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Ein Opfer der Pharmalobby

Er ist der Schrecken der Pharmaindustrie: Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Heute hat der Stiftungsrat beschlossen, dass er Ende August seinen Hut nehmen muss. Ein Lehrstück in Sachen Lobbyismus.

Von Lea Wolz, Lutz Kinkel und Nina Bublitz

Als Pharmakritiker hat er viele Feinde. Nun ist er offiziell über eine "Dienstwagenaffäre" gestolpert: Peter Sawicki, der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig), muss gehen. Der Vertrag des 52-jährigen Wissenschaftlers laufe zum 31. August aus, teilten Vorstand und Stiftungsrat des Instituts am Freitag in Berlin mit. Er hätte zwar gerne noch weitergemacht, höre aber zum 31. August auf, sagte Sawicki.

Für den Verbraucherschutz ist das eine deutliche Niederlage, die Pharmaindustrie dürfte dagegen jubeln. Sawicki, der das Iqwig seit 2004 leitet, war wegen seiner pharmakritischen Haltung bei den Arzneimittelherstellern von Anfang an heftig umstritten. Auch in der industrienahen schwarz-gelben Koalition hatte er wenig Freunde. Schon im Koalitionsvertrag sprachen sich die Fraktionen von Union und FDP dafür aus, die Arbeit des Instituts zu überprüfen - und es industriefreundlicher auszurichten. Künftig soll es stärker die Interessen der Pharmaindustrie und die Erfahrung der Ärzte in den Krankenhäusern berücksichtigen. Kurz gesagt: Es scheint so, als habe die schwarz-gelbe Regierung mit dem Fall Sawicki ein weiteres Lehrstück ihrer Klientelpolitik gegeben. Nutznießer dieses Krimis um einen der letzten unbestechlichen Kritiker der Arzneimittelindustrie ist eben diese.

Ein Dorn im Auge der Pharmaindustrie

Den Arzneimittelherstellern ist das Iqwig schon seit seiner Gründung im Zuge der Gesundheitsreform 2004 ein Dorn im Auge. Denn mit Pseudoinnovationen, die das Budget der Krankenkassen belasten, dem Patienten aber wenig bringen, lässt sich viel Geld aus dem Gesundheitssystem ziehen. Um dem entgegenzutreten, prüft das Iqwig Studien zu Arzneimitteln und untersucht als "Medikamenten-TÜV", ob Therapien und die oft teuren Medikamente auch nützlich sind. Andernfalls können sie aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen gestrichen werden. Für einen Hersteller kann das Verluste in mehrstelliger Millionenhöhe bedeuten.

So machte sich das Institut bei der Pharmaindustrie wenig beliebt, als es entschied, dass Analoginsuline nicht besser sind als herkömmliches Humaninsulin. Stattdessen warnten die Medikamentenprüfer immer wieder vor Nebenwirkungen. Im Juni 2009 stellte das Iqwig fest, dass ein künstliches Insulin bei Diabetikern sogar Krebs auslösen könnte. Auch das Medikament Memamtin, das bei Alzheimer verordnet wird, fand nicht den Segen der Arzneimittelprüfer. Ein Beleg für den Nutzen fehle, hieß es aus dem Iqwig. Wer so handelt, macht sich viele Feinde - und sollte sich daher besser nach allen Seiten absichern.

Mächtigster Pharmakritiker stürzt über Benzin für den Rasenmäher

Offiziell ist der 52-jährige Sawicki mit den grau gewellten Haaren und den feinen Gesichtszügen nun allerdings über sein Auslagengebaren gestolpert. Unter anderem hat sich der harte Pharmakritiker durch den Abschluss von zwei Leasing-Verträgen für Dienstwagen angreifbar gemacht, da er zuvor den Vorstand nicht informiert hatte. Sawicki wies die Vorwürfe zurück. Ein von ihm in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass er mit den geleasten Fahrzeugen - einem Audi Q7 und einem Audi Q5 - nicht gegen seinen Dienstvertrag verstoßen habe. Sawickis Dienstwagen hätten stets ordnungsgemäß im Haushaltsplan des Iqwig gestanden. Die Vorstandsmitglieder und der Stiftungsrat waren mithin darüber informiert.

