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19. August 2011, 20:09 Uhr

Weniger Skalpell ist oft mehr

In Deutschland wird zu viel operiert - vor allem Eingriffe am Knie und Rücken sind häufig sinnlos. Um unnötige Operationen zu verhindern, haben Mediziner ein Online-Portal gegründet, über das sich Patienten Zweitmeinungen einholen können. Berufsverbände warnen vor der Ferndiagnose. Von Lea Wolz

Online-Portal

In Deutschland wird mehr operiert als in anderen Ländern© Colourbox

Die Fakten sind bekannt: Die Kosten im Gesundheitssystem steigen seit Jahren. Zugleich wird in Deutschland viel mehr operiert als in Nachbarländern wie Frankreich, Schweden oder der Schweiz. Dabei steht es um die Gesundheit hierzulande nicht schlechter. Vielmehr nutzen manche Ärzte wohl die gut honorierten Eingriffe, um Geld in die eigenen Kassen zu spülen. Gerade Operationen an Knie und Rücken sind vielfach unnötig - und schaden den Patienten im Zweifel mehr als sie nutzen.

Beispiel Knie: Wer in Deutschland Probleme mit diesem Gelenk hat, landet viel zu oft auf dem Operationstisch. Mehr als 500.000 Gelenkspiegelungen, sogenannte Arthroskopien, werden in Deutschland pro Jahr durchgeführt. Dabei wird häufig das Knie durchgespült oder am Knorpel herumgefeilt und geraspelt. Das Gesundheitssystem wird dadurch mit Kosten um eine Milliarde Euro belastet.

"Dabei ist gut die Hälfte dieser Eingriffe überflüssig", meint der Heidelberger Chirurg Hans Pässler. "Vor allem Knorpelglättungen und Spülungen bringen dem Patienten keinen Vorteil."

Zweite Meinung übers Netz

Um solchen unnötigen Operationen Einhalt zu Gebieten hat Pässler gemeinsam mit anderen Chirurgen und Orthopäden im Internet das Portal "Vorsicht! Operation" gestartet, das seit dieser Woche online ist. Vor einem chirurgischen Eingriff kann sich jeder Patient dort noch einmal eine kostenpflichtige Zweitmeinung einholen und sich informieren, ob die OP wirklich sinnvoll ist. 150 Anfragen sind laut Pässler bereits eingegangen.

"Ihr Arzt rät zu einer Operation, Sie sind aber nicht sicher, ob dies notwendig ist? Sie werden von Arzt zu Arzt geschickt, aber keiner kann Ihnen eine verlässliche Diagnose erstellen", ist auf der Internetseite zu lesen. Patienten, so heißt weiter, könnten in diesem Fall von der langjährigen Erfahrung renommierter und unabhängiger Spezialisten profitieren.

Tatsächlich haben sich für das Internetportal bis jetzt 15 Spezialisten ihres Faches zusammengeschlossen, darunter bekannte Ärzte wie der Rückenexperte Jürgen Harms, der Politiker wie Wolfgang Schäuble und Heiner Geißler behandelt hat. "Und wir bekommen täglich neue Anfragen von Kollegen", sagt Pässler. Die meisten teilnehmenden Ärzte haben bereits etliche Berufsjahre hinter sich, manche sind Chefärzte im Ruhestand. Da stellt sich schon die Frage, ob die Erkenntnis, dass zu viele Operationen durchgeführt werden, erst spät im Berufsleben kommt.

"Konservative Maßnahmen reichen in vielen Fällen aus"

"Ich habe selbst früher viel operiert", gesteht Pässler. "Aber ich habe im Laufe meines Berufslebens auch eine Menge Erfahrungen gesammelt und gelernt, dass konservative Maßnahmen wie Krankengymnastik oder Bewegungstraining in vielen Fällen ausreichen", sagt der Mediziner im Gespräch mit stern.de. Das habe bei ihm ein Umdenken bewirkt, seit Jahren kämpft der Mediziner daher gegen den zu schnellen Griff zum Skalpell.

"In Deutschland machen wir sieben bis achtmal mehr Eingriffe an der Wirbelsäule als in anderen europäischen Ländern", kritisiert er. "Häufig umsonst, denn die Schmerzen bleiben oder werden durch Narbenbildung sogar schlimmer." Pässler rät daher dazu, sich immer dann ein Zweitgutachten einzuholen, wenn Ärzte besonders schnell auf eine OP dringen.

Wer das auf dem Internetportal tun will, muss Röntgenbilder und andere medizinische Befunde einsenden sowie einen ausführlichen Fragebogen beantworten. Innerhalb von zwei Wochen sollen die Patienten dann ein Gutachten erhalten, in dem sie mitgeteilt bekommen, ob die geplante Operation wirklich nötig ist.

Recht auf zweite Meinung

Kostengünstig ist das allerdings nicht. Je nach Aufwand fallen für die zweite Meinung 200 bis 600 Euro an. Zwei Krankenkassen haben laut Pässler bereits signalisiert, dass sie die Kosten übernehmen wollen.

Allerdings hat in Deutschland auch grundsätzlich jeder Versicherte das Recht, sich bei einem Arzt eine zweite Meinung einzuholen - und zwar kostenlos. Die Kassen übernehmen das in der Regel. Bei Privatpatienten können Ärzte das mit 21 Euro abrechnen, bei gesetzlich Versicherten bekommen sie weniger.

Dementsprechend ließ auch die Kritik der Berufsverbände nicht lange auf sich warten. Bedenklich hoch seien die Gebühren für das über das Internet erhältliche Zweitgutachten, sagte Andreas Gassen, Vizepräsident des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie der "Ärzte-Zeitung". Und noch etwas anderes bemängeln die Vertreter der Zunft: Der Kontakt zum Patienten sei nötig, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können, kritisierte der Präsident des Berufsverbandes Deutscher Chirurgen, Hans-Peter Bruch, im "Deutschen Ärzteblatt". "Denn wir operieren Menschen und keine Röntgenbilder."

Pässler hingegen glaubt: "Wir sehen mehr als in mancher Praxis gesehen wird." Und auch die Kosten seien gerechtfertigt - für im Schnitt zwei Stunden Arbeit, mit denen er pro Gutachten rechnet. Er findet vielmehr, dass Zweitgutachten generell besser honoriert werden sollten. "Sonst gibt sich der Mediziner doch gar keine Mühe. Für 21 Euro setze ich mich nicht stundenlang hin und untersuche einen Patienten, das geht doch gar nicht."

Von Lea Wolz
 
 
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