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Stern Logo Ratgeber Kinderkrankheiten

"Es gibt viele dumme Leute da draußen"

In den USA verbreiten sich die Masern wieder. Schuld daran sind auch Impfgegner, die der modernen Medizin nicht vertrauen. Doch wissenschaftliche Argumente haben sie keine.

Von Alexandra Kraft, New York

  Immer mehr Amerikaner lassen ihre Kinder nicht gegen Masern impfen. Daher ist die Krankheit in den Staaten nun ausgebrochen.

Immer mehr Amerikaner lassen ihre Kinder nicht gegen Masern impfen. Daher ist die Krankheit in den Staaten nun ausgebrochen.

Für US-Amerikaner ist Freiheit ein hohes Gut. Schließlich sind die Vereinigten Staaten das "land of the free". So singen sie es in ihrer Nationalhymne. Das kann manchmal ganz schön gefährlich sein. Denn für immer mehr gehört zu dieser Freiheit, selbst entscheiden zu dürfen, ob sie ihre Kinder impfen lassen - oder eben nicht.

Und das hat schlimme Folgen. Masern sind eine hochansteckende Krankheit. 90 Prozent aller ungeimpften Personen, die mit dem Erreger in Kontakt kommen, infizieren sich. In den USA galten die Masern seit dem Jahr 2000 als ausgerottet.

Dann kamen die Impfgegner. 2014 gab es plötzlich in 17 Staaten 644 Masern-Kranke. Bis Ende Januar 2015 wurden bereits 102 neue Fälle registriert. Tendenz steigend.

Kalifornien gilt als das Epizentrum der Krankheitswelle. Vor allem in den wohlhabenden Gegenden mit überdurchschnittlichen Einkommen nehmen sich immer mehr Eltern die Freiheit Impfgegner zu sein. Kinderärzte berichten, in bestimmten Wohnbezirken seien etwa nur noch 50 Prozent der unter Dreijährigen dagegen geimpft. Hier sind auch besonders viele erkrankt. Allein in den Freizeitparks von Disney Land in der Nähe von Los Angeles sollen sich seit Dezember 40 Personen mit Masern infiziert haben. Disney ist ein teurer und beliebter Freizeitspaß, besonders unter den Reichen.

Die gut Gebildeten lassen nicht mehr impfen

Eigentlich gilt in den USA für Kindergarten-Kinder ab dem Alter von drei Jahren Impfzwang. Masern sind keine harmlose Krankheit. Besonders für Kleinkinder und Schwangere werden sie schnell zur Gefahr. Aber Kalifornien gehört zu den Staaten, die ihren Bürgern erlauben, dass sie aus moralischen oder persönlichen Gründen eine Impfung verweigern dürfen.

Es sind vor allem gut gebildete Familien, die ihren Nachwuchs nicht mehr impfen lassen. Die überzeugt sind, sie müssten ihre Kinder vor allen unnötigen Chemikalien schützen. Bio-Supermärkte gelten deswegen inzwischen als "Ground Zero" für Masern-Neuinfektionen.

Die wichtigste Gallionsfigur der Impfverweigerer ist die Schauspielerin und Buchautorin Jenny McCarthy. Sie tingelt seit Jahren mit der herzerweichenden Geschichte ihres Sohnes Evan durch Talkshows und Nachrichtensendungen. Und erzählt dort immer lautstark davon, wie ihr Sohn nach seiner Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln vom fröhlichen Kleinkind quasi über Nacht zum Autisten geworden sei. Die blonde, gut aussehende Frau ist Profi. Ihre Geschichte weckt Emotionen - und bei Eltern Ängste.

Auf die Frage, welche Beweise sie für ihre Theorie habe, dass ein Impfstoff ihren Sohn krank gemacht habe, sagt sie immer dasselbe: "Mein Beweis sitzt zu Hause und heißt Evan." Wissenschaftlich ist das nicht. Aber um die Wahrheit geht es längst nicht mehr bei diesem Thema. Impfgegner auf der ganzen Welt berufen sich immer auf eine Studie, die 1998 angeblich den Zusammenhang zwischen Immunisierung und Autismus nachgewiesen habe. Verfasst hatte sie der Forscher Andrew Wakefield. Sie wurde im angesehen britischen Fachmagazin "The Lancet" veröffentlich. Damals trat Wakefield im Fernsehen auf und sagte, dass er rate aufgrund seiner Daten, Kinder nicht mit der Dreifachimmunisierung gegen Masern, Mumps und Röteln behandeln zu lassen.

