Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

Stern Logo Gefahrenzone Krankenhaus

"Die Zimmer sehen aus wie Schweineställe"

Keine Zeit für die Patienten, Hygieneschlampereinen und falsche Abrechnungen: Ein Pfleger packt aus - und erzählt von erschütternden Zuständen.

Von Anika Geisler

  Zeitdruck und permanente Überforderung: Ein Pfleger, der anonym bleiben möchte, berichtet dem stern aus seinem Arbeitsalltag.

Zeitdruck und permanente Überforderung: Ein Pfleger, der anonym bleiben möchte, berichtet dem stern aus seinem Arbeitsalltag.

Was läuft schief im deutschen Gesundheitssystem? Fünf Minuten Zeit pro Patient, keine Einarbeitung, keine Pausen. Überforderung: Arbeitsalltag. Ein Pfleger klagt an.

Personalmangel

Unsere Station ist voll belegt, 31 Patienten. Ich bin neu im Team und als Schichtleitung eingeteilt. Alle anderen Pflegekräfte der Station sind auf einer Betriebsfeier. Ich bin nicht eingearbeitet worden. Wie ist die Durchwahl zum Reanimationsteam? Weiß ich nicht. Ich habe keinen Zugang zum Computersystem. Und wo ist der Notfallkoffer? Als ich ihn finde, sehe ich: Er ist nicht voll bestückt, Teile der Medikamente sind abgelaufen. Tagsüber werden oftmals Schwesternschülerinnen oder Praktikanten wie eine volle Kraft eingeteilt, um die Lücken zu füllen - die wissen oft noch nichts und sollen eigentlich nur mitlaufen. Manchmal sind wir tagsüber nur zwei Pflegekräfte plus eine Schülerin und eine Praktikantin - eigentlich sollten wir sechs volle Kräfte sein. Pro Patient habe ich etwa fünf Minuten Zeit am Tag.

Solidarität

Heute bin ich abends völlig erschöpft vom Dienst nach Hause gekommen. Ich hatte das Gefühl, meine Arbeit nicht mehr zu schaffen und die Patienten nicht richtig versorgen zu können. Etwas später klingelt mein Handy, ein Kollege ist dran: "Kannst du uns helfen, wir haben keinen im Nachtdienst und müssen das jetzt irgendwie überbrücken?". Ein Fehler im Dienstplan, aus Versehen wurde niemand für den Nachtdienst eingeteilt. Jetzt bleibt mein Kollege aus dem Spätdienst länger und bittet mich, ob ich zwei Stunden früher antreten kann: statt um sechs Uhr morgens um vier. Die Masche funktioniert: Meine Kollegen lasse ich nicht hängen - und die Patienten auch nicht.

Vorgesetzte und Sparzwang

Meine Pflegedienstleiterin schimpft, dass wir teures Material nicht so häufig verwenden sollen. Nehmt die billigen Pflaster und Verbände, nicht die teuren. Die Auftritte sind peinlich und demütigend.

Pausen

Ich esse manchmal heimlich in einer Ecke. Schnell stopfe ich mir eine Banane oder ein trockenes Brötchen aus der Kitteltasche in den Mund. Eigentlich soll man zum Essen in einen Extraraum gehen. Nur wenn ich das mache, geht zu viel Zeit verloren und ich schaffe meine Arbeit nicht.

Überforderung, Isolation, Hygiene

Es ist Wochenende, die Station ist überbelegt. Wir haben eine Menge alte Patienten, die nicht mobil sind oder dement. Die Dementen finden ihr Zimmer nicht mehr oder wollen auf die Straße laufen. Im Moment haben viele Erbrechen und Durchfall, schwierige Keime: Clostridien, Noroviren. Die Erkrankten müssen in Isolierzimmer. Das heisst einzeln liegen, und wenn man reingeht, muss man sich vermummen: Kittel, Handschuhe, Mundschutz, Haube. Es fehlt frische Wäsche, Handtücher, Waschlappen, Bettlaken. Die Zimmer sehen aus wie Schweineställe, die Reinigungskräfte sind unterbesetzt und kommen mit dem Putzen nicht mehr hinterher. Die Papierkörbe quellen über. Die Isolierzimmer müssten theoretisch an den Wänden bis 1,80 Meter hoch gereinigt werden. Manche demente Patienten reiben ihre Exkremente an die Wand, an die Bettgestelle, man kommt mit Säubern und Desinfizieren nicht mehr hinterher. Einen Patienten musste ich 90 Minuten lang reinigen, er war eingekotet von den Hacken bis zum Nacken.

Eigentlich müsste ein Aufnahmestopp für die Station herrschen - aber stattdessen wird in ein Zweibettzimmer noch ein drittes Bett gequetscht. Ich hoffe, dass ich nicht als Patient ins Krankenhaus muss - das Infektionsrisiko ist so hoch. Aus Zeitmangel wird oft unsauber gearbeitet. Davor habe ich Angst.

