Nutzen Kopfschmerz-Geplagte ihr Leid aus?

7. Juli 2008, 14:22 Uhr

Frauen benutzen Migräne häufig als Ausrede - so das Vorurteil. Über den seelischen Krankheitsgewinn von Kopfschmerzen sprach stern.de mit Paul Nilges, Psychologe am DRK-Schmerzzentrum in Mainz.

Migräne

Umsorgt und gepflegt: Wer leidet, bekommt mehr Zuwendung©

Herr Nilges, bekommt jemand Migräne, um sich damit einen Vorteil zu verschaffen?
Nein. Mit der Migräne sind viele Mythen verbunden, wie mit allen Beschwerden, die man sich nicht so einfach erklären kann. Diese Unsicherheit über die Gründe ist für viele Patienten, aber auch für Angehörige und Ärzte oder Psychologen nur schwer zu ertragen. Und je unklarer die Situation ist und je länger Beschwerden bestehen, desto abenteuerlicher werden die Unterstellungen. Aber damit ist fast immer eine Abwertung des Patienten betroffen: Ihm wird unterstellt, dass er in Wirklichkeit gar nicht gesund werden möchte, weil er Vorteile davon hat.

Was könnten denn die Vorteile sein?
Immer wieder genannt werden Zuwendung und Entlastung von familiären Verpflichtungen. Aber auch Bindung des Partners in der Beziehung oder Vermeidung von Sexualität sind Themen. Und schließlich äußere Vorteile wie Rentenzahlungen oder Entlastungen am Arbeitsplatz.

Ist jemals nachgewiesen worden, dass Menschen aus solchen Gründen an ihren Kopfschmerzen festhalten?
Es gibt Einzelfälle, aber keine einzige Studie konnte eine nennenswerte Bedeutung des so genannten sekundären Krankheitsgewinns für die Migräne nachweisen. Das gilt auch für andere Beschwerden. Deshalb muss man das Konzept heute als überholt ansehen. Trotzdem kommen zu uns immer noch viele Patienten, die sich das anhören mussten. Besonders gefährdet sind ausgerechnet die Betroffenen, die sich lange zusammenreißen oder die schnell Medikamente nehmen, um weiter zu funktionieren. Diese Menschen wirken nach außen vielleicht unbelastet, fühlen sich aber ganz schlecht – und dann wird ihnen noch unterstellt, dass sie simulieren.

Kann es vorkommen, dass äußere Faktoren ein Migräne aufrechterhalten, ohne dass es den Betroffenen bewusst ist?
In Einzelfällen kann es so eine Dynamik geben, und deshalb lohnt es sich auch hinzugucken. Ich hatte mal eine Patientin mit großen sozialen Ängsten. Durch ihre Migräne hatte sie immer einen akzeptablen Grund, um Einladungen zu Partys abzulehnen, und das war ihr durchaus recht. Im Rahmen einer Therapie fiel ihr das auf, und sie hat dann beschlossen, an ihren Ängsten zu arbeiten. Denn diese waren gleichzeitig eine wichtige Ursache für Migräneanfälle. Ob solche Gründe eine Rolle spielen oder nicht, kann nur der Betroffene im Gespräch mit Spezialisten selbst entscheiden. Man versteht heute Migräneattacken als Funktionsstörung, als eine Art Vollbremsung des Gehirns, um sich vor Überlastung zu schützen. Gewöhnlich bremsen wir ja nicht, weil es uns Spaß macht, sondern um einen Unfall zu verhindern.

Ist es nicht psychisch gesund, wenn man versucht, auch die guten Seiten einer belastenden Situation zu sehen?
Durchaus, und deshalb ist ein gewisser Gewinn auch legitim. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Betroffene durch die Migräne ja erstmal viel verliert, und zwar immer viel mehr als er vielleicht irgendwo gewinnt. Natürlich versucht die Seele, diese Verluste irgendwie auszugleichen. Wenn ich eine Grippe habe, habe ich ja auch einen Gewinn, wenn meine Frau mir Tee und Zwieback ans Bett bringt. Aber niemand würde mir unterstellen, dass ich die Grippe für den Zwieback bekomme.

Was kann ich tun, wenn mir meine Umgebung unterstellt, ich würde durch die Migräne einen Gewinn erzielen?
Wichtig ist, dass Sie sich erstmal selbst informieren. Dann sollten Sie dieses Wissen auch an Ihre Angehörigen weitergeben. Sagen Sie deutlich, wie es Ihnen geht und was Sie gerade brauchen. Warten Sie nicht darauf, dass der andere schon erahnt, was jetzt gerade richtig ist, aber grenzen Sie sich auch ab, wenn Sie einfach Ruhe brauchen. Und schämen Sie sich nicht dafür, dass man für Ihre Beschwerden keine körperliche Krankheit als Ursache findet. Es sind trotzdem echte Schmerzen.

Interview: Heike Dierbach

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