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"Ich habe mich nutzlos gefühlt"

Wenn ein Paar ungewollt kinderlos bleibt, ist die künstliche Befruchtung die letzte Chance. Doch der Weg zum Traumkind ist hart. Ein Wechselbad der Gefühle, eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen beginnt. Zwei Paare schildern ihr Leben mit Inseminationen und Fehlgeburten.

Von Lea Wolz

  Wenn der Kinderwagen leer bleibt, belastet das auch die Partnerschaft

Wenn der Kinderwagen leer bleibt, belastet das auch die Partnerschaft

Bis zum Jahr 2002 lief bei Katja Kittel vieles nach Plan. Mit 18 Jahren hatte sie ihren Freund Carsten kennen gelernt, sechs Jahre später heiratete das Paar. An Kinder hatten die beiden bis dahin nicht gedacht. "Die Ausbildung stand im Mittelpunkt, da passte ein Kind noch nicht rein", sagt die heute 30-Jährige. Nach der Heirat setzte die Oberhausenerin die Pille ab. Mittlerweile liegen über vier Jahre hinter dem Paar, in denen sie versucht haben, mithilfe assistierter Reproduktion ein Kind zu bekommen. Bis jetzt erfolglos.

"Ich hatte eine Vorahnung", sagt Katja Kittel heute. "In der Jugend hatte ich häufig Eileiterentzündungen, da wurde mir schon gesagt, dass es schwierig werden könnte." Verwachsungen in den Eierstöcken waren so entstanden. Eine Untersuchung der Spermien ihres Mannes zeigte zudem: Volumen und Beweglichkeit der Spermien waren verringert, ein großer Anteil war tot.

Den Kinderwunsch wollte das Ehepaar aber nicht begraben, daher versuchten sie es zuerst mit der ICSI-Methode, der "intrazytoplasmatischen Spermieninjektion", die bei schlechter Spermienqualität angewendet wird. Eine Samenzelle des Mannes wird dabei unter dem Mikroskop in eine entnommene Eizelle gespritzt. Bis zu drei der entstandenen Embryonen werden in die Gebärmutter übertragen. Vorher musste Katja Kittel Hormone einnehmen, damit die Eizellen reifen, was zu Stimmungsschwankungen, Übelkeit und Bauchschmerzen führte.

Schwanger wurde sie zwar mithilfe der ICSI, doch das Kind wuchs nicht. In der neunten Woche war der Traum vorbei, sie musste ausgeschabt werden. "Damals dachte ich, schlimmer kann es nicht werden, jetzt weiß ich, es kann", sagt sie. Im August 2005 versuchten sie und ihr Mann es mit eingefrorenen Eizellen. Ergebnis negativ. Im November 2006 folgte eine Intrauterine Insemination (IUI), bei der ausgewählte Samenzellen direkt in die Gebärmutter gebracht werden. Erfolglos. Februar 2007 eine neue ICSI. Wieder erfolglos. "Danach sind wir in ein tiefes, schwarzes Loch gefallen", sagt die Oberhausenerin. "Der Druck war so groß, wir hatten uns auseinandergelebt und dachten sogar darüber nach, uns zu trennen."

Ein Leben ohne Kind

Das sei der Punkt gewesen, an dem es darum gegangen sei, sich als Paar wiederzufinden, sagt Katja Kittel. Was will ich? Was will der Partner? Können wir uns ein Leben ohne Kind vorstellen? Kommt eine Adoption in Frage? Ein Reifungsprozess sei das gewesen. "Nach dem Jahr Pause wussten wir, was wir wollen. Ein Leben ohne leibliches Kind wünschen wir uns nicht, aber wir können es uns mittlerweile vorstellen."

Mitte und Ende 2008 versucht es das Paar noch einmal mit einer ICSI. "Mein Ziel, schwanger unter dem Weihnachtsbaum zu sein, hatte geklappt", erinnert sich Katja Kittel. Der Arzt bestätigte ihr gute Chancen. Doch dann ging alles ganz schnell: Eine Sturzblutung trat ein, es kam zur Fehlgeburt. "Ich hatte nur zwei Stunden, um mich von meinem Wunsch zu verabschieden, da knabbere ich immer noch dran", sagt die 30-Jährige.

