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Wie unabhängig sind die Experten?

Kurz vor der geplanten Schweinegrippe-Impfaktion äußert die Antikorruptions-Organisation Transparency Deutschland Zweifel an der Unabhängigkeit vieler Experten im Gesundheitswesen. Der Vorwurf: Einigen Fachleuten gehe es nicht um Gesundheitsschutz, sondern um Profilierung.

Frau Spelsberg, Mitte Oktober soll der H1N1-Impfstoff verfügbar sein. Bald könnten Millionen von Bürgern geimpft werden. Viele sind verunsichert. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Wir sehen das sehr kritisch. Ich war kürzlich auf dem Epidemiologen-Kongress in Münster. Dort wurde die Situation äußerst kontrovers diskutiert. Viele der Fachkollegen sind der Meinung, dass dies eine Infektion mit einem sehr milden Verlauf ist, deren gefährlicher Charakter nicht mehr als gegeben angesehen werden kann. Dennoch gibt es keine Entwarnung.

Das Robert-Koch-Institut erwartet eine neue Welle, hieß es.
Die bisherigen Erfahrungen sprechen dagegen. Auf dem Kongress war ein Wissenschaftler aus Brasilien, wo die Infektion auch mild verlaufen ist. ‚Wir fragen uns, was das sollte’, sagte er. Dort fiel die Pandemiewarnung mit der normalen, saisonalen Grippe zusammen. Man hatte Angst, dass die Kinder sich anstecken, also schloss man die Schulen für einen Monat. Passiert ist aber nichts. In Deutschland gibt es nicht einen bestätigten Todesfall. Bei uns gehen die Infektionsraten zurück. Wir haben weltweit genügend Erfahrung gesammelt, um die Situation besser einschätzen zu können. Trotzdem argumentiert das Robert-Koch-Institut (RKI), dass man nicht weiß, was in Zukunft passiert. Das weiß man ohnehin nicht.

Muss die Regierung nicht trotzdem auf einen solchen Fall vorbereitet sein?
Natürlich. Aber wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass es hierbei mehr um Profilierung als um wirklichen Gesundheitsschutz der Bevölkerung geht. Die Vorgehensweise bei dieser Pandemie ist fragwürdig.

Inwiefern?
Schauen Sie sich den Verlauf an: Einer der ersten, der öffentlich von einer Pandemie sprach, war der englische Wissenschaftler Sir Roy Anderson, ein Berater der britischen Regierung. Nach Angaben der britischen Zeitung Daily Mail wird er aber vom Pharmakonzern GlaxoSmithKline bezahlt. In einem Radio-Interview am 1. Mai erklärte er, eine Pandemie sei im Anzug, aber man habe zum Glück gute Medikamente. Da waren die ersten Fälle der neuen Grippe in Mexiko gerade erst aufgetreten.

Im Juni änderte die WHO dann ihre Pandemie-Definition.
Richtig. Vier Wochen später rief die WHO-Generaldirektorin Margaret Chan die Pandemiestufe Sechs aus. Damit wurden die Regierungen in die Lage gebracht, präventive Maßnahmen ergreifen zu müssen, also Impfmaßnahmen. In vielen Ländern wurden von der Regierung Impfstoffe in großen Mengen gekauft, ohne unabhängige Fachleute zu fragen. Genau genommen ging es aber schon früher los.

Wann denn?
Im Zuge der Vogelgrippe wurden in den Jahren 2004 und 2005 Pandemiepläne entwickelt, an die sich das Gesundheitsministerium im entsprechenden Fall hält. Doch schon die Vogelgrippe war eine Fehlleitung. Sie war nie eine Pandemie, wurde aber als solche verkauft. Die Infektion war nicht sehr ansteckend und trat nur auf, wenn Mensch und Tier auf engstem Raum zusammen lebten, wie das in Asien manchmal der Fall ist. Weltweit traten nur sehr wenige Fälle auf. Dennoch hat man die Vogelgrippe zum Anlass genommen, Pandemiepläne zu entwickeln. Und die führten zu einer neuen Impfstrategie.

Wie sieht diese Strategie aus?
Den Herstellern wird es ermöglicht, in relativ kurzer Zeit einen Impfstoff durch die Zulassung und auf den Markt zu bringen, für den Fall, dass wir es mit einem wirklich gefährlichen Erreger zu tun haben. Der Modellimpfstoff ist eine Grundmixtur, für die die Hersteller bereits drei Viertel der Zulassung haben. In einem Kurzverfahren wird er dann mit dem jeweiligen Virus-Antigen bestückt, das im Pandemiefall notwendig ist. Dann erfolgt die Zulassung bei der Europäischen Zulassungsbehörde Emea sehr schnell, innerhalb von drei Tagen.

