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Gewitter im Kopf

Millionen Deutsche leiden an Migräne. Trotzdem wissen viele Betroffene nicht, dass diese Kopfschmerzart die Ursache ihrer Qual ist. Dabei gibt es wirksame Therapien.

  Das Gehirn eines Migränepatienten reagiert besonders intensiv auf äußere Reize

Das Gehirn eines Migränepatienten reagiert besonders intensiv auf äußere Reize

Manchmal hämmert der Schmerz vom Hinterkopf heran. Mit jedem Pulsschlag dröhnt er stärker und breitet sich langsam über den gesamten Schädel aus. Ein anderes Mal zieht er von den Schläfen herauf, um sich wie ein Nervengewitter im Kopf nach allen Seiten zu entladen. Jede Bewegung verursacht dann Pein, die von Minute zu Minute zunimmt. Als würden ihnen Stacheldrähte durch das Hirn gezogen, so beschreiben Leidende ihre Qual. Oder aber der Kopf sei in einem Schaubstock eingezwängt, der immer fester zugezogen werde. Den meisten Betroffenen hilft dann nur eines: absolute Ruhe. Sie ziehen sich allein zurück, schließen die Vorhänge und hüten das Bett.

Doch Migräne ist mehr als ein vernichtender Kopfschmerz, der vorbeigeht, wenn der Betroffene sich nur lange genug ins Bett legt. Im Gegenteil. Sie ist eine ernste neurologische Störung, die zu den am häufigsten auftretenden chronischen Erkrankungen zählt.

"Die Veranlagung dazu tragen die Geplagten bereits in ihren Genen", sagt Stefan Evers, Neurologe am Universitätsklinikum Münster. Anders als das Gehirn eines gesunden Menschen reagiere das eines Migränekranken viel intensiver auf äußere Reize. Es stehe ständig unter Hochspannung und könne Schmerzreize nicht mehr ausreichend filtern. Das allein löst aber noch keine Migräneattacke aus. Erst wenn bestimmte Faktoren, sogenannte Trigger, im Leben eines Migränegeplagten auftauchen, gerät das Gehirn außer Kontrolle. Die Auslöser dafür sind individuell verschieden. Wie der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, setzen diese Faktoren eine Kaskade von physiologischen Veränderungen im Körper in Gang - bis die Attacke wütet.

Um sie zu lindern, bedarf es der richtigen Therapie. Und das erfordert eine korrekte Diagnose. Doch von schätzungsweise 13 Millionen Menschen, die in Deutschland im Laufe ihres Lebens an Migräneattacken leiden, kennt nur jeder zweite Betroffene die Ursache seiner Qualen. Viele wechseln von Arzt zu Arzt, lassen sich die Halswirbel einrenken, die Nasenscheidewand operieren, Zähne ziehen oder verstellen im Schlafzimmer die Betten - in der Hoffnung, dies möge die Schmerzen beenden. Wirksame Medikamente und Therapien können helfen, der Krankheit den Schrecken zu nehmen.

Symptome

Oft wissen Menschen mit Migräne sofort, dass etwas nicht stimmt. Eigenartige Vorboten signalisieren bei vielen die nahende Attacke. Tage oder nur wenige Stunden im Voraus verspürt ein Drittel der Betroffenen etwa ungewohnt starkem Heißhunger nach Süßem. Sie verdrücken dann massenhaft Schokolade. Die Konzentration lässt nach, Müdigkeit oder gar depressive Verstimmungen treten auf.

Manch einer reagiert in dieser Zeit extrem reizbar. Während die einen bereits leiden, fühlt sich ein anderer besser als je zuvor: hellwach, ausgesprochen kreativ, strotzend vor Energie bis hin zur Hyperaktivität.

Die Morgendämmerung der Migräne: die Aura

Bei jedem zehnten Migränekranken beginnt die Attacke mit einem neurologischen Phänomen: Vergleichbar dem Schimmer eines sich anbahnenden Tages oder dem Hauch von Nebeldunst nach einem Regenguss zieht im Kopf langsam die Aura heran. Meist nimmt der Betroffene merkwürdige Veränderungen im Sehfeld wahr, die von Minute zu Minute stärker werden:

  • leuchtende Funken oder Blitze,
  • flimmernde Zickzack-Linien und Kreise,
  • milchige Schleier.

