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Lassen sich Schmerzen einfach wegfrieren?

So eisig wie in den Kältekammern der Medizin wird es an keinem Ort der Welt. Das Verfahren kann Kranken helfen. Doch nun wird es auch zum Fitness-Trend – der Nutzen ist umstritten.

Von Angelika Dietrich

Eine Frau betritt eine Kältetherapiekammer.

In Kältetherapiekammern werden Patienten mit Rheuma und Hautproblemen behandelt

Jedes Mal, bevor Martin Willms zur Kältekammer radelt, streift er seinen Ehering ab – das Metall würde am Finger festfrieren. Er schultert den Rucksack. Darin: Turnschuhe, Fleecehandschuhe, braune Wollmütze, olivgrüner Wollschal, Badehose. Eine Schutzausrüstung für arktische Temperaturen. Mitten in München.

In den Räumen der Physikalischen Therapie am Klinikum Neuwittelsbach zieht Willms dann noch einen Mundschutz über. Nun ist der 42-Jährige gewappnet für 110 Grad unter null: Etwa zweimal die Woche setzt sich der Mann solch niedrigen aus. Nicht weil er sich in die Arktis träumen möchte, sondern wegen seines Rheumas und vor allem wegen einer quälenden Arthrose im linken Knie. Palindromer - also: immer wiederkehrender - Rheumatismus lautet Willms’ Verdachtsdiagnose, und vermutlich liegt darin auch der Grund, warum sich seine Gelenke abnutzen. Eine Teilprothese, Ersatz für verschlissene Knorpel, könnte dem Knie helfen, doch die Operation will er hinauszögern. Über lange Zeit Schmerzmittel einzunehmen ist ebenfalls keine Option. Also versucht Willms, mittels eisigen Schocks seine Qualen einzudämmen.

Die Ganzkörperkältetherapie (GKKT) ist eine Reizbehandlung, die Anfang der 80er Jahre in Japan entstand. Lokale Traditionen mögen das begünstigt haben – nicht nur das rituelle Erdulden frostiger Wassergüsse, sondern auch das weitverbreitete Baden in heißen Quellen, die es auf Japans vulkanischen Inseln zahlreich gibt. Doch auch in der westlichen Überlieferung, von Hippokrates bis Pfarrer Kneipp, finden sich Zeugnisse für Strategien, den Leib durch starke Temperaturwechsel zur Selbsthilfe zu provozieren. Die GKKT allerdings ist ihren Temperaturen nach die radikalste der Thermotherapien. So kalt wie in ihren Kammern wird es auch im tiefsten Winter nirgends auf der Welt.

110 Grad unter null: Was unvorstellbar klingt, lässt sich drei Minuten lang ertragen

Die Methode gewinnt gegenwärtig auch in Europa immer mehr Anhänger. Sie wird vor allem bei Rheuma- und Schmerzpatienten angewendet, jüngere Forschungsübersichten belegen, dass sie tatsächlich wirkt. "Durch die extreme Kälte entsteht quasi ein Ablenkreiz", erklärt Professor Herbert Kellner, Ärztlicher Leiter der Abteilung Rheumatologie und Physikalische Medizin am Klinikum Neuwittelsbach. "Bildlich gesprochen: Wenn ich Kopfschmerzen habe und mir mit dem Hammer auf den Finger haue, erzeuge ich auch einen solchen Zusatzschmerz. Damit werden in Armen, Beinen und Nacken Schmerzrezeptoren in der Haut und Muskulatur blockiert. Im schmerzverarbeitenden Teil des Gehirns treffen zwei Schmerzreize gleichzeitig ein, die sich bei der Schmerzverarbeitung beeinflussen, beziehungsweise gegenseitig zum Teil blockieren." Die Kältekammerbehandlung macht sich diesen Effekt zunutze: der "Rheumaschmerz" wird anders und nur noch abgeschwächt vom Patienten wahrgenommen.


Das schafft in vielen Fällen die Voraussetzung, um mit schmerzgeplagten Patienten überhaupt erst physiotherapeutisch arbeiten zu können: Massagen, Krankengymnastik, Heilbäder, Ergotherapie werden wieder möglich – und das in sehr kurzer Zeit. Die Kältekammerprozedur folgt dabei einer sekundengenauen Dramaturgie. Je drei oder vier Patienten schickt Sport-Physiotherapeut Gernot Fuchs gemeinsam in seine Kammern: zuerst in die "wärmere" – bei minus 60 Grad. Nach 20 Sekunden klopft Fuchs an die Tür, und die Gruppe zieht in den nächsten Raum, der fast doppelt so kalt ist. Alle 30 Sekunden ruft der Therapeut über Mikrofon die Zeit aus, höchstens drei Minuten dauert eine Behandlungseinheit.