Daneben wird dem Leiter des Iqwig vorgeworfen, sich auch bei einzelnen privaten Abrechnungen in einer Höhe von insgesamt knapp 1200 Euro - unter anderem für Rasenmäher-Benzin, Maut- und Parkgebühren - regelwidrig verhalten zu haben. 2007 stand Sawicki bereits in der Kritik, da er als Chef des Iqwig an das private Institut seiner Frau einen Auftrag vergeben hatte. Allerdings gab es auch Beschwerden, das Iqwig sei nicht effizient und arbeite wissenschaftlich ungenau.

  Analoginsuline sind nicht besser als herkömmliches Humaninsulin, entschied das Iqwic

Analoginsuline sind nicht besser als herkömmliches Humaninsulin, entschied das Iqwic

"Kritische Arzneimittelbewertung wird geschwächt"

"Die Entscheidung, Sawicki zu entlassen, ist eindeutig politisch motiviert", sagt der Herausgeber des pharmakritischen "Arznei-Telegramms", Wolfgang Becker-Brüser zu stern.de. Die kritische Arzneimittelbeurteilung werde dadurch entscheidend geschwächt. "Sawicki hat sich bei seiner Beurteilung von Medikamenten immer auf wissenschaftliche Studien gestützt und sich nicht auf einen Handel mit den Pharmafirmen eingelassen", meint der Pharmazeut und Arzt. Bei der sogenannten evidenzbasierten Medizin muss ein Medikament in randomisierten und kontrollierten klinischen Studien beweisen, dass es besser ist als die bereits erhältlichen. Nun werde wohl ein industriefreundlicherer Kandidat den Posten erhalten, befürchtet Becker-Brüser. Zum Schaden der Verbraucher: "Langfristig treibt das die Krankenkassenbeiträge wieder hoch."

Auch international findet der Fall Sawicki Beachtung. Das renommierte Wissenschaftsmagazin "Science" berichtet in der aktuellen Ausgabe über die Entscheidung, die zu Druckschluss noch nicht gefallen war. Zu Wort kommt Gerd Antes, Direktor des deutschen Cochrane-Zentrums, der meint, dass Sawickis Ausscheiden die Arbeit des Iqwig untergraben würde. Es sei Teil einer politischen Strategie, die strengen Verfahren bei neuen Medikamenten und Medizinprodukten zu lockern.

Vorwürfe "lächerlich" und "vorgeschoben"

Auch SPD, Grüne und Linke warnen, durch die Ablösung solle der Einfluss der Pharmaindustrie wachsen. Die Vorwürfe an Sawicki hinsichtlich der Amtsführung seien "lächerlich" und "vorgeschoben", sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zu stern.de. Es sei von Anfang an klar gewesen, dass Union und FDP dass Institut nicht nach den Regeln der evidenzbasierten Medizin laufen lassen wollten. "Sawicki war für die Neuausrichtung des Instituts der falsche Mann. Deswegen musste er entsorgt werden", kritisiert Lauterbach.

Bei den Grünen sieht man das ähnlich: "Es ist schäbig, Sawicki über die Spesenabrechnung loswerden zu wollen. Weil es klar ist, dass der Hintergrund ein anderer ist, nämlich ein politischer: Man will einen Pharmakritiker kaltstellen", sagte Birgitt Bender, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, zu stern.de. "Wenn durch diese Personalentscheidung die Arbeit des Instituts weichgespült werden soll, werden das die Versicherten teuer bezahlen. Denn dann würden Mondpreise für Medikamente mit wenig Nutzen verlangt und die falschen Anreize für die Pharmaindustrie gesetzt." Die gesundheitspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Martina Bunge, erklärte, mit der Entscheidung würden "alle enttäuscht, die sich ein unabhängiges Gegengewicht zur Übermacht der Pharmakonzerne wünschen".

Vorwürfen, die Arzneiprüfungen lockern zu wollen ist die Bundesregierung bereits entgegengetreten. Das Iqwig leiste eine notwendige und gute Arbeit, sagte Gesundheitsstaatssekretär Stefan Kapferer. "Eine Lockerung der Prüfregeln soll es nicht geben." Für den Posten als neuer Chef des Iqwig ist stern.de-Informationen zufolge unter anderem Leo Hansen von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein im Gespräch.

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