Die Sehstörungen breiten sich allmählich von einem Rand des Sichtfeldes nach innen hin aus. Mediziner nennen das Flimmerskotome. Einige Migränekranke sind regelrecht fasziniert von diesen "Halluzinationen". Vielen anderen Betroffenen aber machen die Phänomene Angst, denn sie fürchten zu erblinden.

Seltener sind Auren, die sich wie Ameisenkribbeln anfühlen. Dann zieht ein taubes Gefühl langsam von den Fingerspitzen bis in den Oberarm und von dort aus bis in Unterkiefer und Zunge. Nur bei wenigen Menschen versagen die Muskeln: etwa in Form einer einseitige Muskelschwäche, von Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen oder Sprachstörungen.

So langsam wie die Aura aufgezogen ist, klingt sie auch wieder ab. Nach spätestens einer Stunde hat sich alles wieder normalisiert. Die Betroffenen sind für einige Zeit völlig beschwerdefrei. Das ist aber nur die Ruhe vor dem Sturm.

Schlimmer mit jedem Pulsschlag

Hämmernd, stechend oder pulsierend fährt der Schmerz in den Kopf. Mit jedem Pulsschlag verschlimmert er sich. Gehen oder Treppensteigen verstärkt die Qual fast ins Unerträgliche. Meist dröhnt der Schmerz nur in einer Kopfhälfte, wechselt im Laufe der Attacke mitunter die Seite. Er wütet unbehandelt zwischen vier und 72 Stunden und hält bei den meisten Migränekranken einen Tag an.

Meist leiden Migränebetroffenen während einer Attacke nicht nur unter höllischen Kopfschmerzen. Unangenehme Begleiter sind:

  • Appetitlosigkeit,
  • Übelkeit und Erbrechen,
  • Durchfälle,
  • Frösteln,
  • extreme Empfindlichkeit auf Lärm und Licht
  • Nackenschmerzen.

Normale Geräusche oder Tageslicht quälen die Betroffenen. Das Kämmen der Haare wird zur schmerzhaften Tortur. Weh tun dann selbst aufmunternde Worte oder eine zärtliche Berührung. Klingt der Schmerz langsam ab oder beginnen die Medikamente zu wirken, fühlen sich die meisten Migränekranken völlig erschöpft, müde und können sich nicht richtig konzentrieren. Schlimmstenfalls dauert es noch ein bis zwei Tage, bis alles überstanden ist. Manche Betroffene hingegen sind danach regelrecht "high". Sie geraten in Euphorie über den nachlassenden Schmerz und die angenehme Benommenheit, "es mal wieder überstanden zu haben".

Migräne ist eine Sache der Veranlagung

Ursache und Auslöser sind bei Migräne nicht zu verwechseln. Mediziner wissen heute, dass Menschen mit Migräne eine Veranlagung zu diesen Kopfschmerzen in ihren Gene tragen. Dies allein löst aber noch lange keine Attacke aus. Erst wenn bestimmte Umstände auftreten, kann eine Migräne entstehen.

Diese Auslöser sind von Mensch zu Mensch ganz verschieden. Folgende Situationen und Stoffe können eine Attacke heraufbeschwören:

  • Stress: Ängste, Aufregung, Überarbeitung, Zeitdruck im Alltag und in den Entspannungsphasen danach,
  • depressive Verstimmungen,
  • Veränderungen im Tages- und Lebensrhythmus: am Wochenende, zu Beginn des Urlaubs oder auf Reisen,
  • starke Emotionen: große Freude, Probleme in der Beziehung, Trauer,
  • außergewöhnliche körperliche Belastungen: beispielsweise Erschöpfung oder Hungern,
  • wenig oder zu viel Schlaf,
  • unregelmäßiges Essen oder Auslassen von Mahlzeiten,
  • hormonelle Veränderungen: Menstruation, Schwankungen im Östrogenspiegel,
  • Wetterumschwung: Föhn oder Hitze,
  • zu viel Sonnenlicht,
  • bestimmte Genussmittel: Inhaltstoffe in Rotwein und Sekt,
  • Medikamente: Präparate gegen Bluthochdruck oder Allergien, Appetitzügler, Viagra und andere Potenzmittel,
  • Einatmen von Chemikalien: zum Beispiel Stickstoffmonoxid und verschiedene Lösungsmittel.