In der Kammer tönt "Don’t Stop Me Now" von Queen. Martin Willms wackelt im frostigen Dunst mit den Fingern, zieht die Knie an. Ilse Ruf* wiegt in sich gekehrt hin und her, Bernhold Beil schaukelt auf der Stelle. Mindestens 100 Mal war Beil bereits in Kältekammern – seit seiner Kindheit leidet der 52- Jährige am Sjögren-Syndrom, einer Rheumaerkrankung, bei der Beils Nacken, Hand-, Finger- und Fußgelenke schmerzen und anschwellen. Wenn er aus der Kälte komme, sei er viel beweglicher – und doch sagt er: "Keiner freut sich, wenn er da reinmuss. Das kostet Überwindung. Die Kälte fährt einem stechend in Waden und Muskeln. Man wartet eigentlich nur auf den Zeitpunkt, bis man wieder flüchten kann." Ähnlich geht es auch Ilse Ruf, sie probiert die Kältetherapie erst seit ein paar Tagen aus und findet die Kammer immer noch "spooky" – gespenstisch also. "Ich habe das Gefühl, es wird jedes Mal kälter." Und doch wagt sie es wieder, das Gesicht bis auf die Augen gut vermummt.


Krankheiten bezwingen, kann die GKKT nicht, sie heilt nicht, aber sie lindert. Wer von seiner Krankenkasse eine Kur in der Rheuma-Tagesklinik bewilligt bekommt, geht in der Regel zwei Wochen lang von Montag bis Freitag dorthin, morgens und nachmittags stehen maximal drei Minuten Kältekammer auf dem Plan, dazwischen Physiotherapie. Aber erst bei langfristiger, kontinuierlicher Anwendung, sagt der Ärztliche Leiter Kellner, stelle sich ein anhaltender Effekt ein. So anhaltend, dass seine Patienten ihre Schmerzmitteldosis reduzieren können, oft für mehrere Monate. Wer wie Martin Willms nach einer Kur weiterhin ambulant zu Kellner kommt, muss die Kosten jedoch selbst tragen – etwa zehn Euro pro Besuch.

Die Ganzkörperkältetherapie wird mittlerweile längst nicht mehr nur für Rheumaerkrankungen und bei chronischen Schmerzen angewendet. Auch Multiple-Sklerose-Patienten schwören auf die Kälte. Andere bekommen mit den Minusgraden ihre Schuppenflechte oder Neurodermitis in den Griff. Depressionen und Angststörungen sollen ebenfalls gelindert werden. All das ist jedoch weniger erforscht als die Wirkungen im Schmerzbereich und wohl oft Glaubenssache. Dennoch verbreitet sich der Kältekammertrend jetzt auch in nicht medizinische Bereiche.

Leistungssportler etwa folgen ihm, um nach intensivem Training Muskelbeschwerden zu vermeiden oder auch um ihre Leistung zu steigern. Der Erfolg lässt sich messen. Er tritt bei weniger Austrainierten sogar noch stärker zutage als bei Profis: Von der immensen Kälte erschüttert, setzt der Körper Hormone wie Adrenalin frei, die dopingähnlich wirken. An einer Wand der Klinik in Neuwittelsbach hängt ein Foto des Therapeuten-Teams mit dem FC-Bayern-Torwart Manuel Neuer. Inzwischen kommt der Nationaltorhüter allerdings nicht mehr hier vorbei, der Verein hat sich eine eigene Kältekammer angeschafft.

Während es in der Medizin Eiseskälte nur auf Rezept gibt, stehen die Kammern der Fitness- und Wellnessbranche allen Zahlungsbereiten offen – vorausgesetzt, sie leiden nicht an Herz-, Lungen- und Gefäßerkrankungen oder Bluthochdruck. Die Rechnung fällt dabei höher aus als in der Klinik: "3 Min. bei –150°C … Jetzt für 29,90 Euro testen" wirbt das rote Leuchtband über dem Laden in der Münchner Leopoldstraße. Drei Minuten frosten bei minus 150 Grad, so behauptet der Flyer der Firma Cryosizer neben der Tür, ersetzten zwei Stunden Sport. Tatsächlich?

Freezing to go – schnell rein, gleich wieder raus, abspecken in der Mittagspause. Es sind vor allem Frauen, die an diesem Vormittag den Weg in das Cryosizer-Studio finden. Weil sie ihr Gewebe straffen wollen, weil sie den "mittleren Ring" am Body schrumpfen sehen wollen, weil sie den schnellen Energiekick suchen, sich abhärten oder ihrem Körper Gutes tun wollen. Die meisten kommen etwa ein- bis zweimal pro Woche vorbei. Sie verschwinden in die Umkleide, entledigen sich bis auf die Unterwäsche ihrer Klamotten, schlüpfen in grau-weiß-gefleckte Wollpuschen, und ab geht es in die kompakte Kabine, die hier einem Holzfass ähnelt.