Was daran ist aus Ihrer Sicht verkehrt?
Wir kritisieren, dass in den Kommissionen und Komitees, die über Pandemie- und Impfstrategien entscheiden, Leute sitzen, die seit vielen Jahren intensive Beziehungen mit den Impfstoffherstellern pflegen. Außerdem sind die Entscheidungsprozesse nicht transparent. Wir können zum Beispiel keine Protokolle der Sitzungen einsehen. Das wäre aber wichtig.

Welche Kommissionen meinen Sie konkret?
Unter anderem kritisieren wir potenzielle Interessenskonflikte bei der Ständigen Impfkommission (Stiko) vom RKI. Erst nach jahrelangem Drängen haben die Mitglieder ihre Beziehungen zu Pharmaunternehmen offen gelegt. Die sind zum Teil sehr weit reichend, und das ist ein großes Problem. Es muss möglich sein, unabhängige Experten in solchen Kommissionen zu haben.

Betrifft das nur die Stiko?
Auch bei der Emea beobachten wir seit langem, wie bei jeder Zulassungsentscheidung Industrieinteressen mit hinein spielen. Bei der Schweinegrippe ist es besonders auffällig. Selbst in den Kommissionen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sitzt die Industrie mit am Tisch, zwar nur als Beobachter, aber in großer Zahl. In der Kommission, die über die Pandemie beraten hat, sind fast alle großen Impfstoffhersteller vertreten, und zwar nicht nur einzelne, sondern viele nationale Vertreter dieser Firmen. Wir sind davon überzeugt, dass sie Möglichkeiten haben, Einfluss zu nehmen.

Wie beurteilen Sie die Impfstoffe? Kritiker bemängeln, dass sie nicht ausreichend getestet seien.
Diese Bedenken teilen wir. Entsprechende Studien laufen noch, die müssen wir abwarten. Aber es sind etliche Fragen offen. Das Neue an dieser Impfstrategie ist, dass dieses Virus-Antigen in viel geringerer Konzentration als im normalen saisonalen Grippeimpfstoff enthalten ist. Stattdessen sind so genannten Adjuvantien beigefügt, die eine Immunantwort verstärken sollen.

Sind diese Adjuvantien unbedenklich?
Das wissen wir nicht. Diese Zusatzstoffe sind sehr umstritten. Das Arznei-Telegramm schreibt, dass sie schwere Immunreaktionen auslösen können bei Leuten, die eine veränderte Immunantwort haben. Das wären zum Beispiel Schwangere. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) wiederum meint, alle Studien, die man bis jetzt für die Modellzulassung gesehen hätte, würden zeigen, dass sie ungefährlich seien. Aber: Man hat es an Schwangeren nicht getestet, deshalb kann man über diese Gruppe keine definitive Aussage machen. Trotzdem wollen die Frauenärzte in Deutschland den Impfstoff bei Schwangeren einsetzen. Das ist gefährlich! Außerdem beziehen sich die Studien auf ein anderes Adjuvans, als das, welches in den Impfstoffen eingesetzt werden soll. Das ist alles sehr widersprüchlich.

Sollte die Zulassung in Europa noch auf sich warten lassen: Wie lange ist der Impfstoff einsetzbar?
Theoretisch ist er sehr lange haltbar. Das Entscheidende ist aber: Er ist nur für den Pandemiefall zu verwenden. Wird die Pandemie heruntergestuft, entfällt auch die Zulassung.

Es ist auch die Rede davon, dass das Virus mutieren könnte. Schützt eine Impfung dann überhaupt noch vor einer Infektion?
Das ist noch so ein Argument, das wir nicht nachvollziehen können. Es heißt, man könne prophylaktisch impfen, und wenn das Virus mutiert, wäre die Bevölkerung geschützt vor einer möglichen gefährlichen Variante. Das ist aber eine Hypothese, die zu beweisen wäre. Das kann man so nicht voraussagen. Außerdem wissen wir nicht, wie lange der Impfstoff überhaupt vorhält mit einer so geringen Antigenmenge. Normalerweise geben die Zulassungsstudien Aufschluss über diese Dinge. Aber wir haben sie nicht. Wir fordern Einblick in diese Daten.

Welche Möglichkeiten haben Sie, Ihre Forderung durchzusetzen?
Wir können die Dinge nur benennen und hoffen, dass dadurch genügend Druck erzeugt wird, dass die Beteiligten ihre Beziehungen offen legen und entsprechende Dokumente vorlegen. Und dann diese Entscheidung zur Pandemieimpfung noch einmal auf den Prüfstand kommt.

Sonja Popovic
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