Keinerlei wissenschaftliche Grundlage

Kurz danach wurde Wakefield allerdings als Betrüger enttarnt. Er hatte lediglich zwölf Kinder untersucht. Außerdem hatte er Ergebnisse gefälscht. Viele Kinder, die angeblich an Autismus erkrankt waren, stellten sich als kerngesund heraus. Die Studie wurde zurück gezogen und Wakefield verlor seine Zulassung. In späteren Untersuchungen konnte nie ein Hinweis auf eine Verbindung von Autismus und Impfung gefunden werden. Trotz umfangreicher Bemühungen.

Persönliche Meinungen sind in dieser Diskussion aber längst wichtiger, als Fakten. Das liegt auch an Politikern wie dem Republikaner Paul Ryan. Er will 2016 US-Präsident werden und sagte vor zwei Tagen in einem Interview: "Kinder nicht impfen zu lassen, ist für mich ein Akt der Freiheit. Ich habe von vielen tragischen Fällen von fröhlichen und gesunden Kindern gehört, die nach einer Impfung geistig behindert waren." Das Schlimme: Der Mann ist Arzt. Er müsste es besser wissen. Der Schaden, den er mit Äußerungen dieser Art anrichtet, ist riesig.

"Es ist auch meine Freiheit, um die es geht", entgegnet Carl Krawitt. Er wohnt mit seiner Familie in Kalifornien, in einer der am stärksten vom Masern-Ausbruch betroffenen Gegenden. Sein sechsjähriger Sohn Rhett kämpfte die letzten viereinhalb Jahre heldenhaft gegen Leukämie. Nach unzähligen Chemotherapien gilt er als geheilt. Aber sein Immunsystem ist so schwach, dass er derzeit nicht geimpft werden kann. Mit den zahlreichen an Masern erkrankten Kindern in seinem Umfeld wird ein Schulbesuch für ihn zum lebensbedrohlichen Risiko. Sein Vater sagt: "Wenn andere entscheiden, ihr Kind nicht impfen zu lassen und dieses Kind bekommt Masern und stirbt, dann ist das ihre Entscheidung, ihr Problem und ihre Schuld. Aber wenn ein solches Kind meinen Sohn ansteckt und mein Kind stirbt, dann haben diese Leute ihn getötet."

Ein Umdenken ist nicht in Sicht

Viele Wissenschaftler sagen, die Zahl der Impfgegner in den USA sei auch deshalb so stark gestiegen, weil sie den Luxus gehabt hätten, dass viele Krankheiten lange ausgerottet gewesen seien. Kaum einer kennt mehr die Bilder von Polio-Patienten, die nur noch mit Hilfe einer eisernen Lunge atmen konnten.

Laut einer neuen Umfrage glauben nur 53 Prozent aller Amerikaner Impfungen seien sicher. Eine weitere Untersuchung macht wenig Hoffnung, dass bald ein Umdenken stattfindet. Demnach lassen sich Impfgegner selbst von wissenschaftlichen Ergebnissen nicht überzeugen. Sondern im Gegenteil. Sie fühlen sich gestärkt in ihrem absurden Glauben. Ein vom Nachrichtensender CNN befragter Passant brachte es auf den Punkt: "Es gibt viele dumme Leute da draußen."

Nun meldete sich auch Hillary Clinton zu Wort. Auf Twitter schrieb sie: "Die Wissenschaft ist eindeutig. Die Erde ist rund. Der Himmel ist blau und Impfungen wirken. Schützt unsere Kinder #Großmütterwissenesambesten." Ob das Eltern überzeugt, ihre Kinder endlich impfen zu lassen? Wohl nicht. Das wird sich wohl erste mit einem Impfzwang ändern.

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