Viele Migränekranke leiden an ein bis zwei Attacken im Monat; nur etwa acht Prozent der Betroffenen haben mehr als drei Anfälle. Treten die Kopfschmerzen über einen Zeitraum von drei Monaten an mehr als 15 Tagen im Monat auf, sprechen Mediziner von chronischer Migräne.

Diagnose

Die erste Diagnose stellt in der Regel der Hausarzt. Dieser sollte mit den Kriterien, nach denen die Erkrankung definiert ist, unbedingt vertraut sein. Es ist daher ratsam, wenn Sie den Arzt vorher nach seiner Kompetenz auf diesem Gebiet fragen. Ansonsten sollten Sie einen Neurologen konsultieren. Im Gespräch (Anamnese) ermittelt dieser die Vorgeschichte der Beschwerden, wobei er die typischen Kriterien der Migräne abfragt. Führt der Betroffene einen Kopfschmerz-Kalender, in welchem er die Schmerzmuster genau dokumentiert, kann der Arzt leichter herausfinden, woran sein Patient leidet. Fällt die Diagnose zweifelhaft aus, prüft der Arzt, ob das Leiden nicht auch andere Ursachen haben könnten. Beispielsweise muss er ausschließen, dass eine krankhafte Veränderungen im Gehirn, wie Epilepsie, bestimmten Entzündungen, schlimmstenfalls sogar ein Hirntumor vorliegen oder der Kopfschmerzgeplagte bereits einen Schlaganfall hatte.

Mitunter rühren die Schmerzen auch daher, dass etwa Halswirbelsäule oder Kiefergelenke erkrankt sind, der Betroffene an einer Erkrankung des Herz-Kreislaufsystems, der Augen oder der inneren Organe leidet. Um dies zu prüfen, wendet der Neurologe moderne Verfahren an:

  • Im Elektroenzephalogramm (EEG) misst er die Hirnströme, genauer: die elektrische Aktivität des Gehirns.
  • Mit einer Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) scannt er das Gehirn, um krankhafte Strukturen zu erkennen - zum Beispiel einen Tumor. Dabei stellt das CT vor allem Knochen und Knorpel gut dar. Mit der MRT lassen sich Weichteile besser untersuchen.
  • Durch die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) erkennt der Neurologe, ob die Durchblutung im Gehirn gestört ist.

Formen der Migräne

Was die Diagnose so schwierig macht: Nur selten treten bei allen Erkrankten alle Symptome einer Migräne komplett auf. Mediziner unterscheiden zudem 22 verschiedene Migräneformen. Die zwei Hauptformen sind die Migräne ohne Aura und die Migräne mit Aura.

Migräne ohne Aura: Neun von zehn Betroffenen haben keinerlei Vorboten oder Wahrnehmungsstörungen. Bei ihnen beginnt die Attacke mit dem pulsierenden Kopfschmerz, der bis zu 72 Stunden anhält.

Migräne mit Aura: Rund zehn Prozent der Erkrankten erleben ihre Migräne regelmäßig mit einer Aura, andere haben abwechselnd Attacken mit und ohne Aura. Dabei können sich die seltsamen Veränderungen des Bewusstseins unterschiedlich äußern:

  • Migräne mit typischer Aura: meist verbunden mit Sehstörungen über 30 bis 60 Minuten, die sich vor Eintritt des Kopfschmerzes komplett zurückbilden
  • Familiäre hemiplegische Migräne: Störungen in der Bewegung bis hin zu Lähmungserscheinungen in den Extremitäten. Mindestens ein Verwandter ersten oder zweiten Grades leidet bereits an derartigen Ausfällen.
  • Sporadische hemiplegische Migräne: Lähmungserscheinungen, ohne dass diese Symptome bereits unter Familienmitgliedern aufgetreten sind
  • Migräne vom Basilaristyp: Schwindel, Tinnitus, Hörminderung, Doppeltsehen, Schläfrigkeit bis zur Bewusstlosigkeit
  • Aura ohne Kopfschmerz: Ein kleiner Teil der Betroffenen erlebt sogar eine Aura ohne Kopfschmerz. Typische Seh- oder Sprachstörungen setzen zwar ein, der Schmerz danach jedoch bleibt aus.

Führen Sie ein Tagebuch!

