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Laschere Grenzwerte für strahlende Lebensmittel

Die Angst vor verstrahlten Lebensmitteln aus Japan wächst - auch in Deutschland. Doch statt die Grenzwerte für strahlende Produkte zu verschärfen, senkt die EU die Standards.

Von Lea Wolz

Die Nachrichten aus Fukushima werden immer erschreckender: Im Meerwasser nahe des Atomkraftwerks lag die Konzentration von radioaktivem Jod am Donnerstag über 4000 Mal höher als der zulässige Grenzwert. Auch hochgiftiges Plutonium ist mittlerweile in die Umwelt gelangt. Und die radioaktiven Partikel verteilen sich weiter - über das Wasser und die Luft. Sie lagern sich auf Feldern ab und reichern sich im Boden an.

Wenig erstaunlich ist es daher, dass Spuren davon mittlerweile auf Lebensmitteln aus Japan entdeckt worden sind. So haben südkoreanische Behörden in einigen Produkten geringe Mengen radioaktives Jod und Cäsium nachgewiesen. Zeitgleich wächst auch in Deutschland die Angst vor radioaktiv verseuchter Ware aus Japan. So rüstet sich der Hamburger Hafen für die Ankunft von verstrahlter Fracht.

Laschere Grenzwerte

Erst am vergangenen Freitag hatte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) verkündet, dass die EU die Sicherheitsmaßnahmen verschärft habe: Lebensmittel aus den betroffenen japanischen Regionen dürften künftig nur noch in Deutschland eingeführt werden, wenn sie "in Japan streng kontrolliert und zertifiziert wurden". An EU-Außenkontrollstellen würden zudem alle Waren geprüft, die aus den betroffenen Präfekturen stammen. "Vorsorgender Verbraucherschutz hat absolute Priorität", sagte Aigner. Klingt gut, ist auch gut - und dennoch sind Verbraucherschützer erzürnt.

Denn parallel zu den neuen Regeln, die seit vergangenem Wochenende gelten, hat die EU per Eilverordnung auch neue Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln aus Japan verabschiedet. Und die seien lascher als die nach der Tschernobyl-Katastrophe gültigen, kritisiert die Verbraucherorganisation Foodwatch. Erfahren hat die Öffentlichkeit davon allerdings erst, nachdem Foodwatch und das Umweltinstitut München darauf aufmerksam gemacht haben. Damit ist der Eindruck entstanden, als habe die EU klammheimlich die Grenzwerte verändert, was nicht gerade das Vertrauen der Bürger in die Behörden stärken dürfte.

Zwei EU-Verordnungen

Im Mittelpunkt des Lehrstücks über absurden Verbraucherschutz stehen zwei EU-Verordnungen. Die eine stammt aus dem Jahr 2008 und legt fest, dass "landwirtschaftliche Erzeugnisse mit Ursprung in Drittländern nach dem Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl" nach Europa nicht mehr eingeführt werden, wenn sie eine zu hohe Radioaktivität von Cäsium-134 und Cäsium-137 aufweisen. Bei Milch und Säuglingsnahrung gilt demnach ein Wert von 370 Becquerel (s. Kasten) pro Liter oder Kilogramm. Für andere Lebensmittel wie Fleisch und Pilze beträgt der Grenzwert 600 Bq/kg. "Nach dieser Verordnung hat man sich bis jetzt auch in Deutschland gerichtet", sagt ein Foodwatch-Sprecher.

Daneben gibt es eine EU-Verordnung zur "Festlegung von Höchstwerten an Radioaktivität in Nahrungs- und Futtermitteln im Falle eines nuklearen Unfalls oder einer anderen radiologischen Notstandssituation". Sie wurde nach der Katastrophe in Tschernobyl erlassen und lag bis jetzt in der Schublade. Darin finden sich höhere Strahlengrenzwerte: Für Säuglingsnahrung gelten 400 Bq, für Milchprodukte 1000 Bq pro Kilogramm, bei anderen Nahrungsmitteln sind 1250 Bq/kg erlaubt. Hintergrund: Damit sollte sichergestellt werden, dass es im nuklearen Notfall nicht zu einer Lebensmittelknappheit kommt.

