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Hilfe jenseits der Schulmedizin

Noch vor einigen Jahren sahen viele Mediziner alternative Verfahren als Humbug an. Mittlerweile raten mehr Ärzte zu der einen oder anderen Methode, obwohl der Nutzen wissenschaftlich nicht belegt ist.

  Der Arzt muss die Akupunkturnadeln an ganz bestimmte Stellen setzen

Der Arzt muss die Akupunkturnadeln an ganz bestimmte Stellen setzen

Viele Kopfschmerzgeplagte suchen nach alternativen, ganzheitlichen Therapien. Ob die wirken, ist in den meisten Fällen nicht wissenschaftlich bewiesen. Trotzdem gibt es Methoden, die helfen - wenn auch nur, weil Behandelte und Therapeuten daran glauben. Der sogenannte Placeboeffekt ist beiden Seiten willkommen.

Auch Schulmediziner lehnen alternative Heilmethoden mittlerweile nicht mehr ab. Sie empfehlen ihren Patienten sogar ganzheitliche Therapien. Der Grundsatz heißt: Was hilft, sollte ausprobiert werden - jedoch weder schaden noch zu viel Geld kosten. Dem einen hilft eine homöopathische Behandlung, dem anderen eine Ernährungsumstellung, wieder anderen helfen Akupunktur oder Johanniskrautpräparate. Allerdings: Ganzheitliche Behandlungsmethoden sollten die schulmedizinischen Therapien nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Daher heißen sie auch komplementäre Behandlungsmethoden.

Zu den alternativen Heilmethoden gehören auch Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Kneippbehandlungen, Wärme- und Kälte-Therapien, Massagen sowie Krankengymnastik, Bewegungsübungen und Sport. All diese Verfahren können dazu beitragen, dass sich Schmerzkranke wohler fühlen.

Diäten und Fastenkuren

Bei leichter Migräne kann eine sogenannte Basiskur eventuellen Schmerzauslösern in Nahrungsmitteln auf die Spur kommen. Dabei beschränken Migränekranke ihre Ernährung einige Zeit auf nur wenige Stoffe. Lassen die Kopfschmerzen währenddessen nach, kommen schrittweise wieder Nahrungsmittel auf den Tisch, die eventuell als Auslöser infrage kommen. Ein Ernährungstagebuch hilft, einen eventuell bestehenden Zusammenhang zwischen Nahrungsmittel und Migräneattacke aufzudecken. Am Ende sollten auf dem individuellen Speiseplan nur die Lebensmittel stehen, bei denen die Anfälle deutlich zurückgegangen sind.

Bei einer Dinkelkur ernähren sich die Betroffenen hypoallergen, das heißt: mit Nahrungsmitteln, die nachweislich keine Allergien auslösen. Die Dinkelkur dauert sieben bis zehn Tage. Alternativen dazu sind die Fastentherapie nach Otto Buchinger oder die Kur nach Franz Xaver Mayr. Diese beiden Verfahren sollten Sie nur in einem Krankenhaus ausprobieren. Belege für die Wirksamkeit bei Migräne gibt es jedoch nicht.

Wer die Ernährung umstellt, hat noch einen anderen Vorteil: Er lernt, regelmäßige Essenszeiten einzuhalten. Abends sollte nur sehr wenig und vor allem Leichtes auf dem Speiseplan stehen. Das vegetative Nervensystem darf nachts nicht übermäßige Verdauungsarbeit leisten müssen, es braucht Erholung.

Heilkräuter

Die Apotheke der Natur hält einige Substanzen bereit, die nützlich sind und ihren Platz im Medizinschrank verdienen. Fast jede Pflanze enthält Wirkstoffe, die dem menschlichen Organismus helfen können, lebenswichtige Prozesse zu stabilisieren oder sogar aufrecht zu erhalten. Aber Vorsicht: Erstens gibt es giftige Pflanzen. Zweitens sind auch Heilkräuter nicht frei von Nebenwirkungen, obwohl sie natürlichen Ursprungs sind. Eine Therapie mit Pflanzen muss daher nicht unbedingt sanft sein. Auch hier gilt der Grundsatz des Arztes Paracelsus: "Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist."

Es gibt eine Reihe verschiedener pflanzlicher Stoffe, die bei Kopfschmerzen vielleicht hilfreich sein können:

Baldrian, Melisse und Hopfen: Diese Heilmittel machen müde. Schlaf wirkt beruhigend und lindert die Kopfschmerzen. Artischocken: Die Pflanze steht in dem Ruf, einen Alkoholkater bekämpfen zu können. Wissenschaftliche Studien belegen das jedoch nicht. Die Bitterstoffe fördern aber den Leberstoffwechsel und gleichen Verdauungsstörungen aus. Pfefferminzöl: Die äußere Anwendung hat sich bei Spannungskopfschmerzen sehr bewährt und die Wirksamkeit ist wissenschaftlich belegt. Johanniskraut: Dieses allgemein beliebte Hausmittel hebt die Laune, weil es den Abbau der Glücksbotenstoffe Serotonin, Noradrenalin und Dopamin hemmt. Daher könnte eine Kur mit Johanniskraut vor allem solchen Menschen helfen, die von chronischen Spannungskopfschmerzen geplagt und gleichzeitig depressiv sind. Der Teufelskreis aus Stress, depressiver Verstimmung, Schmerz und weiterem Stress lässt sich so eventuell unterbrechen.

Homöopathie

Ähnliches mit Ähnlichem heilen - das ist das Prinzip der Homöopathie. Dabei verabreicht ein Heilpraktiker Stoffe, die Krankheitssymptome auslösen könnten - wenn Kranke sie nicht in verschwindend geringen Dosen einnehmen würden. In der homöopathischen Dosierung liegen die Stoffe stark verdünnt vor. Das Verdünnen und Schütteln der Substanz soll, so die Theorie, deren verborgene, dynamische Kräfte steigern. Wissenschaftlich überprüfbar ist das nicht.

Es gibt Studien, welche die Wirksamkeit der homöopathischen Mittel mit der eines Scheinmedikaments, eines Placebos, vergleichen. Die Ergebnisse sind widersprüchlich: Nach heutigem Kenntnisstand geht die Wirksamkeit nicht über den Placeboeffekt hinaus.

Gegen Kopfschmerzen werden homöopathische Präparate verschiedener Pflanzen angeboten. Sie enthalten oft Sanguinaria, Gelsemium oder Spigelia. Spezielle Kombinationspräparate gibt es für Migräne und für Spannungskopfschmerzen.

Akupunktur, Akupressur und Shiatsu

Akupunktur ist eine Technik der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Nach der fernöstlichen Heilkunde entstehen Krankheiten durch ein Ungleichgewicht von Yin und Yang, den polaren Kräften im menschlichen Körper. Zu Schmerzen kommt es demnach dadurch, dass der Energiefluss entlang der Leitbahnen zwischen einzelnen Körperbereichen blockiert ist. Reizt der Therapeut bestimmte Punkte entlang dieser sogenannten Meridiane, soll dies das natürliche Gleichgewicht wieder herstellen. Stichhaltige Beweise für die Existenz von Meridianen und Akupunkturpunkten gibt es bislang nicht. Trotzdem wirken Akupunktur und Akupressur, wie Studien zeigen. Bei Spannungskopfschmerzen und Migräne beugte Akupunktur in einer großen Untersuchung jedoch nicht besser vor als die herkömmliche Therapie.