Nachtdienst

Den mache ich alleine. Eigentlich sollte man zu zweit sein. Manche der dementen Patienten schreien beinahe durchgehend um Hilfe, manche haben Wahnvorstellungen. Unruhige, verwirrte Patienten werden mit Tabletten ruhig gestellt, die hat der Arzt angeordnet - und ich mache da mit.

Falsche Dokumentation

Ab und an verlangt meine Pflegedienstleiterin, dass ich Tätigkeiten abzeichne, die ich nicht gemacht habe, das heißt dann Erlösoptimierung. Mach hier mal drei Häkchen und dein Kürzel dahinter, sagt sie. Zum Beispiel Lagern, Essen anreichen, Hilfe beim Waschen, Hilfe beim Zähneputzen. All das wird abgerechnet, das Krankenhaus bekommt Geld - aber ich hatte gar keine Zeit dafür. Einen Patienten zwölf Mal am Tag lagern, so wie es im Idealfall sein soll - das kriegen wir gar nicht hin. Ich weigere mich, mein Kürzel dahinter zu setzen und streite mich heftig mit der Chefin.

Personalmangel, Pflegemängel

Im Moment sind fünf Kollegen krank, Ersatz gibt es nicht. Bei einer Schlaganfallpatientin, die gelähmt ist, aber geistig klar und die eine Lungenentzündung und Schluckstörungen hat, schaffe ich es nicht, Speichel aus dem Rachen abzusaugen. Der Mund geht gar nicht mehr richtig auf. Er ist total verborkt, offensichtlich hat Tage lang keiner mehr Mundpflege bei ihr gemacht. Dafür gibt es spezielle Sets und Techniken, um die Lippen und Schleimhäute geschmeidig und sauber zu halten. Wir sind angehalten, sparsam mit den Pflegesets umzugehen. Die Frau hat nur stumm meine Hand gehalten und geweint, als ich mich um sie kümmerte, ein schlimmer Moment. Ich möchte, wenn ich alt bin, nicht so da liegen. Eine Horrorvorstellung.

Überlastung

Eigentlich müsste ich eine Überlastungsanzeige schreiben, die Arbeitsbedingungen sind chaotisch und katastrophal. Solche Anzeigen sind ein Signal an die Geschäftsführung, das man es nicht mehr schafft und die Versorgung der Patienten gefährdet ist. Eigentlich sollte ein bettlägeriger Patient alle zwei bis drei Stunden gelagert werden - das kriegen wir gar nicht mehr hin. Dann drohen Muskelverkürzungen und wunde Stellen vom Liegen. Aber meine Pflegedienstleiterin warnt uns immer wieder davor, solche Anzeigen zu schreiben. Und die Kollegen sagen, das gibt nur Ärger. Eigentlich müsste ich fast jeden Tag so eine Gefährdungsanzeige schreiben.

Medikamente

Morgens im Frühdienst müsste ich noch mal genau kontrollieren, ob der Nachtdienst die Medikamente richtig für die Patienten sortiert und vorbereitet hat. Ist das richtige Antibiotikum in der Infusionsflasche? Haben sich die Kristalle in der Flüssigkeit richtig aufgelöst? Sind die richtigen Kapseln und Tabletten in den kleinen Becherchen? Aber oft bin ich zu müde dafür oder zu sehr unter Zeitdruck. Häufig fehlen Tabletten, wenn man genau kontrolliert. Einmal fiel erst nach zwei Wochen auf, dass bei einem Patienten ein falsches Mittel angesetzt worden ist - war eine Namensverwechslung.

Sterben bringt kein Geld

Eine Palliativpatientin kommt zu uns auf die Station. Es ist ganz klar: Wir sollen ihre Leiden lindern und das Sterben zulassen. Sie soll hier in Ruhe sterben können. Die Ärztin ordnet aber an: aufsetzen, auf den Bettrand setzen - denn das kann als Mobilisationsversuch abgerechnet werden. Hier darf nicht in Ruhe gestorben werden, das bringt kein Geld.

Kränker machen

Wir müssen unglaublich viel ausfüllen, abhaken, ankreuzen, dokumentieren: Patientenkurven, Pflegepläne, Tabellen, Einschätzungen. Das ist wichtig, ja. Aber die Zeit fehlt bei der Pflege der Patienten. Und letztlich ist es den Vorgesetzten darum so wichtig, damit alles abgerechnet werden kann. Wir werden oft angehalten, die Patienten kränker und unselbständiger einzustufen, als sie sind. Dann muss man mehr Tätigkeiten unterstützen oder übernehmen - und kann mehr abrechnen.

Weitere Themen

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools