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Mit Charme und Wassermelone

Nicht nur alte Menschen, auch Kinder trinken oft zu wenig - bei den herrschenden sommerlichen Temperaturen kann das gefährlich werden. Experten geben Tipps, wie Eltern die Trinkmuffel überzeugen können.

Kinder trinken meist zu wenig. "Um das zu ändern, ist vor allem wichtig, dass sich die Eltern vorbildhaft verhalten", sagt Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund. Dass hier zu Lande allgemein zu wenig getrunken wird, hat vor allem kulturelle Hintergründe, sagt die Ernährungswissenschaftlerin. "Während es in anderen Ländern etwa üblich ist, dass im Restaurant immer eine Karaffe Wasser auf den Tisch kommt, muss man hier Mineralwasser extra bestellen." Eine Rolle spiele auch, dass Bundesbürger noch häufig Vorurteile gegen Leitungswasser hätten. Dabei habe es eine hervorragende Qualität.

Eine Tasse Flüssigkeit zu wenig

In der so genannten Donald-Studie, in der das Institut seit 1985 das Ernährungsverhalten von Kindern erforscht, stellten Wissenschaftler fest, dass Schulkinder im Schnitt eine Tasse pro Tag mehr trinken müssten. Dazu untersuchten sie die Trinkmengen und die Urinkonzentration der Schüler. Falsches Trinkverhalten ist aber auch schon bei kleinen Kindern weit verbreitet. "Säuglinge werden meist noch sehr gut mit Flüssigkeit versorgt. Manchmal geben Müttern ihnen sogar mehr, als sie eigentlich bräuchten", sagt Kersting. Im Kleinkindalter wird die Versorgung aber schlechter vor allem dann, wenn die Kinder sauber werden sollen.

Fälschlicherweise meinten nämlich immer noch viele Eltern, dass ihre Sprösslinge leichter trocken würden, wenn sie weniger tränken, berichtet Kersting. Dabei kann sich falsches Trinkverhalten negativ auf die Gesundheit auswirken: Ist zu wenig Flüssigkeit im Körper, lassen Konzentrations- und Leistungsfähigkeit nach. Außerdem werden die Nieren belastet. Erster Hinweis darauf, dass ein Kind zu wenig trinkt, ist dunkelgelber Urin.

Kein Zucker in den Tee

Das Getränk der Wahl ist für Kersting Trinkwasser. Antje Gahl, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), empfiehlt daneben ungesüßte Früchtetees oder stark verdünnte Fruchtsaftschorlen. Wenn Kinder auf süße Getränke fixiert seien, seien häufig die Eltern mitschuld: "Sie meinen oft, dass man Zucker in den Tee geben muss - dabei braucht es das gar nicht." Stattdessen rät sie, konsequent bei ungesüßten Getränken zu bleiben. Auch Berthold Koletzko, Professor für Ernährungsmedizin am Haunerschen Kinderspital der Universität München, sagt: "Geschmack ist eine Frage der Gewohnheit."

Immer eine Karaffe in Reichweite

Damit Kinder genügend trinken, sind die Eltern als Vorbilder gefragt. Kersting betont: "Kinder übernehmen die Trinkgewohnheiten, die sie bei den Erwachsenen beobachten." Es sollte daher selbstverständlich sein, dass zu den Mahlzeiten auch getrunken wird. Außerdem sollte eine Karaffe Wasser oder eine Kanne Tee jederzeit zugänglich sein. Dies halten Experten wie Koletzko auch für Kindergärten und Schulen für sinnvoll. "In amerikanischen Schulen gibt es Trinkbrunnen, an denen sich die Schüler in den Pausen bedienen können. Das müsste es auch in Deutschland geben", sagt Koletzko. Denn regelmäßiges Trinken fördere auch die Leistungsfähigkeit der Kinder.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Forschungsinstitut für Kinderernährung bei einer neuen Studie mit dem Namen "trinkfit": Im kommenden Schuljahr sollen rund 1500 Grundschüler in Dortmund kostenlos Zugang zu leitungsgebundenen Sprudelgeräten haben. Jedes Kind bekommt eine eigene Flasche und darf sich jederzeit Leitungswasser - mit oder ohne Kohlensäure - "zapfen". Kersting sagt: "Trinken muss zum Ritual werden."

So viele Kalorien wie eine Mahlzeit

Das Institut will vor allem herausfinden, wie sich der Verzicht auf Softdrinks, also Limonade und andere kalorienreiche Getränke, auf das Gewicht auswirkt. "Daten aus den USA zeigen, dass Kinder, die viel Limonade trinken, auch ein höheres Risiko für Übergewicht haben", sagt sie. Das ist nicht verwunderlich: Eine Flasche Limo hat nach DGE-Angaben etwa so viele Kalorien wie eine ganze Mahlzeit, wird aber meist zusätzlich zum Essen konsumiert.

Bei einem so genannten Prätest, einer Vorstudie mit 150 Schülern in Dortmund, zeigte sich bereits, dass die Kinder "begeistert von den Trinkflaschen waren", wie Kersting berichtet: "Eine eigene Flasche zu haben, war für die Kinder ein großer Anreiz. Sie sind morgens sofort zum Sprudelgerät gerannt, um sie sich zu füllen."

Gurken und Melonen für Problemkinder

Daher lautet auch einer ihrer Tipps für Eltern trinkfauler Kinder: "Lustige Gläser und Tassen sowie Strohhalme können die Trinklust erheblich steigern." Auch Orangen- oder Zitronenscheiben am Glas sehen schön aus und sorgen für mehr Geschmack. Antje Gahl rät: "Es hilft auch, Problemkindern wasserreiche Gemüse- und Obstsorten anzubieten. Das können Tomaten, Gurken oder Melonen sein. Außerdem mögen viele Kinder gerne Kaltschalen, Suppen oder Eintöpfe."

Nach DGE-Angaben sollten Ein- bis Vierjährige mindestens 0,8 Liter pro Tag trinken und Vier- bis Siebenjährige knapp einen Liter. Für das Alter von sieben bis zehn gilt eine Empfehlung von einem Liter, für das Alter von zehn bis 13 gelten 1,2 Liter.

Angela Stoll/AP/AP

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