Damit der Arzt schnell die richtige Diagnose stellen kann, ist es erforderlich, einen Kopfschmerz-Kalender zu führen. Daran erkennt er Schmerzmuster und kann sie einer Diagnose zuordnen. Notieren Sie vor allem folgende Fakten:

  • wie oft die Schmerzen auftreten,
  • auf welche Weise sie einsetzen,
  • wie lange sie anhalten,
  • wie stark sie sind,
  • ob sie bei körperlicher Tätigkeit zunehmen,
  • welche Symptome die Attacke begleiten,
  • zu welcher Tageszeit die Beschwerden auftreten,
  • in welchen Situationen sie sich äußern.

Den Vordruck für ein solches Tagebuch können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

Der Migräne zum Verwechseln ähnlich

Einige Kopfschmerzarten zeigen ähnliche Anzeichen wie die Migräne. Hier ist die Kenntnis des Arztes gefragt, die Symptome genau zu analysieren und von den anderen Arten zu unterscheiden. Für diese Differenzialdiagnose kommen in Frage:

  • Kopfschmerzen vom Spannungstyp: Während die Migräne grell pocht, sticht oder hämmert, äußert sich Spannungskopfschmerz eher dumpf, drückend oder ziehend. Auch die typischen Begleitsymptome der Migräne fehlen. Übelkeit und Erbrechen treten nicht auf. Unbehandelt hält der Schmerz mindestens eine halbe Stunde an, kann sich sogar eine Woche lang hinziehen. Dabei ist er aber längst nicht so heftig und lässt meist bei Bewegung an der frischen Luft nach.
  • Clusterkopfschmerz: Mit einem bohrenden Schmerz hinter oder über dem Auge bricht eine Clusterattacke über den Betroffenen herein. Das Auge tränt auf der schmerzenden Gesichtshälfte, das Lid zieht sich nach unten und die Pupille verengt sich. Selten stellen sich Übelkeit und Erbrechen ein. Typischerweise treten die heftigen Anfälle über vier bis zwölf Wochen gehäuft auf, in schlimmen Fällen bis zu achtmal am Tag. Dabei halten die Schmerzen höchstens drei Stunden an, oft lassen sie jedoch schon früher nach.
  • Kopfschmerzen durch erhöhten Blutdruck: Besonders beim Aufwachen dröhnt Menschen mit Bluthochdruck häufig dumpf der Schädel. Allerdings machen sich weder Übelkeit noch Erbrechen bemerkbar.
  • Infektionen oder Erkrankungen des Stoffwechsels: Auch dabei kann pulsierender Kopfschmerz in regelmäßigen Abständen auftreten.
  • Fehlstellungen der Halswirbel, Augenkrankheiten wie ein Glaukom, Entzündung der Nasennebenhöhlen, Zahnerkrankungen oder ein Schädelhirntrauma verursachen manchmal ebenfalls migräneartige Kopfschmerzen.
  • Hirnblutung: Sehr selten kann auch eine Hirnblutung Symptome wie bei einer Migräne auslösen. Dabei treten jedoch sehr schnell heftigste Kopfschmerzen wie noch nie auf. Dies stellt einen Notfall dar, bei dem sofort ärztliche Untersuchungen nötig sind.

Therapie

Wer schon längere Zeit unter Migräne leidet, kennt die ersten Anzeichen eines drohenden Anfalls sehr genau. Er weiß: Bahnt sich die Schmerzattacke an, ist es wichtig frühzeitig gegenzusteuern und die richtigen Medikamente einzunehmen. Der beste Zeitpunkt ist erreicht, sobald das erste leichte Ziehen im Kopf zu spüren ist. Kommen die Tabletten zu spät, dauert es viel länger, bis die Schmerzen unter Kontrolle sind.

Insgesamt empfehlen Mediziner vor allem folgende Substanzen: Mittel gegen Übelkeit, freiverkäufliche Schmerzmittel sowie spezielle Migränemittel, die Triptane. Die Medikamentengruppen gegen Migräne im Detail:

Mittel gegen Übelkeit

Die Migräneattacke ruft oft Unwohlsein und Erbrechen hervor. Deshalb sollten Betroffene einige Zeit vor dem Schmerzmittel ein Mittel gegen Übelkeit (Antiemetikum) schlucken. Dafür empfehlen Ärzte Wirkstoffe wie Metoclopramid, Domperidon oder Dimenhydrinat. Versäumt der Migränekranke, diese rechtzeitig einzunehmen, läuft er Gefahr, dass das Schmerzmittel den Wirkort gar nicht erreicht, sondern vorher erbrochen oder nicht aufgenommen wird.

Rezeptfreie Schmerzmittel

Vielen Erkrankten helfen normale Schmerzmittel (Analgetika) wie ASS, Paracetamol, Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen oder Phenazon - sogar bei schweren Attacken. Es empfiehlt sich auszuprobieren, was individuell am besten wirkt. Dabei ist es wichtig, die Mittel gleich von vornherein in ausreichender Dosis einzunehmen: ASS und Paracetamol 1000 Milligramm, Ibuprofen 200 bis 600 Milligramm, Diclofenac 50 Milligramm, Naproxen 500 bis 1000 Milligramm und Phenazon 500 bis 1000 Milligramm.

Triptane

Mittlerweile sind mehrere dieser hochwirksamen Wirkstoffe auf dem deutschen Markt erhältlich. Triptane sind sowohl als Tablette, Fertigspritze, Nasenspray oder Zäpfchen verfügbar - je nach der individuellen Situation und dem Attackenverlauf lässt sich so differenziert auswählen. Die Wirkung setzt meist innerhalb 30 bis 240 Minuten ein. Triptane sind gut verträglich. Kinder unter zwölf Jahren sollten die starken Mittel allerdings nicht nehmen.

Vorbeugen bei häufig auftretender Migräne

Kehren die heftigen Attacken häufig wieder, raten Ärzte dazu, bestimmte Medikamente vorbeugend einzunehmen. Die Faustregel lautet: Wer im Monat mehr als an sieben Tagen Migräne erleidet, bedarf einer Prophylaxe. Auf diese Weise lässt sich erreichen, dass die Attacken weniger häufig auftreten. Betroffene müssen die Medikamente mehrere Monate lang regelmäßig einnehmen. Die Wirkung lässt sich erst nach zirka sechs bis acht Wochen bewerten. Und: Nicht jedem Erkrankten helfen die gleichen Mittel.

Bestimmte Substanzen sind sehr gut untersucht, wirksam und gut verträglich - deshalb verschreiben Ärzte diese Mittel bevorzugt. Zu den Medikamenten erster Wahl zählen:

Vertragen Migränekranke die Mittel erster Wahl nicht oder schlagen die Wirkstoffe bei ihnen nicht an, gibt es Alternativen. Diese Substanzen wirken zwar ebenfalls sehr gut, sind aber mit stärkeren Nebenwirkungen verbunden. Zu den Medikamenten zweiter Wahl zählen:

  • Valproat,
  • Topiramat,

Für eine dritte Gruppe gilt: Diese Mittel haben sich zwar bislang in der Prophylaxe bewährt, ihre tatsächliche Wirksamkeit bei Migräne ist aber noch nicht in großen Studien belegt. Zu den sonstigen Medikamenten zählen:

