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Vorsicht bei Paracetamol

Asthma, allergischer Schnupfen, Hautausschläge - eine neue Studie legt nahe, dass paracetamolhaltige Medikamente für Kinder Allergien begünstigen.

Von Inga Pabst

Paracetamol - gern als Alltagsmedikament verwendet. Werden die Risiken unterschätzt?

Paracetamol - gern als Alltagsmedikament verwendet. Werden die Risiken unterschätzt?

Paracetamol kann bei Kindern die Herausbildung einer Allergie bewirken - das legt eine international angelegte Studie nahe. Laut der neuseeländischen Untersuchung mit mehr als 200.000 Kindern weltweit erkranken Babys, die das Schmerzmittel Paracetamol bekommen haben, später deutlich häufiger an Asthma, allergischen Schnupfen und Hautausschlägen als Babys, die dieses Medikament nicht bekommen haben.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Studie auf den möglichen Zusammenhang zwischen Paracetamol und Allergierisiko hinweist. 1999 hatte eine Forschergruppe im US-amerikanischen Boston nachgewiesen, dass Kinder, die mit Paracetamol behandelt wurden, eine deutlich größere Asthmaneigung entwickelt hatten als Kinder, die zur Fiebersenkung den Wirkstoff Ibuprofen bekommen hatten.

Asthma, allergischer Schnupfen, Hautausschläge

Laut der aktuellen Studie, die gerade im britischen Fachblatt "Lancet" veröffentlicht worden ist, war bei Kindern, die Paracetamol im ersten Lebensjahr bekamen, das Risiko für Asthma-Symptome im Alter von sechs bis sieben Jahren um 46 Prozent höher als bei Gleichaltrigen, die das Arzneimittel nicht bekommen hatten. Das Risiko für allergischen Schnupfen lag 48 Prozent höher und das für Hautausschläge 35 Prozent. Außerdem beobachteten die Forscher, dass das Asthma-Risiko von Kindern, die in dem Jahr vor der Untersuchung Paracetamol genommen hatten, von der Höhe der Dosis abhing.

Die Studie reicht allerdings trotz der hohen Teilnehmerzahl nicht an den Stellenwert der Bostoner Untersuchung heran, da nur ein statistischer aber kein ursächlicher Zusammenhang hergestellt werden konnte. "Wir sollten aber diesen Hinweis ernst nehmen, und eine weitere bundesweite Studie auflegen, die auch den kausalen Zusammenhang gründlich untersucht", forderte der Vertreter der Kinderärzte bei der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie, Prof. Eckard Hamelmann.

Immer mehr Kinder bekommen Asthma

Auch der Deutsche Allergie- und Asthmabund (DAAB) forderte, den Hinweisen aus der Studie dringend nachzugehen und die Ursachenforschung stärker voranzutreiben. "Denn der Trend, dass immer mehr Kinder Asthma bekommen, ist ungebrochen", sagte DAAB-Mitarbeiterin Silvia Pleschka.

Das erhöhte Allergie- und Asthmarisiko durch die Einnahme von Paracetamol besteht wahrscheinlich nicht nur im Kindes-, sondern auch im Erwachsenenalter. Seit mehreren Jahren häufen sich insbesondere in den USA und Großbritannien Hinweise darauf, dass ein Zusammenhang zwischen Paracetamol-Einnahme und Allergien existiert. Laut einer im Juni veröffentlichten EU-Studie im "European Respiratory Journal" ist bei Erwachsenen, die mindestens einmal pro Woche eine paracetamolhaltige Schmerztablette schlucken, die Wahrscheinlichkeit Asthma zu bekommen, um das Dreifache erhöht. Andere Schmerzmittel hatten laut der vom "Global Allergy and Asthma European Network" initiierten Studie, für die 1000 Personen untersucht worden sind, diese Nebenwirkung nicht.

Paracetamol als Ursache für Leberversagen

Die Forscher am Imperial College London vermuten als Ursache für die erhöhte Allergieneigung, dass Paracetamol die Wirkung von Oxidationshemmern in der Lunge vermindert. Dadurch können die Schleimhäute der Atemwege gegen Tabakrauch und Luftschadstoffe nicht mehr so gut geschützt werden. Zu einer ähnlichen Erklärung kommt auch die "Acute Liver Failure Study Group" an der Universitätsklinik Essen. Die Forscher hatten im Frühjahr mit einer Studie, die eine Überdosis Paracetamol als eine wichtige Ursache für akutes Leberversagen nachgewiesen hat, für Aufsehen gesorgt. "Das Prinzip von Paracetamol ist in allen Organen dasselbe", sagte der Studienleiter Aliekber Canbay. Der Wirkstoff verbrauche in den Zellen Glutathion, das schädigende Moleküle in den Zellen binde. "Organe wie Leber und Lunge haben dann nicht mehr die Möglichkeit, sich gegen die Gifte aufzubäumen und werden geschädigt."

"Es gibt einfach nichts Anderes"

Die Hersteller von paracetamolhaltigen Medikamenten für Kinder bleiben dagegen gelassen: Angesichts der aktuellen Studienlage sehe man keinen Anlass für irgendwelche konkreten Maßnahmen, teilte etwa die Stada Arzneimittel AG mit. Paracetamol bleibe weiterhin das Mittel der ersten Wahl gegen Schmerzen und Fieber bei Kindern. Ähnlich sieht es die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA): "Sollte es zu einem Ansturm besorgter Eltern in Apotheken kommen, werden die Apotheker die Eltern darüber informieren, dass Paracetamol und Ibuprofen nach wie vor die Schmerz- und Fiebermittel der ersten Wahl für Kinder sind", stellte ABDA-Sprecherin Ursula Sellerberg klar. "Es gibt einfach auch nichts Anderes."

Rezeptpflicht für Paracetamol

Seit April 2008 gibt es eine Rezeptpflicht für Paracetamol bei höheren Dosen ab 20 Tabletten zu je 500 Milligramm. Canbay hält die Anwendung von Paracetamol aber nach wie vor für zu unkritisch und fordert, dass Apotheker beim Verkauf stets auf mögliche Organschäden durch zu lange Einnahme hinweisen sollen. "Schließlich handelt es sich nicht um Lutschbonbons, sondern um Medikamente. "Ärzte und Eltern sollten genau prüfen, ob Kinder mit 38,5 Grad Fieber bereits Paracetamol oder andere Schmerzmittel bekommen müssen", mahnte Canbay.

Dass Fieber bei Kindern mit Medikamenten behandelt werden muss, steht dagegen für Hamelmann außer Frage: "Wenn ein Kind unter dem Fieber leidet und in dem Alter ist, einen Fieberkrampf bekommen zu können (4 Monate bis 4 Jahre - Anm. der Red.), sollte zur Behandlung ein Medikament eingesetzt werden", rät der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Ruhr-Universität Bochum. Mütter, die in Sorge sind, dass Paracetamol das Asthmarisiko ihres Kindes erhöht, könnten unbesorgt auf Ibuprofen umsteigen, weil dieser Wirkstoff mit einem geringeren Asthmarisiko verbunden sei.

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