Den nuklearen Notfall sieht die EU nun wohl mit der Katastrophe in Fukushima in Japan gekommen. Denn mit der EU-Eilverordnung vom 25. März 2011 gelten die höheren Strahlengrenzen für Produkte aus Japan - zunächst bis zum 30. Juli dieses Jahres. Cäsium-Isotope dürfen demnach in Lebensmitteln, die aus Japan importiert werden, deutlich stärker strahlen - für bestimmte Lebensmittel wie Gewürze oder Fischöle sind die Cäsium-Grenzwerte laut Foodwatch sogar 20-fach höher als das bisherige Limit.

"Absurde" Aktion

Es sei "absurd", diese Regelung in Kraft zu setzen, kritisiert Foodwatch-Chef Thilo Bode. "Es gibt in Europa keinen nuklearen Notstand und erst recht keine Nahrungsmittelknappheit." Der Verbraucherorganisation zufolge besteht zwar derzeit keinen Anlass zur Sorge über belastete Produkte aus Japan. Der Handel mit Japan ist verschwindend gering und durch die Katastrophe nahezu zum Erliegen gekommen. Ein Dorn im Auge ist Bode allerdings die "lückenhafte Informationspolitik der Bundesregierung". Verbraucherministerin Aigner verschweige, dass mit den neuen Strahlenwerten "die Sicherheitsstandards für japanische Lebensmittel gesenkt wurden".

Ein Sprecher des Verbraucherministeriums weist die Kritik zurück. "Die vor fast 25 Jahren beschlossenen Grenzwerte, die auch jetzt als Konsequenz aus der Reaktor-Katastrophe in Japan europaweit Anwendung finden, entsprechen den aktuellen international verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen", heißt es. Die europäischen Grenzwerte seien international wie national anerkannt und würden den Schutz der Verbraucher sicherstellen. Zudem seien mit der neuen EU-Regelung, die allein für Importe aus Japan gilt, nun laut Verbraucherministerium auch Grenzwerte für Jod-131 festgelegt worden, die bisher nicht existierten.

Niedrigere Werte als in Japan

Deutliche Kritik über den Schritt kommt allerdings auch von den Verbraucherzentralen. "Es gab keinen Grund, die Grenzwerte zu erhöhen", kritisiert Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. "Hier wurde der Handel mit Japan über den Verbraucherschutz gestellt." In Europa sei keineswegs die Situation gegeben, dass die meisten Lebensmittel verstrahlt seien und daher eine Nahrungsmittelknappheit drohe. Die Grenzwerte zu erhöhen sei nicht nötig, vor allem, da unter Wissenschaftlern ein Streit darüber herrsche, welche Dosis tatsächlich ungefährlich sei.

Verbraucherschützerin Schwartau verweist auf eine weitere Absurdität: Durch die neue Verordnung existieren nun in der EU laschere Grenzwerte als in Japan, wie eine Tabelle der Verbraucherschützer zeigt. "Im Prinzip könnten die Japaner daher ihre verstrahlten Lebensmittel jetzt sogar bei uns loswerden", sagt Schwartau. Aktuelle Tabellen zur Strahlenbelastung von Lebensmitteln aus Japan veröffentlicht die Verbraucherzentrale auf ihrer Internetseite.

Beim Verbraucherministerium sieht man keinen Anlass zur Sorge. Bis jetzt sei keine verstrahlte Ware nach Deutschland gelangt. Zudem exportiere Japan nur sehr wenige Lebensmittel nach Deutschland. Das Münchner Umweltinstitut und Foodwatch fordern dennoch einen kompletten Importstopp.

Das Bundesamt für Strahlenschutz sieht zwar ebenfalls keine Gefahr für den Verbraucher durch die höheren Werte. Doch die Behörde will zumindest vorschlagen, die Cäsium-Obergrenzen für Produkte aus Japan wieder anzugleichen und damit zu verschärfen - "aus Gründen der Nachvollziehbarkeit", wie es heißt.

Das verlorene Vertrauen dürfte das wohl kaum wieder wettmachen. Und bei einer momentan nur gefühlten Gefahr ist das vielleicht sogar am schlimmsten.

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