Die Akupunkturpunkte liegen vermutlich auf besonderen Muskelschmerzpunkten oder an Durchtrittsstellen von Nerven und Gefäßen. Werden diese empfindlichen Stellen gereizt, verändern sich die Schmerzsignale an das Gehirn. Wissenschaftler nehmen an, dass Akupunktur die Schmerzimpulse schon im Rückenmark blockiert. Vermutlich hemmt die Reizung dort spezielle Botenstoffe, die für die Schmerzweiterleitung verantwortlich sind.

Akupunktur aktiviert körpereigene Opioide

Die Nadeln reizen die Nerven, diese schütten körpereigene Schmerzmittel - sogenannte Endorphine - aus. Akupunktur wirkt zusätzlich langfristig schmerzlindernd, weil sie das Nervensystem stabilisiert - unabhängig davon, wohin der Therapeut die Nadeln setzt.

Ob Akupunktur bei Kopfschmerzen wirkt, ist nicht eindeutig belegt. Ein Behandlungsversuch kann sich aber trotzdem lohnen. Wer die Methode ausprobieren möchte, sollte sich nur von erfahrenen Ärzten behandeln lassen; bei sachgerechter Anwendung bestehen kaum Risiken. Für Kinder ist eher die schmerzlosere Laserakupunktur geeignet. Möglich ist auch, Kügelchen auf die Akupunkturpunkte zu kleben - das ist bei Kindern gefahrloser.

Die Krankenkassen tragen die Kosten einer Akupunkturbehandlung bei Kopfschmerzen nicht.

Akupressur und Shiatsu: schnell und effektiv

Die Akupressur ist ein Vorläufer der Akupunktur. Sie eignet sich zur Selbstbehandlung oder Partnermassage, da sie sehr sanft wirkt und keine unangenehmen Nebenwirkungen hat. Gerade bei Kopfschmerzen wirkt Akupressur schnell. Bei der Akupressur massiert der Therapeut die Akupunkturpunkte mit den Fingerkuppen in kreisenden Bewegungen. Kräftiger Druck beruhigt, sanfter Druck regt an. Mittelstarker Druck kräftigt den ganzen Körper.

Shiatsu ist die japanische Variante der chinesischen Akupressur, sie behandelt dieselben Punkte wie die Akupunktur. Statt mit Akupunkturnadeln werden die Meridianpunkte wenige Sekunden bis einige Minuten lang mit sanftem Druck stimuliert. Eine Shiatsubehandlung dauert etwa eine halbe Stunde.

Zum Vorbeugen drückt der Therapeut die Schmerzpunkte täglich ein bis zwei Minuten lang, bei starken Schmerzen so lange, bis die Schmerzen verschwunden sind. Jedoch sollte die Behandlung nicht länger als eine Viertelstunde dauern. Welche Akupressurpunkte der Therapeut am Kopf massiert, ist unterschiedet. Manche Punkte jedoch haben sich allgemein bewährt. Fernpunkte wirken über Nervenverschaltungen auf die Kopfschmerzen ein.

An den Hauptpunkten sollte der Therapeut so vorgehen:

  • Augenbrauen: etwas oberhalb der Augenbrauenlinie genau in der Mitte kreisförmig massieren.
  • Nase: die Mitte des Nasenrückens mit Daumen und Zeigefinger massieren.
  • Ohr: In den Vertiefungen hinter den Ohren die Fingerkuppen leicht pressen.
  • Schläfen: Fingerbreit neben den Augenbrauen kreisförmig massieren.

Fernpunkte sind:

  • Mittelfinger: an der Mittelfingerspitze,
  • Zehen: die Stelle zwischen dem zweiten und dritten Zeh,
  • Mittelfuß: die Vertiefung zwischen dem ersten und zweiten Mittelfußknochen.

Neuraltherapie

Bei der Neuraltherapie spritzt der Arzt örtliche Betäubungsmittel in die Nähe von Nerven oder ins Gewebe. Das soll die Erregung der Nerven herabsetzen, so dass der Regelkreis aus Reiz und Kopfschmerz unterbrochen wird. Bei Migräne injiziert der Arzt am Gesichtsnerv, aber auch an Akupunkturpunkten. Manche Therapeuten spritzen auch Betäubungsmittel in das Gewebe über dem Schambeinknochen, weil der Unterleib als Störfeld bei der Migräne gilt.