Zu Knabbern hatten auch Susanne und Michael Ricks aus Nürnberg. Zwei Fehlgeburten, drei Intrauterine Inseminationen und zwei IVF haben sie auf ihrem Weg zum Wunschkind seit 2000 hinter sich. Dabei hatten beide nie gedacht, dass es auf natürlichem Weg nicht klappen könnte, da Susanne Ricks bereits eine Tochter mit in die Ehe gebracht hatte. Doch ihr Körper wehrte sich gegen die dauerhafte Einnistung der Eizelle.

Vor allem die Wartezeit zwischen der künstlichen Befruchtung und dem Schwangerschaftstest hat die 42-Jährige als "Hölle auf Erden" erlebt. "Man beobachtet sich 24 Stunden lang, schont sich und am Ende ist der Test blütenweiß." Auch die Fehlgeburten belasteten ihre Psyche: "Zuerst ist die Freude groß, wenn die Befruchtung geklappt hat, am Ende steht man im Blut." Irgendwann gab sie ihrem Mann daher den Rat, sich eine andere Frau zu suchen, die Kinder bekommen kann. "Ich habe mich nutzlos gefühlt und gedacht, dass ich das nicht durchstehe", sagt sie heute. Adoption kam für die beiden nicht in Frage. Mit Mitte Dreißig kümmerten sie sich um diese Alternative, bis zu sieben Jahre hätten sie warten müssen.

Nach Jahren doch noch Erfolg

Dabei hatten die beiden in allem Unglück zumindest finanziell noch Glück. Das Gesundheitsmodernisierungsgesetz betraf sie noch nicht, ihre Krankenkasse übernahm die Kosten. Anders wäre es für die gelernte Versicherungskauffrau und ihre Mann, der als Systemintegrator arbeitet, auch gar nicht möglich gewesen. "Ich habe Medikamente genommen, bei denen ein Rezept 1800 Euro gekostet hat, das kommt an das Einkommen meines Mannes heran", sagt Susanne Ricks.

Nach Jahren vergeblichen Versuchens brachten zwei IVF das gewünschte Ergebnis: 2002 wurde Robin-Victoria geboren, ein Jahr später Charleen-Rebecca. Den Weg der künstlichen Befruchtung würde das Ehepaar aus Nürnberg wieder wählen, auch wenn er steinig und psychisch extrem belastend war. "Es ist die einzige Chance für ein Paar, das sich Kinder wünscht, sie aber auf normalem Weg nicht bekommen kann."

Im Sommer wollen auch Katja und Carsten Kittel einen neuen Anlauf wagen. Zwei Versuche haben sie noch, die ihnen anteilig von der Kasse bezahlt werden. "In der Hoffnung, dass unser Kinderzimmer doch noch irgendwann genutzt wird", sagt die 30-Jährige. Da sie bereits von der Gesetzesänderung betroffen sind, müssen sie einen Teil des Geldes beisteuern. 8000 Euro haben sie bis jetzt für ihren Kinderwunsch bezahlt. Geld, das sie gerne investiert haben. Nur die Vorurteile, die gut gemeinten Ratschläge und die Stiche im Alltag ärgern sie.

"In dem vor einem Jahr gesendeten Werbespot 'Du bist Deutschland' hieß es 'Deine Anschaffung ist kostenlos'", sagt Katja Kittel. Gezeigt wurde ein Kind. Für sie und ihren Mann stimmt das nicht. "Dabei waren wir nicht zu alt, nicht karrieregeil und wir würden uns auch schon über ein Kind riesig freuen." Bis jetzt war der Weg zum Wunschkind für das Paar allerdings vor allem mit Angst, Schmerzen und Tränen verbunden. Ausgang noch immer ungewiss.

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