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Geldmaschine Operationssaal

7. Dezember 2012, 14:42 Uhr

Soll man mit Rückenschmerzen zur Krankengymnastik oder zum Chirurgen? Immer mehr Patienten werden operiert - auch bei anderen Leiden oft ohne Not und aus ökonomischen Motiven, kritisieren die Kassen.

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In Deutschlands Kliniken wurden im vergangenen Jahr so viele Patienten behandelt wie noch nie.©

In deutschen Krankenhäusern werden immer mehr Patienten operiert - viele von ihnen offenbar unnötig. Die Zahl der stationären Behandlungen sei vor allem in jenen Bereichen gestiegen, "die wirtschaftlichen Gewinn versprechen", wie aus dem Krankenhaus-Report der AOK hervorgeht. So hat sich zum Beispiel die Zahl der Wirbelsäulenoperationen bei AOK-Versicherten zwischen 2005 und 2010 mehr als verdoppelt. Auch bei Herzschrittmachern sei die Zahl der Eingriffe zwischen 2008 und 2010 um ein Viertel gestiegen.

Insgesamt wurden in Deutschlands Kliniken im vergangenen Jahr so viele Patienten behandelt wie noch nie. Der vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) herausgegebenen Studie zufolge stieg die Zahl der stationären Behandlungen seit 2005 insgesamt um 11,8 Prozent je Einwohner. Binnen 20 Jahren sei die Zahl der Krankenhausaufenthalte zwischen 1991 und 2011 um fast ein Viertel gestiegen. Bereits im Jahr 2010 gab es mehr als 18 Millionen Klinikaufenthalte, 2011 kamen rund 310.000 Behandlungen dazu.

Nur jeder dritte der zusätzlichen Fälle ist dem Report zufolge durch das Älterwerden der Gesellschaft erklärbar. Die Kliniken steigern laut AOK die Menge der Leistungen, um ihren wirtschaftlichen Erfolg zu sichern. Die Hälfte des Zuwachses entfällt auf Leiden des Muskel-Skelett-Systems, des Kreislaufsystems und der Harnorgane.

Ökonomische Fehlanreize

"Mehr Menge bedeutet nicht zwangsläufig mehr Nutzen für die Patienten", erklärte AOK-Vorstand Uwe Deh. Niemand dürfe "unnötig operiert werden. Gerade bei lukrativen und planbaren Eingriffen wie bei Wirbelsäulenoperationen oder bei Untersuchungen mit Herzkathetern könnten die steigenden Zahlen "nachweislich nicht damit erklärt werden, dass sich der medizinische Bedarf entsprechend entwickelt hat".

Es gebe besonders dort starke Zuwächse, wo die Eingriffe Gewinn versprächen, sagte WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Beim Einsatz künstlicher Hüft- und Kniegelenke liege Deutschland europaweit an der Spitze. Einen Anstieg von 25 Prozent habe es binnen zwei Jahren bei der Implantation kleiner Defibrillatoren, also Stromstoßgeber, bei Herzpatienten gegeben.

Diese Kontraste sowie die Tatsache, dass es gerade bei lukrativen Fällen starke Zuwächse gebe, wertete Klauber als starken Hinweis auf vielerorts unnötige Operationen. Die Klinikausgaben der Kassen stiegen 2011 um 2 auf 60,8 Milliarden Euro.

"Den ökonomischen Fehlanreizen kommt eine ganz gewichtige Rolle zu", sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, Fritz Uwe Niethard. So bringe eine typische Wirbelsäulen-OP einer Klinik 12.000 Euro ein. Dafür könnten 100 Jahre Behandlung ohne OP bezahlt werden.

Qualität der Kliniken schwankt stark

AOK-Vorstand Deh machte ein Bündel von Ursachen für die Zuwächse verantwortlich. "Chefarzt-Boni für mehr Menge sind nur die Spitze des Eisbergs." Erst vor wenigen Tagen hatte die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie gefordert, die Vereinbarungen über Bonuszahlungen bei vielen Eingriffen in fast der Hälfte der Chefarztverträge einzudämmen.

Auch die Qualität der Kliniken unterscheidet sich dem Report zufolge deutlich. Verglichen wurden Komplikationen und unerwünschte Ereignisse in den 614 untersuchten Krankenhäusern. Während es in 74 Kliniken bei weniger als fünf Prozent der Katheterpatienten zu einem Problem kam, lag die Rate in 37 Häusern bei mehr als 15 Prozent. In Zukunft sollten die Kassen die Möglichkeit bekommen, "nachweislich schlechte Qualität nicht zu bezahlen", forderte Deh. Dies sei nötig, um "die Spreu vom Weizen" zu trennen.

ivi/lea/DPA/AFP

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