Was zusätzlich hilft

  • Migränetagebuch: Indem Sie genau protokollieren, unter welchen Umständen die Kopfschmerzen auftreten, beobachten Sie Ihren Körper und Lebensstil kritisch. Das hilft Ihnen im Alltag, Auslöser zu meiden und Attacken zu verhindern.
  • Entspannungsverfahren: Jeder Migränekranke sollte eine Entspannungstechnik erlernen, etwa Yoga oder die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson.
  • Biofeedback: Mittels dieser Technik lernen Migränegeplagte ihre eigenen, meist unbewusst ablaufenden Körperfunktionen zu erkennen und zu steuern. Über Sensoren am Kopf mit einem Computer verkabelt, kann der Erkrankte während eines Biofeedbacks auf dem Monitor sehen, was bei Stress im Gehirn passiert. Während dieser Anwendungen lernt der Migränekranke mit der Zeit, seine Körperfunktionen durch eigene Willenskraft zu steuern.
  • Kopfschmerzseminare: Schmerzkliniken haben spezielle Seminare entwickelt. In kleinen Gruppen lernen Betroffene viel über ihre Erkrankung. Sie erfahren, wie sie im Akutfall mit den Attacken umgehen, welche Medikamente dabei helfen und wie sie ihren Alltag ändern können, um die Schmerzen zu vermeiden. Die Sitzungen leiten meist Ärzte und Psychologen, die eigens auf dem Gebiet geschult sind.
  • Konkordanztherapie: Oft verbergen Betroffene belastende Gedanken hinter einer äußeren Fassade, die ihrem Gegenüber genau das Gegenteil von dem vermittelt, was sie gerade empfinden. Die Konkordanztherapie, ein für Menschen mit Migräne entwickeltes Verhaltenstraining, hilft Patienten, ihre Körpersignale in schwierigen Situationen besser wahrzunehmen. Sie lernen, ihre Gefühle offen auszudrücken und ihre Sorgen und Probleme zu äußern, statt diese "in sich hineinzufressen". Ärzte und Psychologen, die auf die Behandlung von Kopfschmerzen spezialisiert sind, führen solche Therapien durch. Die Kosten dafür tragen in der Regel die gesetzlichen Krankenversicherungen.
  • Sport: Er schafft Ausgleich und Entspannung. Attacken treten dadurch nachweislich seltener auf. Am besten eignen sich Ausdauersportarten wie Laufen, Walken, Schwimmen oder Radfahren. Vorsicht: Wer über seine Kräfte trainiert, riskiert jedoch einen Schmerzanfall.
  • Akupunktur: Einigen Betroffenen hilft dieses Verfahren. Neueste Studien zeigen, dass die traditionelle chinesische Akupunktur zwar nicht besser wirkt als eine Scheinakupunktur. Dennoch haben sich beide Methoden wirksamer erwiesen als ganz darauf zu verzichten. Fraglich ist dabei, ob tatsächlich das Nadeln den Schmerz lindert, oder ob der Erfolg auf Zuwendung und Fürsorge während der Therapie zurückzuführen ist. Einen Versuch sei es dennoch wert, meinen viele Mediziner.
  • Sauna: Der Gang in das Schwitzbad entspannt und verbessert dadurch offenbar die Befindlichkeit. Studien zur Wirksamkeit von Saunagängen bei Kopfschmerzen existieren jedoch nicht. Es gibt auch Menschen, bei denen Saunieren Migräneattacken provoziert.
  • Kneipptherapie: Wassertreten, Wechselbäder, Knie-, Schenkel-, Arm- und Gesichtsgüsse werden bei Kopfschmerzen empfohlen. Medizinisch erwiesen ist die Kneipptherapie nicht. Dennoch kann sie hilfreich sein, denn sie umfasst weit mehr als nur Wasseranwendungen - und sie kann zu einem ausgeglichenen Lebensstil führen.

Tipps

Das oberste Gebot lautet: Finden Sie Ihre individuellen Auslöser. Wenn es Ihnen gelingt, diesen Situationen auszuweichen, haben Sie schon viel gewonnen. Um die Auslöser zu entdecken, führen Sie am besten ein Migränetagebuch. Notieren Sie darin, wann, wie lange, unter welchen Umständen sich bei Ihnen die Schmerzen bemerkbar machen. Damit erleichtern Sie auch Ihrem Arzt die Diagnose. Diese Tipps können Ihnen das Leben mit der Migräne erleichtern:

Schaffen Sie sich kleine Pausen vom Alltag. Beginnen Sie den Tag mit einem gemütlichen kohlenhydratreichen Frühstück. Legen Sie in der Mittagpause einen Spaziergang ein oder führen Sie zwischendurch am Arbeitsplatz ein Entspannungstraining durch. Strukturieren Sie Ihren Tagesablauf. Dabei kann Ihnen auch unser Tagesablauf-Check helfen. Planen Sie nur das, was Ihnen auch machbar erscheint. Legen Sie, falls nötig, einen Stundenplan an, den sie nach und nach abarbeiten. Lassen Sie dabei aber etwas Platz für spontane Entscheidungen. Ein zu starres Zeitbudget setzt Sie eher unter Druck als das es Ihnen bei der Strukturierung Ihres Tages hilft. Gönnen Sie sie einen Belohnungstag, wenn Sie Ihren Ablaufplan eingehalten haben. Ein regelmäßiger Tagesrhythmus ist unerlässlich. Gehen Sie möglichst zur gleichen Zeit ins Bett, stehen stets zur gleichen Zeit auf, und halten Sie möglichst feste Essenszeiten ein - auch am Wochenende. Das ist zwar hart, hilft aber gegen die Attacken. Vermeiden Sie Stress am Arbeitsplatz. Verlangen Sie sich nicht zu viel ab. Lernen Sie, Verantwortung abzugeben. Sagen Sie auch mal "Nein" zu einer Aufgabe, der Sie sich nicht gewachsen fühlen oder wenn es Ihnen widerstrebt, diese zu tun. Verschaffen Sie sich eine größere Distanz zu den unabänderlichen Dingen des Lebens. Üben Sie sich in Gelassenheit. Treiben Sie regelmäßig Sport. Das hilft Ihnen und Ihrem Gehirn "abzuschalten". Führen Sie täglich für etwa 15 Minuten ein Entspannungstraining durch. Das können Sie zum Beispiel mit einer CD lernen. Selbstsicherheitstrainings helfen, die soziale Kompetenz zu erhöhen und Ängste abzubauen. Achten Sie darauf, was Sie essen. Sollte Ihnen auffallen, dass nach Genuss eines bestimmten Lebensmittels Kopfschmerzen eintreten, vermeiden Sie dieses. Achten Sie auf die Dosierung Ihrer Medikamente. Nehmen Sie Schmerzmittel oder Triptane höchstens zehn Tage im Monat. Ansonsten riskieren Sie Dauerkopfschmerzen. Probieren Sie aus, welche Medikamente Ihnen am besten helfen. Freiverkäufliche Schmerzmittel können auch bei schweren Attacken helfen. Wichtig: Verwenden Sie keine Medikamente, von denen Sie nicht genau wissen, ob sie bei Ihnen anschlagen. Mäßig wirksame Mittel können die Attacken steigern.

Expertenrat

Interview mit Professor Stefan Evers, Neurologe am Universitätsklinikum Münster

Was passiert im Kopf vor einer Attacke?

Alle Phasen einer Migräne laufen in verschiedenen Regionen des Gehirns ab. Die ersten Vorboten nimmt der Erkrankte im Frontalhirn wahr. Dort liegen die Zentren für bestimmte Stimmungsempfindungen. Werden diese Areale vor der eigentlichen Attacke aktiviert, fühlen sich manche Menschen depressiv, reagieren gereizt oder werden sogar regelrecht euphorisch. Dabei spüren sie oft ein unwiderstehliches Verlangen nach Süßigkeiten. Manche entwickeln einen derartigen Heißhunger danach, dass sie massenhaft Schokolade verdrücken. Der Grund: Die plötzlich übermäßig aktivierten Hirnareale müssen mit Energie versorgt werden. Die holt sich das Gehirn in Form von Kohlenhydraten, indem es starkes Verlangen nach Süßem suggeriert. Setzt danach irgendwann die Migräneattacke ein, glauben Betroffene oft fälschlicherweise, die Schokolade, die sie kurz zuvor gegessen haben, hätte die Schmerzen ausgelöst.

Nur ein kleiner Teil der Migränekranken erlebt tatsächlich eine Aura. Diese entsteht im hinteren Bereich des Großhirns, im Sehzentrum. Deshalb leiden währenddessen die meisten fast ausschließlich an Sehstörungen. Verursacht werden sie durch Nervenlähmungen, die sich von einer grauen Zelle zur nächsten fortsetzen und schließlich wie eine Welle über das im gesamten Gehirn hinweggleiten. Je stärker dabei die Lähmung, desto deutlicher die visuellen Ausfälle.

Was läuft im Kopf während der Attacke ab?

Der Schmerz hat seinen Ursprung im Hirnstamm. Dort liegen Zentren, die den Kopfschmerz kontrollieren und unbedeutende Reize herausfiltern. Das ist wichtig, damit uns nicht jede noch so kleine Berührung gleich weh tut. Bei Menschen, die an Migräne leiden, ist dieser Filter defekt. Während im Körper eines Gesunden der Botenstoff Serotonin dafür sorgt, die unzähligen Schmerzimpulse zu dämpfen, fehlt dem Migränekranken Serotonin. Die Schmerzhemmung im Gehirn gerät derart außer Kontrolle, dass alle Reize aus dem Gesichts- und Kopfbereich ungehindert zum Hirnstamm gelangen, wo sie unverzüglich als Schmerz identifiziert werden. Allmählich wird der Betroffene so empfindlich, dass er sogar qualvoll spürt, wie die Adern in seinem Kopf pulsieren. Steigen die Schmerzreize, schüttet der Hirnstamm Botenstoffe aus, sogenannte Neuropeptide. Diese lösen an den Innenwänden der Blutgefäße Entzündungen aus. Dadurch werden die schmerzempfindlichen Hirnhäute stärker durchblutet, die Blutgefäße dehnen sich und werden durchlässiger, so dass die Entzündungsbotenstoffe auch ins umgebende Gewebe fluten und der Kopfschmerz sich bis ins Unerträgliche steigert. Warum die Pein irgendwann aufhört, ist bislang ungeklärt.

