dann könnten die Krankenhäuser endlich nicht mehr an diesen Empfehlungen vorbei", sagt Friedrich. Allerdings bemängelt er: Klar sei noch nicht, wie das Konzept finanziert werden soll. "Was wir auf keinen Fall brauchen, ist ein erneutes Papier, das niemand umsetzt."

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