Eisige Abnehmwunder sind nicht zu erwarten

Etwa so muss Diogenes in seiner Tonne ausgesehen haben: Nur der Kopf guckt heraus. Das digitale Thermometer über dem Fass fällt, auf der Anzeigetafel leuchtet es orange: –42 Grad, –84, –119, – 144, Michaela Huml, 32, Designerin, dreht sich im Kreis, die Hände vor dem Kinn gefaltet wie zum Gebet. Stickstoffnebel umwabert ihren Hals. "Bis minus 120 Grad ist es eher unangenehm kalt, danach wird es besser und man hat nicht mehr dieses Ich-frier-jetzt-Gefühl", sagt sie.

Als Michaela Huml der Kabine entsteigt, fühlen sich ihre Oberschenkel kalt an, es prickelt, als komme man nach einem ausgiebigen Winterausflug wieder ins Warme. Die Studiomitarbeiterin reicht ein Glas kalten grünen Tee. "Ich sehe das als Experiment", sagt die Designerin. Und das Experiment Kältekammer ergab bei ihr persönlich: seit Sommer zwei bis drei Zentimeter Umfang verloren, wohltuend bei Muskelkater und Verspannung, zaubert gute Laune. Aber Huml bleibt realistisch: "Nur Kältekammer reicht nicht zum Abnehmen. Ich kombiniere das mit Ausdauertraining im Fitnessstudio und Joggen." Genau genommen verbrennt der Körper die Kalorien auch nicht während der Drei- Minuten-Frost-Packung, sondern beim thermischen Ausgleich – dem Auftauen sozusagen. Der Stoffwechsel läuft hoch, um den Körper zu heizen.

Vor einem Jahr hat Geschäftsführer Dejan Blagojevic das Studio eröffnet, das Konzept Cryosthenix , so sagt er, entwickelte er mit Medizinern, Ökotrophologen und Wissenschaftlern. Aus cryo, dem griechischen Wort für Kälte, und sthenos für Kraft. Auf die Idee kam er, weil er jahrelang als Personal Trainer gearbeitet und dort miterlebt hatte, dass sich die Hochleistungssportler in der Kältekammer regenerierten. Er beschloss, das exklusive Verfahren einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Auf dem Anmeldebogen kreuzen die Neukunden allerlei Ziele an: Gesundheit – Gewicht – Wohlbefinden – Gewebestraffung – Leistungssteigerung. Neben dem Empfangstresen steht ein Regal, in dem Kusmi-Tee angeboten wird, Proteine mit dem Namen des Studios, Pfefferminz-Grüntee-Duschgel und Bodylotion.

Der Kältekammer aus dem fernen droht womöglich das Schicksal eines Hype-Wundermittels: Medizinisch angezeigt und mit Fingerspitzengefühl angewendet, hilft sie Schmerzkranken nachweislich. Doch nun soll sie auch noch bei Burnout und gegen Schlafstörungen helfen, das Gewicht ohne Anstrengung reduzieren, jung, dynamisch und gesund halten. Doch es gibt keine einzige Studie, die einen präventiven oder gar gewichtsreduzierenden Effekt bestätigt.

Im Klinikum Neuwittelsbach sagt der Mediziner Kellner: "Wir haben viele übergewichtige Patienten, die regelmäßig in die Kältekammer gehen – aber was das Gewicht betrifft: Da ist nichts passiert." Als seine heutigen Patienten die Kammer verlassen, wabert eisiger Nebel in den Raum. Ihre Haut ist gerötet, die Turnschuhe sind starr. Willms, der Mann mit der Arthrose, sagt, wenn er zwei, drei Wochen lang nicht in der Kältekammer war, habe er mehr Schmerzen im Knie – nun freut er sich darauf, wieder schmerzfrei zu sporteln.

Beil, der sich schon 100 Mal in der Kammer schockgefrostet hat, ist euphorisiert: "Das ist, als wenn jemand im Halbschlaf mit dem Auto auf eine rote Ampel zufährt und im letzten Moment das rote Licht bemerkt. Dann bist du auf einen Schlag hellwach." Und Ilse Ruf erzählt, als sie vor ein paar Tagen das erste Mal aus der Kälte kam und dann zum Aufzug ging, habe sie geweint. Zum ersten Mal sei 20 Jahren hatte sie keine schmerzende Halswirbelsäule.

*Name von der Redaktion geändert

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