Ist der Besuch beim Arzt so wichtig?

Migräne ist von anderen Kopfschmerzformen gut zu unterscheiden. Um sie zu identifizieren, sollte der behandelnde Arzt mit ihren Kriterien vertraut sein. Das ist leider nicht immer der Fall. Nur annähernd jeder zweite Migränepatient kennt seine Diagnose. Viele glauben, ihre Schmerzen hätten andere Ursachen, seien etwa auf Spannungskopfschmerz, Rücken- oder Zahnprobleme zurückzuführen. Mein Rat lautet daher: Wen wiederholt Kopfschmerzattacken heimsuchen, sollte unbedingt einen Arzt konsultieren. Da für gewöhnlich der Hausarzt die erste Diagnose stellt, sollte sich der Patient nicht scheuen nachzufragen, ob der Arzt sich auf dem Gebiet auskennt. Ansonsten sollten Sie einen Neurologe zu Rate ziehen. Der erstellt die Anamnese, indem er die einzelnen, international festgelegten Kriterien abfragt. Dabei kann ihm natürlich ein Kopfschmerz-Kalender helfen. Erst wenn die Diagnose nicht klar festzustellen ist, prüft er mittels bildgebender Verfahren, ob der Kopfschmerz nicht andere Ursachen haben könnte.

Was hilft Migränikern denn am besten?

Betroffene müssen lernen, mit dem Unausweichlichen umzugehen. Denn Migräne ist nicht heilbar. Wer auf Wundermittel hofft, wird enttäuscht. Dennoch können Medikamente helfen, den Schmerz und lästige Begleiterscheinungen zu lindern. Mediziner empfehlen ein Drei-Stufen-Konzept:

Im akuten Fall - Welches Medikament nehme ich, wenn eine Attacke kommt, damit sie schnell wieder verschwindet.

Zur Vorbeugung - Welches Medikament nehme ich, wenn ich oft unter Attacken leide, damit diese gar nicht erst entstehen.

Prophylaxe ohne Medikamente - was kann ich tun, Attacken zu verhindern, ohne Medikamente einnehmen zu müssen.

Wann kann ein Dauerkopfschmerz entstehen?

Alle Medikamente, die gegen akute Kopfschmerzen wirken, können einen Dauerkopfschmerz erzeugen. Das betrifft sowohl freiverkäufliche Schmerzmittel als auch verschreibungspflichtige Triptane. Keinesfalls sollte jemand sie daher länger als zehn Tage im Monat einnehmen, denn sonst kann die Migräne chronisch werden: Setzt der Migränegeplagte das Medikament ab, bekommt er Entzugserscheinungen. Und die gehen in aller Regel mit starken Kopfschmerzen einher.

Von welchen Therapien raten Sie dringend ab?

Nicht zu empfehlen sind Behandlungsformen, bei denen Gewebe zerstört wird. Abzuraten ist vor allem von einer operativen Durchtrennung des Trigeminusnervs oder von Muskeln wie bei der sogenannten Migränechirurgie. Insbesondere die Wirksamkeit der Durchtrennung des Stirn-Gesichts-Muskels zur Behandlung der Migräne ist bis heute wissenschaftlich nicht belegt.

Ist Migräne eine Frauenkrankheit?

Nein. Frauen sind zwar doppelt so oft betroffen wie Männer. Migräne tritt also auch bei Männern auf. Diese haben vielfach sogar besonders schwere Anfälle. Viele Frauen haben Migräneattacken vor der Menstruation. Die Menstruation ist dabei ein Auslöser der Migräne, nicht jedoch die eigentliche Ursache.

Kirsten Milhahn

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