Der Erfolg der Neuraltherapie bei Kopfschmerzen ist wissenschaftlich nicht bewiesen. Die Methode wird bei Spannungskopfschmerzen angewandt und zeigt gelegentlich auch bei Migräne Erfolge. Doch ist die Behandlung nicht ohne Risiko. Empfindliche Menschen können auf das Betäubungsmittel mit Schwindel und Benommenheit reagieren, vor allem bei großen Mengen. Nur erfahrene Ärzte sollten diese Behandlung machen, da Gefäße oder Nerven verletzt werden können.

Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)

Bei der transkutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS) leiten Elektroden einen schwachen Strom durch die Haut in das Gewebe. Das erregt bestimmte Nervenfasern, die im Rückenmark eine Schaltstelle blockieren - und zwar genau jene Schaltstelle, die Schmerzreize ins Gehirn leitet. Außerdem werden mehr körpereigene Botenstoffe freigesetzt, die die Schmerzen unterdrücken.

TENS-Geräte sind tragbar und Sie können sie selbst bedienen: Sie können sich damit zu Hause eigenständig behandeln. Besonders gut wirkt die Methode bei Kindern mit Spannungskopfschmerzen, bewiesen ist dies aber nicht. Auch bei der Trigeminusneuralgie, bestimmten Schmerzen im Gesicht, ist TENS erfolgreich. Die Wirkung hält lang an und soll Kopfschmerzen vorbeugen. Allerdings zeigen Untersuchungen, dass diese Methode nur bei einigen Menschen anschlägt und bei chronischen Kopfschmerzen nur zeitweise hilft. Gefährlich ist diese Methode nicht, nur Menschen mit einem Herzschrittmacher sollten sicherheitshalber darauf verzichten.

Hypnose

Hypnose versetzt Menschen in einen tiefen Entspannungszustand. Sie sitzen oder liegen und hören dem Therapeuten zu. Dabei schauen sie unverwandt auf einen Gegenstand im Raum oder in eine Lampe. Der Therapeut spricht formelhafte Sätze, mit denen er Bilder ausmalt. Diese sollen sich tief in das Bewusstsein des Hypnotisierten senken und auch nach der Hypnose weiterwirken.

Die Hypnose entspannt: Herztätigkeit und Stoffwechsel verlangsamen sich, der Blutdruck sinkt, auch die Atmung und der Darm arbeiten langsamer. Das gesamte Nervensystem ist heruntergeschaltet. Chronische Schmerzen sollen dadurch nachlassen.

Mit Hypnose werden Ängste,Schlafstörungen, Ohrgeräusche oder auch Asthma behandelt. Besonders Kinder mit Migräne sprechen auf eine Hypnose an.

Chiropraktik

Vor allem Fehlstellungen an den Gelenken der Halswirbelsäule sind häufig für Kopfschmerzen verantwortlich. Eine Druckmassage kann Muskelverspannungen lösen und blockierte Gelenke wieder beweglicher machen. Danach übt der Therapeut einen kurzen Impuls auf das Gelenk aus und drückt auf bestimmte Reflexpunkte, damit die Verspannungen sich lösen.

Obwohl es sehr viele Studien zur Wirksamkeit der Chiropraktik bei Kopfschmerzen gibt, sind fast alle wegen methodischer Mängel nicht wissenschaftlich anerkannt.

Chiropraktische Techniken können im Bereich der Halswirbelsäule sogar ein hohes Risiko bergen: In seltenen Fällen können ruckartige Bewegungen Blutgefäße an der Halswirbelsäule verletzen. Im schlimmsten Fall kann das einen Schlaganfall verursachen.

Wolfgang Schillings

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